Maria wacht über uns

Alte Ikonen der Muttergottes spenden Trost in einer turbulenten Welt

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Von Elizabeth Lev*

ROM, 22. November 2012 (ZENIT.org). ‑ „I’m a little lamb who’s lost in the wood / I know I could, always be good / To one who’ll watch over me.“ Die rührenden Noten dieses Gershwin-Lieds von 1926 wären eine gute musikalische Untermalung für die neue Ausstellung im Palazzo Venezia, die den Besuchern 14 alte Madonnenbilder zeigt, die auf das 6. bis 13. Jahrhundert zurückgehen. Das sind etwa ein Viertel der 67 mittelalterlichen Ikonen, die in der Region Latium noch erhalten sind.

In einem tiefblauen Raum – die Farbe sowohl des Himmels als auch des Mantels der Jungfrau – fühlt sich der Besucher wie eingehüllt und beschützt durch diese alten Ikonen, die aus dem Halbdunkel hervor scheinen wie Leuchtfeuer in der Finsternis.

Aus jedem Rahmen blickt ein Bild der Muttergottes hervor, still und sanft. In den vielen Jahrhunderten ihres Bestehens wurden diese Bilder Zeugen der Gebete Tausender von Menschen und spendeten Trost in der turbulenten Geschichte der Stadt Rom, mit ihren Kriegen, Epidemien, Naturkatastrophen und Hungersnöten. Tausend Jahre später, nach sorgfältiger und liebevoller Restaurierung, scheint Maria bereit zu sein, einem weiteren Jahrtausend Trost zu spenden.

Das Glanzstück der Ausstellung ist die „Imago Antiqua“ der Muttergottes mit Kind aus der Franziskuskirche in Rom. Es handelt sich um die älteste in Italien erhaltene Ikone; sie geht zurück auf das sechste Jahrhundert. Die ältesten Ikonen der Welt stammen aus der Zeit Kaiser Justinians und werden im Katharinenkloster am Berge Sinai in Ägypten aufbewahrt; die in der Ausstellung gezeigte Ikone liegt den ägyptischen zeitlich nah. Der Bildersturm zerstörte im achten Jahrhundert die meisten damals existierenden Ikonen; deshalb gehören diese seltenen Überlebenden zu den größten Schätzen der Kunst- und Glaubensgeschichte.

Die „Imago Antiqua“ befand sich ursprünglich in der Kirche „Santa Maria Antica“ im römischen Forum; als diese Kirche 847 durch ein Erdbeben zerstört wurde, gelang es, die Ikone zu retten. Beschädigungen, die sich im Laufe der Jahrhunderte häuften, führten zu starker Übermalung, aber 1950 wurden bei der Restaurierung des Bildes die jüngeren Farbschichten abgetragen und die ursprünglichen Gesichter der Muttergottes und des Kindes wieder freigelegt.

Die Ausstellung zeigt neben der restaurierten Ikone ein Bild ihres Zustands vor der Restaurierung, mit der danach entfernten Übermalung; ein schönes Beispiel für die Kunst des Restaurierens.

Maria wird als die „Hodegetria“ gezeigt, was „die Wegweisende“ bedeutet. Indem sie den Betrachter ansieht, zeigt sie mit ihren langen Fingern auf das Kind auf ihrem Schoß, als wolle das Bild die Worte des Johannesevangeliums verdeutlichen: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6).

Eine andere altehrwürdige Ikone ist die Maria „Haghiosoritissa“ aus der Kirche San Sisto entlang der Via Appia. Dieses Werk, das aufs 7. bis 8. Jahrhundert datiert wird, zeigt die Muttergottes als unsere Fürbitterin. In einen purpurnen Mantel gehüllt, zeigt Maria zum Himmel. In der Originalkomposition, die zuerst in Konstantinopel gemalt wurde, befand sie sich unter einem Bild des thronenden Christus und leitete den Blick der Gläubigen daher auf ihren Sohn. Von dieser Ikone, die am 14. März 1641 vom Kapitel des Petersdoms gekrönt wurde, glaubte man, der Evangelist Lukas habe sie gemalt und die Engel sie vollendet.

Die etwas geisterhafte Erscheinung der Jungfrau auf diesen Ikonen könnte auf die ägyptische Begräbniskunst zurückgehen, denn in Ägypten wurden oft Bilder der Verstorbenen auf den Sarkophagen angebracht. Nicht selten wurden diese Bilder auf gesonderte Tafeln gemalt; sie waren in erster Linie nicht als naturgetreue Portraits gedacht, sondern sollten die Verstorbenen gegenwärtig machen. Diese spiritualisierte Portraitmalerei könnte eine Vorstufe für die Vergegenwärtigung der Jungfrau und der Heiligen durch die Ikonen gewesen sein.

Beide Ikonentypen – die „Hodegetria“ und die „Haghiosoritissa“ – waren im Mittelalter sehr populär. So kann die Ausstellung mehrere Exemplare aus verschiedenen Kirchen Roms zeigen; zum Beispiel aus Santa Maria in Aracoeli und Santa Maria della Concezione in Campo Marzio. Die Ikone aus Sankt Kosmas und Damian ist auch als die „Madonna des Grußes“ bekannt, weil Papst Gregor der Große die Gewohnheit hatte, täglich auf einen Gruß bei diesem Bild vorbei zu kommen, und als er es einmal aufgrund der vielen Alltagsgeschäfte vergaß, erschien ihm Maria im Traum und fragte, warum er sie vernachlässigt habe.

Eine weitere Ikone aus San Silvestro al Quirinale stellt eine „Madonna lactans“ dar, eine der ältesten Darstellungen Mariens, wie sie dem Kind die Brust gibt und eine Anspielung auf die menschliche Natur Christi.

Die Ausstellung zeigt auch einen bemerkenswert schönen tragbaren Altar, den sogenannten „Altar Gregors des Großen“. Er wird im Museum neben der Kirche Santa Croce in Gerusalemme in Rom aufbewahrt. Etwa einen Meter hoch und genauso breit, besteht der Altar aus Gold und Messing, mit zwei Türen, die geöffnet ein Mikromosaik der Kreuzigung Christi offenbaren, alles auserlesenste Handarbeit.

Der Altar wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts gefertigt und vom Herzog Orsini del Balzo, dessen Wappen auf dem Werk zu sehen ist, für die Kirche Santa Croce gestiftet. Das Christusbild ist von 195 Vertiefungen umgeben, von denen jede eine andere Heiligenreliquie enthält; alle einzeln in Stoff gehüllt und beschriftet.

Wenn wir uns vom Bild des Gekreuzigten und den Reliquien der zahlreichen Männer und Frauen, die nun mit ihm im Himmel sind, abwenden, sehen wir wieder die vergoldeten Bilder der Muttergottes, die über uns wacht und uns mit einer Geste auffordert, die Finsternis zu verlassen und uns von ihr zum Licht führen zu lassen.

* Elizabeth Lev unterrichtet christliche Kunst und Architektur auf dem italienischen Campus der Duquesne University und am katholischen Studien Programm von St. Thomas. Ihr Buch „The Tigress of Forlì: Renaissance Italy's Most Courageous and Notorious Countess, Caterina Riario Sforza de' Medici“ wurde vergangenen Herbst von Harcourt, Mifflin Houghton Press veröffentlicht [Rezension auf ZENIT]. Sie kann unter lizlev@zenit.org erreicht werden.

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]