Marianna Popiełuszko erzählt den Märtyrertod ihres Sohnes Jerzy (Dritter Teil)

Der tiefe Glaube einer Frau, die ihren Sohn für Christus sterben sah

Warschau, (ZENIT.org) Wlodzimierz Redzioch | 784 klicks

Wir veröffentlichen heute den dritten Teil des Interviews, das Włodzimierz Rędzioch mit Marianna Popiełuszko, der 92-jährigen Mutter des polnischen Märtyrers Jerzy Popiełuszko führte. Der zweite Teil erschien am Freitag, dem 8. März.

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Im März 1979 erhielten Sie eine traurige Nachricht: P. Jerzy war aufgrund einer schweren Anämie ins Krankenhaus eingewiesen worden…

Marianna Popiełuszko: Ich war sehr besorgt, aber ich konnte nichts für ihn tun, außer beten. Aber ich habe mich sehr gefreut, als er aus dem Krankenhaus entlassen wurde und auf Genesungsurlaub nach Hause kam. Da konnte ich ihn endlich eine Zeitlang bei mir haben und ihm zu essen geben, wie es sich gehört. Als er wieder abreiste, kamen mir die Tränen, denn ich wusste nicht, wann ich ihn das nächste Mal zu sehen bekommen würde.

1979 ist auch das Jahr, als Papst Johannes Paul II. Polen besuchte. Hat P. Jerzy an den Vorbereitungen für den Papstbesuch mitgearbeitet?

Marianna Popiełuszko: Er sagte mir, dass man ihm, weil er der Seelsorger der Ärzte und Krankenpfleger war, damit beauftragt hatte, die medizinische Assistenz für den Papstbesuch vorzubereiten.

Das folgende Jahr wurde zu einem wichtigen Jahr in der Geschichte Polens. Erlauben Sie mir, die Ereignisse zusammenzufassen, die 1980 stattfanden und einen großen Einfluss auf das Leben der Nation und jedes einzelnen Polen haben sollten: Am 1. Juli 1980 hatte das kommunistische Regime die Lebensmittelpreise angehoben, was eine Streikwelle zur Folge hatte. Es streikten die Eisenbahner, die Arbeiter der Werften in Danzig und Stettin, die Arbeiter der Stahlwerke „Huta Warszawa“. Wie verhielt sich P. Jerzy in diesem dramatischen Moment der polnischen Geschichte?

Marianna Popiełuszko: Jerzy war damals als Kaplan in der Pfarrei „St. Stanisław Kostka“ im Warschauer Stadtteil Żoliborz tätig. Als die Arbeiterstreiks einsetzten, berührte ihn das sehr. Als der Streik sich auch auf die Wahrschauer Stahlwerke ausdehnte, ging er in die Fabrik, um für die Stahlarbeiter eine heilige Messe zu feiern. Damit begann seine Tätigkeit als Seelsorger der Arbeiter. Nach dieser ersten Begegnung besuchte er auch die anderen streikenden Gruppen: die Studenten der medizinischen Fakultät und der Feuerwehrschule. Er erfüllte damit nur seine Pflicht als Priester. Nie ging er über seine Befugnisse hinaus. Und er rührte keinen Finger ohne die Erlaubnis seines Pfarrers P. Teofil Bogucki, der für ihn wie ein Vater war.

Im selben Jahr wurde auch „Solidarność“ gegründet, die erste unabhängige Gewerkschaft im ganzen Ostblock, die am 13. Dezember 1981 verboten wurde, als General Jaruzelski den Kriegszustand ausrief. Haben Sie sich Sorgen um Ihren Sohn gemacht, da er in der Hauptstadt lebte?

Marianna Popiełuszko: Ich wusste, dass Jerzy in Warschau nicht sicher war. Deshalb habe ich viel für ihn gebetet.

Angeblich soll P. Jerzy an Heiligabend den Soldaten, die das Pfarrhaus bewachten, „Oplatek“ ausgeteilt haben (ungeweihte Hostien, die man in Polen als Weihnachtsgruß verwendet) und die Menschen dazu ermutigt haben, ihnen warme Mahlzeiten zu bringen…

Marianna Popiełuszko: Ich hatte ihm beigebracht, zu allen gut zu sein. Er wollte das Böse durch das Gute besiegen. Er konnte nicht anders.

P. Jerzy half auch den Opfern politischer Verfolgung und ihren Familien. Und er ging zu den Gerichtsverhandlungen gegen Aktivisten von Solidarność…

Marianna Popiełuszko: Er half, wo er konnte und so gut er konnte. Immer, wenn ich ihn besuchte, war sein Zimmer voller Menschen. Es gelang mir nie, ihn unter vier Augen zu sprechen, und ich machte mir große Sorgen. Aber ich wusste, dass Gott einen Plan für ihn hatte und über ihn wachen würde.

In der Zeit des Kriegsrechts war P. Jerzy bekannt für seine sogenannten „Vaterlandsmessen“. Haben Sie je an einer dieser Messen teilgenommen?

Marianna Popiełuszko: Die ersten Messen fürs Vaterland organisierte der Pfarrer, P. Bogucki. Jerzy feierte sie erst ab dem 17. Januar 1982. An diesen Messen nahmen immer sehr viele Menschen teil, mehr als die Kirche fassen konnte, so dass Tausende von Gläubigen draußen vor der Kirche bleiben mussten. Einmal bin ich mit meinem Sohn Józef zu einer dieser Messen gegangen. Jerzy war nicht sehr erfreut, uns in Warschau zu sehen, denn es waren gefährliche Zeiten. Aber er war dennoch gerührt. Normalerweise hörte ich die Übertragen seiner Messen fürs Vaterland im Radio, auf dem Sender „Free Europe“. Ich war Stolz, die Stimme meines Sohnes im Radio zu hören. Aber viel wichtiger war es für mich zu wissen, dass dank dieser Messen zahlreiche Menschen sich bekehrten.

Seine Homilien sprachen alle an, Arbeiter genauso wie Universitätsprofessoren. Wie waren seine Predigten?

Marianna Popiełuszko: Er bereitete sich auf jede einzelne Messe sehr gewissenhaft vor. Nach seinem Tod hat man mir seine Notizen gegeben, die er als Vorbereitung auf seine Predigten schrieb. Er zitierte gern unseren Primas Wyszynski und Papst Johannes Paul II.

Ist Ihr Sohn in der Zeit des Kriegszustands auch manchmal nach Hause gekommen?

Marianna Popiełuszko: Sehr selten, aber ich verstand ihn. Zumal er damals schon vom Geheimdienst bewacht wurde.

Sprach P. Jerzy über die Verfolgung, unter der er litt? Schließlich wurde er bespitzelt und überwacht; man hatte sogar schon versucht, ihn zu ermorden.

Marianna Popiełuszko: Er wollte mir keine Sorgen bereiten, deshalb versuchte er, mir nur gute Dinge zu erzählen.

Am 14. Mai 1983 folterte die Polizei Grzegorz Przemyk zu Tode, den neunzehnjährigen Sohn der berühmten Dichterin und Oppositionellen Barbara Sadowska. P. Jerzy war an der Organisation seiner Begräbnisfeier beteiligt, an der 60.000 Menschen teilnahmen…

Marianna Popiełuszko: Jerzy hat mir von dieser Begräbnisfeier erzählt. Mein Herz blutete, als ich das Foto meines Sohnes sah, der die Mutter des ermordeten Jungen tröstete. Sie war vom Schmerz völlig zerstört. Sie tat mir so leid.

P. Jerzy blieb eine ständige Zielscheibe des Geheimdienstes. Um ihn diskreditieren und anklagen zu können, haben sie ihm sogar eine gemeine Falle gestellt…

Marianna Popiełuszko: Wir hatten eine Kusine in den Vereinigten Staaten, die im Alter nach Warschau zurückwollte. Als amerikanische Staatsbürgerin war es ihr jedoch in Polen nicht erlaubt, eine eigene Wohnung zu kaufen: Die kommunistischen Gesetze verbaten das. Deshalb kaufte Jerzy auf seinen Namen eine Wohnung, die er unserer Verwandten überließ. Die Polizei drang in diese Wohnung ein, versteckte darin illegale Broschüren, Granaten und Munition; dann durchsuchten sie die Wohnung im Beisein meines Sohnes, holten all diese Sachen hervor und verhafteten ihn.

Haben Sie sich je gefragt, warum das Regime gerade Ihren Sohn so sehr verfolgte?

Marianna Popiełuszko: In der Bibel steht, dass sich die Herde zerstreut, wenn ihr der Hirte genommen wird. Die Kommunisten verfolgten die Hirten der Kirche, um die Herde der Gläubigen zu zerstreuen. Und sie stellten Jerzy nach, weil sie glaubten, wenn sie es ihnen gelang ihm Angst zu machen, würden die anderen auch Angst bekommen.

Dank einer Intervention des Bischofs Bronislaw Dabrowski kam Ihr Sohn schon nach zwei Tagen wieder frei…

Marianna Popiełuszko: Ich erfuhr von seiner Freilassung aus dem Radio. Alle sprachen davon. Das Radio hat ihn aber auch verleumdet und behauptet, er führe ein doppeltes Leben und betrüge sowohl die Leute als auch die Kirche.

Haben Sie Ihren Sohn gebeten, vorsichtiger zu sein?

Marianna Popiełuszko: Er war ein erwachsener Mann und wusste, was er tat. Im Gebet vertraute er sich Gott an und ließ ihn die Ereignisse lenken. Ich habe immer geglaubt, dass er als Priester auch auf die Hilfe des Heiligen Geistes zählen könne. Deshalb hielt ich seine Entscheidungen für richtig, auch wenn seine Pflicht ihn manchmal Dinge tun ließ, für die er sich Feinde machte. Er wurde wegen seiner Vaterlandsmessen verfolgt, aber ich glaube, dass jene Messen sehr wichtig gewesen sind, weil sie dem Volk und besonders der Jugend in Erinnerung riefen, wie wichtig es ist, Gott und das eigene Land zu lieben.

[Der vierte und letzte Teil des Interviews mit Marianna Popiełuszko wird morgen, am 12. März, veröffentlicht]