Marianna Popiełuszko erzählt den Märtyrertod ihres Sohnes Jerzy (Zweiter Teil)

Der tiefe Glaube einer Frau, die ihren Sohn für Christus sterben sah

Warschau, (ZENIT.org) Wlodzimierz Redzioch | 1101 klicks

Wir veröffentlichen heute den zweiten Teil des Interviews, das Włodzimierz Rędzioch mit Marianna Popiełuszko, der 92-jährigen Mutter des polnischen Märtyrers Jerzy Popiełuszko führte. Der erste Teil ist gestern, am 7. März, veröffentlicht worden.

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Das kommunistische Regime dürfte religiösen Eifer, besonders bei Kindern, nicht so gern gesehen haben…

Marianna Popiełuszko: Das stimmt. Einmal ließ mich eine von Jerzys Lehrerinnen in die Schule kommen. Ich war sehr überrascht, denn mein Sohn war ein guter Schüler. Was sie mir zu sagen hatte, war: Da Jerzy zu oft in die Kirche ginge, sehe sie sich gezwungen, ihm eine schlechte Note im Betragen zu geben. Vielleicht hat der Heilige Geist mir die Antwort eingegeben; jedenfalls erwiderte ich, schließlich gebe es in Polen Religionsfreiheit. Daraufhin ist nichts weiter passiert.

Pater Jerzy ist ein großer Patriot gewesen. Hat er die Liebe zum Vaterland von seiner Familie gelernt?

Marianna Popiełuszko: Unsere Kinder kannten die Geschichte ihrer Familie und ihres Landes. Die Liebe zu unserer polnischen Heimat lernten sie aus der patriotischen Literatur. Außerdem hat mein Bruder im Zweiten Weltkrieg mit den Partisanen gekämpft und wurde deswegen 1945 von den Russen erschossen. Unsere Kinder wussten das und verstanden daher, was Freiheit bedeutet.

Wann hat Ihr Sohn Ihnen eröffnet, dass er vorhatte, ins Seminar zu gehen?

Marianna Popiełuszko: Ich muss gestehen, dass ich schon während der Schwangerschaft für die Berufung des Kindes gebetet hatte, das ich in mir trug. In einem gewissen Sinn hatte ich ihn schon vor seiner Geburt Gott geschenkt. Ich sagte es ihm jedoch nie. Er hat von selbst seinen Weg und seine Berufung gefunden: Er hat sich immer nur für Gott und für Bücher interessiert. Bis zum Abitur hat er mir nichts gesagt. Vielleicht hat er deshalb geschwiegen, weil er wusste, dass junge Leute, die ins Seminar gingen, vom Geheimdienst verfolgt wurden. Er eröffnete mir seine Absicht erst im Juni 1965, als er von seiner Abiturfeier nach Hause kam. Er nahm einen Zug und fuhr nach Warschau, wo er ins Priesterseminar eintrat.

Warum entschied er sich für das Seminar in Warschau und nicht für das nähergelegene Seminar in Bialystok?

Marianna Popiełuszko: Als er noch ein Kind war hatte er bei seiner Großmutter „Der Soldat der Unbefleckten“ gelesen, eine vom heiligen Maximilien Kolbe gegründete Zeitschrift. Seitdem träumte er davon, Franziskaner zu werden. Später entschied er sich dazu, ins Warschauer Seminar einzutreten, weil viele seiner Bekannten in Warschau studierten und weil in Warschau unser PrimasStefan Wyszynskilebte, der für alle Katholiken in Polen ein fester Bezugspunkt war.

Was haben Sie empfunden, als Ihr Sohn sein Heimatdorf und seine Familie verließ?

Marianna Popiełuszko: Es war eine harte Prüfung; aber niemand behält seine Kinder für sich. Er musste in die Welt hinaus, um zu tun, was Gottes Wille war. Ich machte mir allerdings Sorgen, weil ich nicht wusste, wie er sich in Warschau zurechtfinden sollte. Er war auf dem Lande aufgewachsen und hatte noch nie eine Reise gemacht. Als er nach Warschau fuhr, stieg er zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Zug. Auch wusste ich, dass es leichter ist, einen Entschluss zu fassen, als seiner Berufung immer treu zu bleiben; deshalb habe ich nie aufgehört, für ihn zu beten.

Wie verlief seine Ausbildung im Seminar?

Marianna Popiełuszko: Er lernte mit Leichtigkeit und legte alle Prüfungen pünktlich ab. Nach einem Jahr im Seminar kam er in den Ferien erstmals wieder nach Hause. Er half uns wie gewohnt auf den Feldern und ging regelmäßig zur Messe. Aber er erzählte auch viel davon, was in der Welt und in der Kirche vorging.

Das Jahr 1966 war für Polen sehr wichtig, weil damals das tausendjährige Jubiläum der Christianisierung des Landes gefeiert wurde…

Marianna Popiełuszko: Mein Sohn erzählte von den berühmten Predigten unseres Primas Kardinal Wyszynski, von der Tausendjahrfeier im Heiligtum Jasna Gora, und er äußerte sich darüber, dass die kommunistischen Behörden es Papst Paul VI. nicht erlaubt hatten, aus diesem Anlass eine Wallfahrt nach Polen zu machen.

Das Regime zwang alle Seminaristen zu einem harten Militärdienst, der zwei Jahre dauerte. In dieser Zeit wurden die jungen Männer nicht nur der Staatspropaganda ausgesetzt, sondern auch körperlich und seelisch misshandelt: Das alles sollte dazu dienen, sie zum Austritt aus dem Priesterseminar zu bewegen. Haben Sie je erfahren, wie sehr Jerzy unter dieser Art von Schikanen zu leiden hatte?

Marianna Popiełuszko: Jerzy hat mir davon erzählt. Erst viel später habe ich erfahren, was er hatte ausstehen müssen. Zum Beispiel warfen sie ihn in ein gefülltes Schwimmbecken, obwohl er nicht schwimmen konnte, oder sie zwangen ihn, im Laufschritt mit der ganzen schweren Militärausrüstung die Treppen auf und ab zu gehen. Weil er den Rosenkranz betete, ließen sie ihn barfuß im Schnee stehen. All diese Schikanen zerstörten seine Gesundheit. Am Ende seines Wehrdienstes musste er sich im Krankenhaus behandeln lassen.

Jerzy empfing seine Priesterweihe am 28. Mai 1972 in der Warschauer Kathedrale. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Marianna Popiełuszko: Ich war so stolz, dass mein Sohn Priester wurde! Besonders rührend war für mich der Augenblick, als die neu geweihten Priester auf dem Boden lagen. Außerdem wurde die Priesterweihe von Primas Wyszynski persönlich durchgeführt. Es war das erste Mal, dass ich ihn aus der Nähe zu sehen bekam. Der Primas bat alle Mütter, für ihre Priestersöhne zu beten. Ich habe mich immer daran gehalten; immer habe ich Jerzys Priesteramt durch mein Gebet unterstützt.

Wie es die Tradition verlangte, feierte Jerzy seine erste heilige Messe in seinem Heimatdorf…

Marianna Popiełuszko: Es ist ein alter Brauch, dass ein Priester seine Primiz in seiner heimatlichen Pfarrei feiert. Es war für unsere ganze Familie, für die Nachbarn und Freunde ein großes Fest. Ich gab meinem Sohn damals ein Blumenbouquet, dass ich immer noch zuhause aufbewahre. Nach der Feier machte Jerzy sich an die Arbeit in seiner ersten Pfarrei inZąbki, bei Warschau. Ich hatte meinen Sohn der Kirche überreicht und sah ihn seitdem nur noch selten, denn ich musste mich ja um den Hof kümmern, und er hatte seine eigenen Aufgaben. Er hatte nie Zeit, auch in den Ferien nicht, denn die verbrachte er mit den jungen Messdienern im Ferienlager.

1975 wurde Jerzy eine neue Pfarrei in Anin anvertraut und wenig später wieder eine andere, diesmal in Warschau…

Marianna Popiełuszko: Ich bin nie dazu gekommen, ihn in einer dieser Pfarreien zu besuchen. Ich bin erst zu ihm gefahren, als er schon an der Universitätskirche Sankt Anna tätig war.

Seine Arbeit als Seelsorger der Studenten, der künftigen Führungsschicht des Landes, brachte große Verantwortungen mit sich…

Marianna Popiełuszko: Jerzy hat davon nie gesprochen, aber ein anderer Priester sagte mir einmal, dass Jerzy offensichtlich große Fähigkeiten besitzen müsse, wenn man ihm die Studentenseelsorge anvertraut hatte.

Ehemalige Studenten, die damals die Sankt-Anna-Kirche besuchten, sagen heute, Jerzy sei für sie nicht nur ein Seelsorger, sondern auch ein Freund und Vertrauter gewesen…

Marianna Popiełuszko: Er war ein guter Priester, denn er wollte alle Menschen zu Gott führen. Es machte ihm Freude, die Beichte zu hören, er war immer für alle da und verteilte gern kleine Geschenke.

In jenem Jahr geschah etwas schier Unglaubliches: Kardinal Karol Wojtyla wurde Papst…

Marianna Popiełuszko: Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass jemals ein Pole Papst werden könne. Sobald ich die Nachricht erfuhr, ging ich sofort in die Kirche, um an der Danksagungsmesse teilzunehmen. Nie hätte ich damals gedacht, dass ich ihn eines Tages kennenlernen und mit ihm sprechen würde.

[Der dritte Teil des Interviews an Marianna Popiełuszko wird am Montag, dem 11. März veröffentlicht]