Mario Mauro: Das Christentum und die Zukunft Europas (Teil 1)

ZENIT-Gespräch mit dem Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments

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ROM, 6. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wohin bewegt sich Europa? Wo bleiben seine christlichen Wurzeln? Wird Europa angesichts des demografischen Rückgangs und der moralischen Krise, die es bedrängt, überleben? Wird es neue Hoffnung für neue Generationen geben? Wie wird Europa mit den Zuwanderern zurechtkommen? Diese und mehr Fragen stellte ZENIT Mario Mauro, dem Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments. Mauro ist Professor für Geschichte der Europäischen Institutionen und Autor des Buches „Il Dio dell´Europa“ („Der Gott Europas“).



ZENIT: Wie weit sind wir mit der Europäischen Verfassung? Besteht die Chance auf Anerkennung der „christlichen Wurzeln“?

Mauro: Einiges gilt es noch zu ergänzen, und trotz der bescheidenen Fortschritte im Entscheidungsprozess können wir im Bezug auf den neuen Unionsvertrags festhalten, dass der demokratische Charakter der Union sicher gestärkt wurde. Das Europäische Parlament, und mit ihm die Bürger Europas, sind die großen Sieger dieses Reformvertrages. Er hat nicht mehr bloß konstitutionellen Charakter, sondern schafft demokratischen Handlungsspielraum, wird effektiver und stärkt die Rechte der Bürger (in modifizierter Form gilt dies auch für Großbritannien und einige andere Mitgliedsstaaten).

Einer der ersten Artikel des Europäischen Vertrages definiert klar die Werte, auf denen die Union aufbaut. Ein weiterer benennt die Ziele. In einem Dokument, das keinen konstitutionellen Charakter mehr hat, fällt auch ein fehlender Verweis auf christlichen Wurzeln nicht mehr so stark ins Gewicht, und die Sache bleibt somit offen.

ZENIT: Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Der Gott Europas“. Zu welchen Ergebnissen kommen sie darin? Woran glaubt Europa heute noch?

Mauro: Anstoß für das Buch war, eine Methode, einen Schlüssel für die Lektüre anzubieten, um das politische Projekt „Europa“ besser zu verstehen und so auf die lebenswichtigen Fragen der Zukunft Antwort geben zu können.

Was ist der rote Faden, der die Geschichte Europas durchzieht und den man in den Entscheidungen von de Gasperi, Adenauer und Schuman wiederfindet? Entspricht Europa heute noch dem Entwurf seiner Gründerväter? Wie kann man diese Grundfragen am besten angehen, die Fragen nach den Europäern und ihren Hoffnungen? Was fehlt heute in dieser „europäischen Inspiration“? Warum will niemand wirklich die Kernfrage der europäischen Identität in Angriff nehmen? Und welchen Handlungsspielraum hat ein Protagonist der europäischen Gesellschaft? Wird auf das Prinzip der Subsidiarität wirklich konkret geachtet?

Benedikt XVI. erinnert daran, dass die großen Gefahren im Zusammenleben der Menschen heute aus dem Fundamentalismus kommen, der Gott als Vorwand für ein Machtprojekt missbraucht, aber auch aus dem Relativismus, der jede beliebige Meinung als gleich wahr betrachtet. Diese Faktoren finden wir auch im Projekt Europa. Das Problem besteht darin, dass der Zusammenhalt zwischen Vernunft und Politik sich vom Wahrheitsbegriff gelöst hat. Der Kompromiss, der aus gutem Grund als politische Notwendigkeit betrachtet wird, wird heute zum Ziel an sich. Darum haben wir die politischen Prinzipien der EU in Gang gesetzt, die sich an der Intuition der Gründerväter ausrichten und die Menschenwürde ins Licht rücken, die ja zutiefst mit der christlichen Erfahrung verknüpft ist.

Die Sackgasse, in der sich Europa befindet, muss uns zu einem ernsthaften Nachdenkprozess führen. Jenseits seiner Möglichkeiten, zu einem harmonischen Budgetbeschluss zu gelangen, verliert der alte Kontinent immer mehr seinen Horizont aus dem Blick, der seine eigentliche Dimension ist.

Nach der Zeit Kanzler Kohls ist Europa von Politikern dominiert, denen sowohl der Mut zu entscheidenden Weichenstellungen fehlt als auch die Kraft, überhaupt noch an das politische Bauwerk zu glauben, das die Gründerväter vor mehr als 50 Jahren ins Leben gerufen haben. Wir haben es mit einer Generation von Politikern zu tun, die glauben, dass Europa mit dem Nein von Frankreich und Holland gescheitert wäre, die eine immer strengere Integrationspolitik zu einem Wert an sich macht.

ZENIT: Gegenwärtig findet in der EU alle 25 Sekunden eine Abtreibung statt, und alle 30 Sekunden geht eine Familie in Brüche. Trotz der ernsten demografischen Krise scheint sich das Europäische Parlament mehr mit alternativen Formen des Zusammenlebens zu befassen als mit der natürlichen Form der Familie. „Homo-Ehen“, Verhütungsmittel, Euthanasie stehen auf dem Tagesplan. Hingegen werden Länder, in denen die Rate der Abtreibungen sinkt ( wie etwa Polen), kritisiert. Glauben Sie nicht, dass eine Bevölkerungspolitik nach Malthus Zeichen für die Dekadenz Europas ist?

Mauro: Selbstverständlich! Und das ist auch die größte Gefahr für unseren Kontinent heute. Diese Dekadenz ist vor allem das Resultat unserer Identitätskrise als Europäer. Ich glaube übrigens, dass die kürzlich erfolgte Anpsrache des Papstes anlässlich des Empfangs des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Corps das Herzstück in einer Auseinandersetzung über die Zukunft Europas darstellt. Benedikt äußerte dabei den Wunsch, dass das von der UNO verhängte Moratorium für die Todesstrafe „die öffentliche Debatte über die Heiligkeit des menschlichen Lebens wieder neu anfachen möge“.

Ich sehe aufgrund meiner eigenen Erfahrung fünf Punkte, an denen das Schicksal Europas hängt: der Bevölkerungsschwund, die Einwanderung, die Erweiterung, die Strategie von Lissabon und die Außenpolitik. Diese Punkte sind durch einen gemeinsamen Nenner miteinander verbunden. Dieser heißt: Identität Europas.

Ohne eine genaue Vorstellung von seiner Identität kann Europa in keinem dieser fünf Bereiche einen Schritt nach vorne machen. Wir befinden uns in der gefährlichen Situation, dass unsere Antworten auf die demografische Krise rein ideologisch sind und auf eine Strategie des sozialen Handelns abzielen. Die EU darf nicht die Bedeutung des kulturellen Faktors außer Acht lassen, der sich auf die Fruchtbarkeitsrate auswirkt. Anders gesagt, sie darf nicht die Bedeutung von persönlichen Überzeugungen unterschätzen, die offen für das Leben sind.

ZENIT: Verlassen wir einmal die gewundenen Flussläufe der Politik von Brüssel und Straßburg. Hat man nicht den Eindruck, dass in den jungen Generationen eine optimistische Kultur zugunsten des Lebens vorherrscht? In Madrid sind Familien auf die Straßen gegangen. Am 20. Januar gab es in Paris eine Großkundgebung für das Leben. Vor Weihnachten versammelten sich in Straßburg die europäischen Bewegungen für das Leben, die zehn Millionen Unterschriften zu sammeln beabsichtigen, um beim Europäischen Parlament die Anerkennung der menschlichen Person von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod zu erreichen. Ist das alles nicht ein deutliches Zeichen für eine neue Zeit, jetzt, 40 Jahre nach 1968?

Mauro: Schon seit längerem, vor allem im Zuge der gewaltigen Möglichkeiten im Bereich der Kommunikation, aber auch durch die Mehrheit an politischen Koalitionen in Europa verbreiten sich deformierte Ideen über die Familie, die in keiner Weise zum Aufbau der Zivilgesellschaft beitragen. Sie befreien sie auch nicht, sondern machen sie völlig unsicher, was ihr Selbstverständnis betrifft. In diesem alarmierenden Kontext sind öffentliche Kundgebungen zur Förderung des Lebens und des traditionellen Familienbegriffes ein vielsagendes Zeichen, das seinerseits einen breiten Konsens bewirkt. Ja, es gibt noch Menschen, die bereit sind, für den unantastbaren Charakter des Lebens einzutreten und ihn zu verteidigen, die auch dafür kämpfen, dass das Leben sich von seinem Anfang an zu seiner ganzen Fülle entfalten kann, durch Ehe und Weitergabe des Lebens bis zum natürlichen Tod.

Ich glaube, gerade in einer Zeit der Unsicherheit wie der unseren wird die Bereitschaft, aufzustehen und auch auf den Straßen den Respekt vor dem Leben einzufordern, weiter zunehmen - in dem Maß, wie das internationale Szenario sich in dieser Thematik zuspitzt. Und dies ist nicht zuerst eine politische, sondern eine kulturelle Herausforderung, eine Frage der Erziehung und der intellektuellen Aufrichtigkeit. Trotz eines heftigen Beharrens auf ideologischen Standpunkten wächst doch auch ein Klima des Diskurses, und zwar durchaus auf rationaler Ebene abseits von Emotionen. Dies lässt sich auf europäischer Ebene klar erkennen, sowohl bei einzelnen Politikern wie auch in der öffentlichen Meinung.

Auch ist eine neue Bereitschaft zum Gespräch bei Gruppen feststellbar, die früher nicht gesprächsbereit schienen. Dies geschieht dank einer wachsenden Sensibilisierung in Fragen des Lebens nicht zuletzt durch immer neue Ergebnisse der Wissenschaft.

Kardinal Bascagno, Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz, erklärte kürzlich, es sei notwendig, dass die Gesetze sich den neuen Erkenntnissen anpassten, insbesondere im Gebiet der Bioehtik. Daher habe ich mit einigen Gleichgesinnten eine schriftliche Anfrage zum Thema der Finanzierung der Stammzellenforschung an die Europäische Kommission gerichtet. Darin fordern wir im Licht der neuesten japanischen Erkenntnisse auf dem Sektor der Stammzellenforschung die Prüfung der Frage, ob es weiterhin nötig ist, Forschungsprojekte an Stammzellen mit EU-Mitteln zu unterstützen, die Embryonen zerstören.

[Das Interview führte Antonio Gaspari; Übersetzung des italienischen Originals von Monika Stadlbauer]