Mario Mauro: Das Christentum und die Zukunft Europas (Teil 2)

ZENIT-Gespräch mit dem Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments

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BRÜSSEL, 12. Februar 2008 (ZENIT.org).- „Die zwölf Sterne im Banner der Europäischen Union haben ihre Wurzel in der Verehrung der Jungfrau Maria“, erklärte Mario Mauro, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, im zweiten Teil seines Interviews mit ZENIT über die Zukunft Europas und die Rolle des Christentums.



Mauro ist Dozent für Geschichte der Europäischen Institutionen und Autor des Buches „Il Dio dell´Europa“ („Der Gott Europas“), das im vergangenen Jahr bei „Edizioni Ares“ erschien.

Den ersten Teil veröffentlichte ZENIT am 6. Februar.

ZENIT: Nach dem Sieg beim Referendum über das „Gesetz 40“ und dem „Family Day“ in Italien scheint der von „Il Foglio“ lancierte Vorschlag nach einem Moratorium für die Abtreibung an Zugkraft zu gewinnen. Was denken Sie zu diesem Thema?

Mauro: Diesmal sind, wie schon zuvor die Menschen in London, Madrid, Paris und Straßburg, auch die Italiener in Rom auf die Straßen gegangen, um ihre „alternativen“ Vorstellungen vom Leben und von der Familie mit Nachdruck zu verkünden – „alternativ“ zu den Modellen, die Gesellschaft und Politik gerade dabei sind, uns überzustülpen, ein Modell, das den Menschen und seine Suche nach der Wahrheit in den Mittelpunkt stellt.

Was für ein Land wird Italien in 30 Jahren sein? Diese Frage geht uns alle an: Linke wie Rechte, Katholiken und Säkulare - so wie auch der offensichtliche Niedergang der italienischen Gesellschaft und seine erbarmenswerte Schwäche in der Erziehung der neuen Generationen uns alle angeht. Denn wenn eine freie Gesellschaft keine neuen Individuen mehr hervorbringt, die fähig sind, mit Freiheit verantwortungsvoll umzugehen, wird ihr Autoritätspegel unweigerlich massiv in die Höhe schnellen.

Ich habe schon erwähnt, dass die Ansprache des Heiligen Vaters vom 7. Januar, in der er die Internationale Staatengemeinschaft zu einem von der UNO bereits approbierten Moratorium der Todesstrafe aufruft, eine neue öffentliche Diskussion über die Unantastbarkeit und Heiligkeit des menschlichen Lebens bewirken könnte. Bereits am 8. Januar nahm Giuliano Ferrara in „Il Foglio“ diese Frage auf, und macht den Vorschlag für ein Moratorium der Abtreibung, was sofort zu einer heftigen Debatte führte.

Ich wünsche mir sehr, dass die nationalen Regierungen und internationalen Organisationen endlich klarstellen, was mit zweideutigen Ausdrücken wie etwa „reproduktive Gesundheit“ in Wahrheit gemeint ist, und dass in ihren Anwendungen die Praxis der Abtreibung als Standardverhalten gilt. Internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen und die EU dürfen sich nicht in einen Supermarkt der Rechte verwandeln! Sie sind entstanden, um Frieden und Entwicklung zu fördern, das heißt menschliches Leben zu schützen und die Legitimität des Naturrechts zu garantieren, auf das sich die gesamte Menschheit bezieht.

ZENIT: Gemeinsam mit Elisa Chiappa haben Sie ein Kinderbuch geschrieben: „Kleines Wörterbuch zu den christlichen Wurzeln Europas“ (Edizioni Ares). Welche Geschichten, Personen und Bilder verwenden Sie darin, um Kindern das christliche Europa zu erklären
?

Mauro: Mit diesem Buch wollten Elisabetta und ich schon den Kleinsten die heutige Europäische Union erklären: Europa, das über Jahrhunderte hinweg zu einer präzisen Gestalt geworden und gereift ist, und das Europa von morgen, damit diese Kinder die Welt und die Gesellschaft verstehen, in der sie geboren wurden und in der sie als Erwachsene ihren Beitrag leisten werden.

Wir wählten die Form eines „Wörterbuches“ mit sorgfältig ausgewählten Begriffen, die mittels kurzen Texten und wunderschönen Bildern von Benedetto Chieffo erklärt werden. Um das Kennenlernen Europas noch einfacher und interessanter zu machen, haben wir dem Buch „Eurovia“ beigelegt, ein tolles Spiel mit der Europäischen Flagge, ein spannender, lehrreicher Wettkampf, der durch alle Länder der Union führt.

Ich bin überzeugt, dass die zivile und nationale Identität Europas auf den kulturellen und christlichen Wurzeln einer zweitausendjährigen Geschichte gründet. Wir müssen heute fähig sein, zu sagen, wer wir sind und woran wir glauben.

Um ein besseres Europa zu bekommen, müssen wir beginnen, daran zu glauben sowie dafür zu arbeiten und zu kämpfen. Europa wurde christlich geboren, unter dem Schutz des Heiligen Benedikt von Nursia, der Heiligen Cyrill und Methodius, der Heiligen Katharina von Siena, Birgitta von Schweden, Theresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein)! Wir dürfen es nicht falschen Umdeutungen und Instrumentalisierungen zur Beute überlassen. Dazu ein Beispiel:

Ein Verweis auf das Christentum steht uns ständig vor Augen im europäischen Symbol par excellence: der Flagge! Denn die zwölf Sterne gehen auf die Verehrung der Jungfrau Maria zurück und sind durch die zugehörigen Staaten getrennt. Das weiß durchaus nicht jeder, denn der wahre Ursprung der Flagge mit den zwölf Sternen wurde auf eine schuldhafte Weise im Inneren der gemeinsamen Institutionen vergessen.

Ich muss noch einen letzten Schritt machen: Wir befinden uns aktuell in einer außergewöhnlichen Lage, die uns die Chance bietet, dass eine ganze Gesellschaft sich selbst wiederentdecken kann: ihre eigene Identität, ihr eigenes Gesicht, ja auch ihr eigenes Ziel und den Grund, warum wir das sind, was wir sind. Haben wir nun die Pflicht, uns dieser Herausforderung zu stellen oder nicht? Im Wörterbuch werden Wörter erklärt und erhalten ihren ursprünglichen Sinn wieder zurück, durch den Europa sich definiert. Das ist ein erster Schritt auf dem herausfordernden Weg, auf den wir gerufen sind.

ZENIT: Am Donnerstag, den 10. Januar, hielten Sie bei der Plenarsitzung zur Unterzeichnung der Charta der Muslime in Europa das einführende Referat. Was bedeutet diese Charta gerade in einem Jahr, das von der EU zum „Jahr des interreligiösen Dialogs“ ausgerufen wurde, zu dem Sie beauftragt worden sind? Planen Sie weitere Begegnungen und Diskussionen?


Mauro: Mehr als 400 muslimische Organisatoren aus 28 Ländern des Kontinents, mit eingeschlossen die Türkei, haben die Charta der Muslime in Europa unterzeichnet, die auf Initiative der islamischen Organisationen in Europa ausgearbeitet wurde.

Das Dokument besteht aus 26 Punkten, die die Rechte und die Verantwortlichkeiten der Muslime in Erinnerung rufen, ausgehend von einer „positiven Integration“. Die Gleichheit von Mann und Frau wird bestätigt und der fundamentalistische Terror abgelehnt.

Die Charta stellt also einen „islamischen Kodex des guten Benehmens“ dar. Er verpflichtet die Muslime in Europa zur Teilnahme am Aufbau des gemeinsamen Europa und einer geeinten Gesellschaft, des Weiteren zur Beteiligung an einer harmonischen Entwicklung und dem Wohlergehen unserer Gesellschaft. Es verpflichtet sie außerdem, vollständig ihre Rolle als Bürger im Respekt vor dem Recht, der Gleichheit der Rechte und der Verschiedenheit zu erfüllen. Es ist das erste Mal, dass eine Charta den Muslimen in Europa einen Verhaltenskodex auferlegt, der in keinem Widerspruch mit den europäischen Gesetzen stehen darf.

Dies ist ein ausgezeichneter Anstoß, um den interkulturellen und interreligiösen Dialog auch unter jenem Blickwinkel zu intensivieren, dass ein Muslim verpflichtet ist, einen Nichtmuslim zu respektieren.

Ermutigend zu sehen ist, dass in der Charta ein ganzer Abschnitt der Familie gewidmet ist, der Familie als einer Institution, die für das Wohlergehen des Einzelnen wie für die Stabilität der Gesellschaft unersetzlich ist, und dass es hier die Öffnung gibt hin zur Gleichheit von Mann und Frau.

[Das Interview führte Antonio Gaspari; Übersetzung des italienischen Originals von Monika Stadlbauer]