Märtyrer: Die wahren Helden der chinesischen "Kulturrevolution" kehren heim

Die Gebeine östereichischer Kapuzinermissionare wurden in die Heimat überführt

| 1807 klicks

von Gisela Gensch

FUJIN/CHINA, 11. Dezember 2009 (ZENIT.org).- Die Suche nach Spuren der Katholiken geht weiter! Und das in China! Genau gesagt in Fujin – der Stadt am „Ende der chinesischen Welt“ im äußersten Nordosten. Sie liegt am Fluss Songhuajiang und zählt 450.000 Einwohner. Es geht jetzt darum, die sterblichen Überreste von zwei Kapuzinerbrüdern – 63 Jahre nach ihrer Ermordung – zu finden, auszugraben und in ihre Heimat zurückzubringen. Auf dem Grund sollen neue Häuser errichtet werden, und durch die Ausschachtungsarbeiten für die Fundamente wären die Gebeine für immer vernichtet. Der Leiter der Baubehörde, Herr Wei, will sie exhumieren lassen, wenn wir die nötigen beglaubigten Vollmachten der Familien in chinesischer Sprache und das Geld dafür mitbrächten. Wichtig war außerdem, die österreichische Botschaft zu bitten, dass sie die zuständigen Ämter von unserem Vorhaben informierte.

Auf dem Areal der ehemaligen Kapuziner-Missionsstation ist in diesem Jahr 2009 ein großes, neues Museum im selben Baustil wie das ehemalige Kirchengebäude mit neoromanischen Elementen gebaut worden. Unter Aufbietung aller Renovierungskunst ist sogar das Kirchengebäude integriert worden. Durch Abriss aller angrenzenden Häuser wurde dahinter ein riesiger Bauplatz für neue Häuser frei, unter dem irgendwo die Gebeine Bruder Theophils und Bruder Antonins ruhten. Wir sollten so schnell wie möglich nach Fujin kommen, um bei der Exhumierung anwesend zu sein, konnten aber erst am 21. November dorthin reisen, mit den Vollmachten der Familien und dem nötigen Geld im Gepäck.

Der nächste Tag, Sonntag, der 22. November 2009, begann mit einer Museumsbesichtigung. Leider konnte Pfarrer Paulus heute keine Messe feiern, weil es keine Kirche gab und es in privaten Räumen verboten ist. Auf der Fahrt zum Museum sagte Herr Wei: „Ihr werdet staunen! Ihr werdet Aaah und Oooh sagen, wenn ihr das neue Museum seht!“ Er war stolz auf sein Werk, das seiner Initiative zu verdanken war. Unsere Freude darüber gefiel ihm sehr, dass das ehemalige Kirchengebäude erhalten geblieben war, das größte von ganz Nordost-China! Besonders verblüfft hat uns der neue Kirchturm, der zur Erinnerung an seinen Ursprung als katholische Kirche von einem großen Kreuz gekrönt wurde.

Von der modernen Präsentationsästhetik waren wir überrascht, die sogar den Vergleich mit unseren neuen Museen in Berlin aushielt. Die Geschichte von Fujin, der Stadt in der Nähe der Grenze zur ehemaligen Sowjetunion, war ungeschminkt und den Tatsachen historischer Forschung entsprechend wiedergegeben. Die größte Überraschung bot der Blick in die ehemalige Kirche. Auffällig waren die charakteristischen erhaltenen Doppelbogenfenster. Am Ende der Darstellung der Stadtgeschichte von Fujin wurde das frühere friedliche Zusammenleben der vier verschiedenen Religionen gewürdigt, Buddhismus, Islam, Judentum und Christentum, für die es je eine Schautafel und einen Schaukasten gab.

Stellvertretend für die Christen waren drei große Fotos über die Kapuziner-Missionsstation zu sehen, die ich Herrn Wei im vorigen Jahr gemailt hatte: das Foto des Altarraums, der acht Kapuzinerbrüder und der alten, kleinen Kircheneingangshalle. Im Schaukasten lagen Kopien meiner Bücher mit meinem Namen auf Chinesisch. Ich war gerührt von dieser Überraschung und der Würdigung meiner Bemühungen um die Erhaltung der Erinnerung an die Verdienste der Kapuziner für die Verbreitung des katholischen Glaubens in China. Evangelische Christen mit einer neuen Kirche gibt es auch, aber noch nicht lange.

Plötzlich hörte ich gedämpftes chinesisches Sprechen hinter mir. Die Überraschung war gelungen! Da waren sie noch, die Katholiken von Fujin! Hinter mir kniete eine Gruppe von 25 Leuten auf dem harten Steinboden des Museums und betete! Sie ließen die Rosenkranzperlen durch die Finger gleiten und sahen unverwandten Blickes auf das Foto des Altarraumes, auf dem das Kreuz zu sehen war. Danach kamen sie zu uns, die meist sehr alten Frauen streichelten unsere Arme und erzählten auf Chinesisch, dass sie als Kinder noch den Lu Shen Fu und den She Ke Shen Fu, die Brüder Theophil Ruderstaller und Antonin Schröcksnadel, gekannt hatten! Ich sagte: „Wahrscheinlich sind sie noch von ihnen getauft und unterrichtet worden!“ Erstmals knieten sie wieder in ihrer ehemaligen Kirche und beteten!

Der Bagger war eingetroffen. Die Suche nach den Gebeinen sollte beginnen. Schnell wieder hinaus – gefolgt von den Katholiken. Das Ungetüm rumpelte sich in den gefrorenen Boden hinein, hier ein großes, tiefes Loch aushebend, da und dort eins. Mächtige Betonbrocken behinderten außerdem die Arbeit. So wollten sie die Gebeine finden? Es begann ein großes Diskutieren mit freundlichen Nachbarn, die alle meinten, es genau zu wissen „So weit vom Haus ist es nicht entfernt!“ protestierte ich.

Ein Nachbar hat uns vor zwei Jahren die Stelle genau gezeigt!“ sagte ich. „Sie ist näher am Haus! Hier muss es sein!“ zeigte ich auf einen Platz.

„Können sie nicht diesen Nachbarn holen?“ – Der Bagger ging bald am harten Boden zu Bruch und man musste die Arbeit beenden. Der Nachbar kam nach einer Stunde herbei und zeichnete im Sand ein kleines Geviert! Es war die Stelle näher am Haus, die auch ich schon gezeigt hatte! „Lieber Gott, hilf uns!“ sagte ich immerzu.

Immer, wenn es so schien, als sei der Bagger fündig geworden, sprangen zehn Männer mit ihren nagelneuen Schaufeln in den weiß behandschuhten Händen hinab und scharrten vorsichtig im Erdreich.

Die Menschen beteten unablässig in an- und abschwellender Lautstärke, was eine unheimliche Stimmung schuf und mir die Tränen in die Augen trieb. „Theophil und Antonin, kimmts fiere!“ („Theophil und Antonin, kommt hervor!“) rief ich in die schwarze Grube und dachte: „Hoffentlich seid Ihr wirklich hier begraben und es ist nicht alles umsonst!“ Die Baggerschaufel arbeitete sich immer tiefer in die Erde hinab. Da, ein Aufschrei! Ein großes Stück Holz kam im schwarzen Grund zum Vorschein, die Wandung eines der Särge, in etwa zweieinhalb Metern Tiefe! Die Menschen begleiteten die weiteren Arbeiten mit ihren Gebeten und starrten auf die Baggerschaufel und die Arbeiter.

Als schließlich die zwei Särge frei gelegt waren, zog Pfarrer Paulus sein weißes Gewand an, die Albe, legte die Stola um und nahm Aufstellung vor den Särgen, flankiert von je sechs Männern zu seinen beiden Seiten. Das feierliche Ritual einer Trauerfeier folgte in der großen schwarzen Grube, die Gläubigen oben am Rand stehend und wir in der Mitte.

Mich beschlich plötzlich ein Angstgefühl. „Solch eine Versammlung ist doch in der Öffentlichkeit verboten!“ dachte ich. Es ist ein Wunder geschehen, denn ein leeres Polizeiauto stand dort drüben und verriet die Anwesenheit von Polizisten in Zivil unter den Leuten, aber wir waren hier als Vertreter österreichischer Familien und standen unter dem Schutz der Botschaft. Als Pfarrer Paulus die Totenandacht beendet hatte, erhob ich meine Stimme und betete das Vaterunser – voller Dank für die erfolgreiche Arbeit, für unsere chinesischen Freunde, für die Familien und für Bruder Gaudentius in Innsbruck, der uns auf den Weg zu den Ruhestätten Bruder Theophils und Bruder Antonins gelenkt hatte.

Wie ein Film lief es vor meinem inneren Auge ab, als wir hier 2007 zum ersten Mal gestanden haben. Ein alter Nachbar hatte uns hinter das ehemalige Patres- und Pfarrhaus geführt und einen Platz mit Schutt und Gestrüpp gezeigt, an dem sie 1946 heimlich bestattet worden waren. Er war eingeebnet und vermüllt worden, damit er nicht zerstört würde. Während der Zeit der Kulturrevolution nahm die Zahl der Katholiken stetig ab, und nur wenige sehr alte kannten diese Stelle noch. Die Spuren und das Wissen über die Kapuziner begannen zu verblassen.

Dann folgte Ende der 90er Jahre eine wundersame Begebenheit: Bei Kanalbauarbeiten wurden die Gebeine gefunden, mit Hilfe von großen Sieben von der Erde getrennt und die Polizei gerufen, die den Fund 50 Jahre nach der Bestattung zu Protokoll nahm. Anhand der Kapuzinergürtel, der Rosenkranz- und Missionskreuze hatte man erkannt, dass es sich um Bruder Theophils und Bruder Antonins Gebeine handelte. Einige alte Nachbarn konnten sie wundersamerweise in zwei schnell zusammengelegten Holzsärgen abermals bestatten, ebneten die Stellen ein und ließen sie zur Tarnung wieder vermüllen und verwildern. Aber ihr Leben und Wirken waren nun vor dem Vergessen bewahrt.

Wir waren so berührt von dieser Geschichte – auch davon, die unwürdige Ruhestätte durch einen Zufall gefunden zu haben, dass wir Herrn Wei baten, einen großen weißen Blumenstrauß kaufen zu lassen. Diesen legten wir zusammen mit den uns begleitenden Priestern nieder und beteten. So dachte ich schon vor zwei Jahren darüber nach, wie wir ihre Verdienste bekannt machen und wie sie ein würdiges Grab bekommen könnten. Die wenigen christlichen Friedhöfe in China kamen dafür aber nicht in Frage, weil sie hermetisch verschlossen sind und nicht frei besucht werden dürfen. Davon hatte sich Gunther selbst überzeugt, als er zum angeblichen Grab des heiligen Josef Freinademetz per Flug und Bahn von Dalian nach Jining gereist war.

Auch unser zweiter Besuch in Fujin im Jahr 2008 fiel mir ein, als wir sehen wollten, ob das Kirchengebäude noch stand. Als Herr Wei uns sagte, dass es in einen Museumsbau integriert werden solle, freuten wir uns sehr. Die Häuser rundherum aber sollten abgerissen und durch neue ersetzt werden. Was würde dann bei den Ausschachtungsarbeiten mit den Gebeinen geschehen?

Ich beschloss zuerst einmal, das Leben Bruder Theophils und die Verdienste der Kapuziner in dem Roman „Lu Shen Fu – der Missionar“ aufzuschreiben. Als im Sommer 2009 das Museum fertig war und mit dem Bau der Häuser begonnen werden sollte, war der Moment der Wahrheit gekommen! Eine dringende Email aus Fujin erreichte mich über unseren Dolmetscher Guang mit der Frage, ob noch Interesse an den Gebeinen bestehe. Die Kapuziner und die Familien teilten mir auf Befragen mit, dass sie die Exhumierung und den Transport nach Innsbruck wollten, ließen Vollmachten mit beglaubigten Unterschriften versehen und sagten eine teilweise Kostenübernahme zu. So waren wir schließlich Helfer und Ausführende eines großen Auftrags geworden!

Danach umgaben die Männer mit den weißen Handschuhen den ersten Sarg. Sie zeigten uns den Schädel und einer fragte: „Welcher ist es?“ Ich erkannte die stark vorgewölbte Stirn Bruder Theophils und sagte mit lauter Stimme für alle Anwesenden hörbar „Je she Lu Shen Fu!“ – „Das ist Bruder Theophil!“ Ein Raunen ging durch die Versammlung, war er es doch, der beliebte Lu Shen Fu, der die Missionsstation sieben Jahre lang geleitet hatte und an den sich die Älteren unter ihnen erinnern konnten. Behutsam rieben nun die Männer den schwarzen Sand von den Gebeinen und fanden auch die kleinsten Knochen. Alles wurde vorsichtig in einen weißen Sack verpackt und zum Schluss der Schädel darauf gelegt.

Als sie sich dem Sarg Bruder Antonins zuwandten, führte mich der Lehrer auch hinab in die Grube über den lockeren schwarzen Untergrund. Wieder tasteten die weiß behandschuhten Hände der Männer die Knochen und den Sand ab und fanden die kleinsten Knochen. Die drei Teile seines Missionskreuzes übergaben sie mir. Bruder Antonins Gebeine legten sie vorsichtig auf einen hellen Stoff zu meinen Füßen. Gunther und ich hatten zuvor Studien an einem menschlichen Skelett aus Kunststoff angestellt, das vor langer Zeit aus der Biologiesammlung meiner Schule ausgemustert worden war und das wir noch besaßen. So kannten wir jeden menschlichen Knochen genau und wussten, welche es waren, die durch ihre Hände gingen. Auch bei Bruder Antonins Schädel waren wir sicher, dass er es war.

Während der Zeit des behutsamen Bergens der Gebeine stellte ich mir die beiden Kapuziner als Lebende in ihren verschiedenen Tätigkeiten als Priester, als Lehrer und als Helfer in der Not vor, wie sie als Wohltäter beliebt waren und verehrt wurden. Dann wieder sah ich sie nach dem Mord in ihrem Blut auf dem Boden liegen! Ich betrachtete die große Anzahl von Menschen, die über mir am Rand der Grube die Ereignisse verfolgten und ihre eigenen Vorstellungen mit ihnen verbanden. Nach der Bergung kamen sie wieder zu uns und bedankten sich dafür, dass ihren Missionaren durch uns in ihrer früheren Heimat Österreich eine würdige Ruhestätte bereitet werde. Sie ließen sich mit uns fotografieren und Herr Wei stellte sich als einziger Nichtkatholik zwischen sie, zum Zeichen, dass er ihr Freund war.

Danach brachte er die Gebeine in zwei Koffern in unser Hotelzimmer, weil er meinte, es sei besser, wir brächten sie selbst nach Österreich. Beim Abendessen wurde der Erfolg gewürdigt und Herrn Weis perfekte Organisation bewundert. Wir sprachen ihn darauf an, dass es zu unserer Überraschung noch so viele Katholiken hier gebe. Da antwortete er, dass wir bei unserem nächsten Besuch in Fujin ihre neue Kirche bewundern könnten. Er werde einen Bauplatz suchen und ihnen eine neue, kleine Kirche bauen lassen! „Eine neue katholische Kirche in Fujin? Ja!

[Gisela Gensch lebt seit ihrer Geburt im Jahr 1938 in Berlin, wo sie nach dem Abitur Sprachen und Kunst studiert hat. Sie hat 36 Jahre als Lehrerin an Berliner Grundschulen gearbeitet. In den letzten Jahren hat sie - inzwischen im Ruhestand - an der Universität für Wirtschaft und Finanzen in Dalian/Nordchina Deutsch unterrichtet. Ihr Interesse an Geschichte hat sich in den zwei dokumentarischen Romanen "Kranewitter" und "Das Bautnerhaus" niedergeschlagen. Sie hat mehr als 300 Ölgemälde und zahllose Aquarelle gemalt. Ihre Freude an Kontakten mit Menschen anderer Kulturen hat zu umfangreichen Recherchen über die katholische Kirche in China geführt, die sie schriftstellerisch und journalistisch auswertet. Gisela Gensch ist verheiratet und lebt abwechselnd in Berlin sowie im Norden Österreichs auf dem Lande.]