„Märtyrer für Recht und Wahrheit“: Bischof Scheuer zur Seligsprechung von Franz Jägerstätter (1907-1943)

Interview mit dem Innsbrucker Diözesanbischof

| 1711 klicks

INNSBRUCK, 19. Juni 2007 (ZENIT.org).- Die Seligsprechung des oberösterreichischen NS-Märtyrers Franz Jägerstätter (1907 - 1943) wird voraussichtlich im Herbst stattfinden, kündigt der Innsbrucker Diözesanbischof Manfred Scheuer im Gespräch mit ZENIT an.



Im vorliegenden Interview gewährt der Bischof, der als Postulator maßgeblich am kirchlichen Verfahren zur Anerkennung des heroischen Tugendgrads und des Marytirums von Jägerstätter beteiligt war, einen Einblick in das Innenleben des zukunftigen österreichischen Seligen, den er als „Märtyrer für Recht und Wahrheit“ beziehungsweise als einen „Märtyrer des Gewissens“ charakterisiert.

„Franz Jägerstätter tut weh mit seiner Klarheit, seinen Fragen und seinen Entscheidungen“, bekräftigt Bischof Scheuer. „Er lässt sich nicht einfach bewundern, ohne zugleich die Frage an die eigene Biographie zu richten: Und was ist mit dir? … Wie ernsthaft stellt sich die Frage, ob es in deinem Leben etwas gibt, das groß genug ist, um dafür zu sterben?“

ZENIT: Herr Bischof, was sagt uns Franz Jägerstätter heute? Was ist seine zentrale Botschaft an uns Gläubige?

-- Bischof Scheuer: Die Kirche sagt mit einer Seligsprechung, dass dieser Mensch bei Gott angekommen ist und für andere eine Quelle der Freude und Freundschaft, der Hoffnung und der Zuversicht ist. Viele haben zu ihm Vertrauen gewonnen und sind freundschaftlich mit ihm verbunden. Sie sehen ihn als Vorbild und beten zu ihm.

Franz Jägerstätter ist Vorbild in seiner Glaubens- und Gewissensentscheidung in einer dunklen Zeit. Er bezeugt das erste Gebot, dass man nämlich keine anderen Götzen haben soll. Bei den Nazis waren Rasse, Nation und der Führer letztlich Götzen. Er ist Zeuge und Märtyrer für Recht und Wahrheit. Er steht dafür, was in einem Herz-Jesu-Lied besungen wird: „Lass uns den Hass, das bittre Leid fortlieben aus der dunklen Zeit.“ (Herz Jesu Gott Opferbrand)

ZENIT: Als Postulator seines Selig- und Heiligsprechungsprozesses sind Sie mit den Aufzeichnungen und Briefen Franz Jägerstätters vertraut. Was für ein Mensch blickt ihnen da entgegen?

-- Bischof Scheuer: Jägerstätter ist tief im Gebet, in der Heiligen Schrift und in der Liebe zur Eucharistie verankert. Die inneren Voraussetzungen für das rechte Beten entnimmt er der Bergpredigt. Wer mit Menschen in Feindschaft lebt, kann nicht mit Gott in Freundschaft sein. So unterstreicht Jägerstätter die Bereitschaft zu Versöhnung und Verzeihung als Voraussetzung für das rechte Beten. Zudem soll jedes Gebet vom „Zuerst“ des Reiches Gottes getragen sein und nicht durch die Sorge um irdische Güter überlagert werden.

Das schönste Gebet ist für ihn das Vaterunser – der „Inbegriff aller Gebete“, das wichtigste Gebet. Maß für das Bittgebet ist die Erfüllung des Willens Gottes. Gebet ist für Jägerstätter die Betrachtung der Liebe Gottes zu uns Menschen in Jesus Christus und der dankbare Mitvollzug dieser Liebe.

Er blickt mir als gläubiger Mensch entgegen, aber auch als tiefer und einsamer Mensch, der nicht mit der Masse schwimmt. Insofern ist er ein von Gott beim Namen Gerufener, kein Herdentier, kein Massenprodukt.

ZENIT: Welche Elemente sind es, die den bekannten Kriegsdienstverweigerer zum (zukünftigen) Seligen machen?

-- Bischof Scheuer: Franz Jägerstätter ist ein Märtyrer des Gewissens. Er wollte Gott mehr gehorchen als den Menschen. In seinem Zeugnis strahlt die Würde der menschlichen Person auf, die Würde des menschlichen Gewissens. Sein Martyrium zeigt den Sieg des Lebens über den Tod, den Sieg der Liebe über das Böse.

Jägerstätter war keiner, der der Mehrheit nach dem Mund geredet hat. Das Gewissen lässt sich für Jägerstätter nicht durch die Autorität der staatlichen Obrigkeit suspendieren. Absolutes und letztes Kriterium für die Unterscheidung der Geister ist bei Jägerstätter der Wille Gottes: „Keiner irdischen Macht steht es zu, die Gewissen zu knechten. Gottes Recht bricht Menschenrecht.“

Franz Jägerstätter war auch ein Zeuge der Seligpreisungen. Im Mai 1942 stellt er massiv die Frage, ob es denn schon ganz egal sei, ob man einen gerechten oder ungerechten Krieg führt. „Gibt es denn noch viel Schlechteres, als wenn ich Menschen morden und berauben muss, die ihr Vaterland verteidigen, nur um einer antireligiösen Macht zum Siege zu verhelfen?“ Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit!

Und Franz Jägerstätter ist nicht auf das eigene Leid fixiert und schon gar nicht darin verliebt. Sein Blick richtet sich auf die anderen. Bei der Beurteilung des Krieges geht er nicht von den Siegesmeldungen aus, sondern von der Frage nach der Schuld an den Opfern. Prophetisch ist sein Aufdecken der Antlitze der Opfer gegen deren Verhüllung durch die Sieger. Er bringt die Leidenden in die Sprache gegen das Gebrüll der Propagandareden.

ZENIT: Sie haben einmal gemeint, dass der NS-Märtyrer kein „ganz bequemer Seliger“ sei. Inwiefern ist er „unbequem“?

-- Bischof Scheuer: In Franz Jägerstätter bricht auch die Krisis, das Gericht gegenwärtiger Lebens- und Glaubensstile ein. Er eignet sich nicht als Kuscheltier, als Kopfkissen, als Amulett oder Glücksbringer. In der Begegnung mit ihm darf und soll durchaus auch ein Erschrecken dabei sein.

Eine allzu schnelle Vertrautheit stünde in Gefahr der Vereinnahmung und Neutralisierung, oder auch der Verkitschung und Verhübschung, wie es bei gar nicht so wenigen Heiligen der Fall ist. Für manche hat er auch schon wieder seine Schuldigkeit getan, nachdem er bloß als Lieferant von Stichworten, Parolen oder Schlagworten oder auch als moralische Keule verwendet wurde.

Franz Jägerstätter tut weh mit seiner Klarheit, seinen Fragen und seinen Entscheidungen. Er lässt sich nicht einfach bewundern, ohne zugleich die Frage an die eigene Biographie zu richten: Und was ist mit dir? Deine Sache wird hier abgehandelt, um deine Motive geht es hier, dein Gott steht zur Debatte! Wie hältst du es mit den Opfern? Wie ernsthaft stellt sich die Frage, ob es in deinem Leben etwas gibt, das groß genug ist, um dafür zu sterben?

Heilige sind nicht nur Therapie – das auch, weil sie ja Versöhnung leben; sie sind auch schmerzliches Gericht, in dem die Wahrheit Gottes und des Menschen aufleuchtet, nicht Gericht im Sinne der Verurteilung zum Tod, auch nicht als reine Anklage von Unglaube und Inhumanität, nicht als Sezieren von Leichen. Die Begegnung mit Franz Jägerstätter soll uns nicht vor der notwendigen Scham bewahren, nicht vor dem Beklagen und der Klage, nicht von der Umkehr, schon gar nicht vor der Nachfolge.

ZENIT: In ihrer Predigt zum 70. Geburtstag des Salzburger Erzbischofs haben Sie den Bischof als „Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt“ charakterisiert. Jägerstätter war Laie. Wozu sind die Laien nach dem Vorbild von Franz Jägerstätter berufen?

-- Bischof Scheuer: Jägerstätter sieht die Kirche vom Reich Gottes, von der Nachfolge Jesu und vom Bekenntnis zu Jesus her. Im Kontext seiner Überlegungen zum gerechten oder ungerechten Krieg schreibt er: „Sollten wir Christen denn nicht wahre Nachfolger Christi werden?“

Die Nachfolge Christi wird für ihn zum kritischen Kriterium gegenüber der konkreten Kirche. Er weiß, dass die Kirche eine höchst gemischte Gesellschaft ist, d.h. auch eine Kirche der Sünder: „Jesus selber hat also gelehrt, dass es in seiner Kirche auf Erden nicht nur gute Christen geben wird. Die große Scheidung kommt am Ende“ (vgl. Sämann-Gleichnisse von Mt 13).

Franz Jägerstätter bezeugt den personalen Gott als Herrn und Freund des Lebens. Er bringt den Gott der Bibel existentiell zur Sprache. Er weiß sich vom Unbedingten in einer Welt des Beliebigen in Anspruch genommen. Franz Jägerstätter war ein Dolmetscher Gottes in einer Zeit der gott- und menschenverachtenden Barbarei. Er verleiblicht das „Ich widersage“ des Taufbekenntnisses gegenüber den Verlockungen und Verführungen des Bösen, gegen Vergötzungen von Nation und Rasse, und er hält dafür den Kopf hin. Seine Seligsprechung kann zeigen: Laien haben eine wichtige Aufgabe.

ZENIT: Lässt sich schon sagen, wann und wo die Seligsprechung stattfinden wird? Und wie werden die Vorbereitungen zu diesem historischen Ereignis aussehen?

-- Bischof Scheuer: Die Seligsprechung wird voraussichtlich im Herbst in Linz stattfinden. Die Vorbereitungen dazu laufen in diesen Tagen intensiv in der Diözese Linz an. Natürlich ist da viel zu organisieren und an Materialien vorzubereiten (Biographie, liturgische Texte, Übersetzungsarbeiten, Beiträge für die Medien, Interviews, Andenkenbilder usw.). Die Seligsprechung sollte auch ein geistlicher Prozess für die Kirche in Österreich werden.