Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung - Entzauberte Welt

Von Alexander Riebel

| 10867 klicks

WÜRZBURG, 23. Januar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Als die „Dialektik der Aufklärung" noch zeitig zur Studentenrevolte 1969 in Deutschland erschien, war sie bereits lange vergriffen. Denn zuvor hatten sie die Sozialphilosophen Max Horkheimer (1895-1973) und Theodor W. Adorno (1903-1969) in Amsterdam 1947 auf Englisch veröffentlicht. Unter deutschen Studenten wurden Raubdrucke des Buchs schon heiß diskutiert, das die beiden Vertreter der Kritischen Theorie unter dem Originaltitel „Eclipse of Reason" (Verfinsterung der Vernunft) verlegt hatten.

Die beiden Titel zeigen an, dass mit der Vernunft etwas passiert sein muss. Zumindest nach Auffassung der beiden Autoren. Mit dem Triumph der Aufklärung habe sich die Welt verfinstert. Die modernen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen seien universal geworden, und der Einzelne werde den Herrschaftstechniken der modernen Massengesellschaft unterworfen. „Damit schlägt Aufklärung in Mythologie zurück, der sie nie zu entrinnen wusste. Denn Mythologie hatte in ihren Gestalten die Essenz des Bestehenden: Kreislauf, Schicksal, Herrschaft der Welt als die Wahrheit zurückgespiegelt und der Hoffnung entsagt. In der Prägnanz des mythischen Bildes wie in der Klarheit der wissenschaftlichen Formel wird die Ewigkeit des Tatsächlichen bestätigt und das bloße Dasein als der Sinn ausgesprochen, den es versperrt." Horkheimer und Adorno sehen in den bisherigen marxistischen Theorien nicht mehr die geeigneten Mittel, die moderne Krise zu begreifen. Sie versuchen darum tiefer anzusetzen, mit Vernunft- und Wissenschafts-, mit Herrschafts- und Zivilisationskritik.

Die Aufklärung sei gescheitert, weil in ihrer instrumentellen Vernunft schon Herrschaft über Menschen und Naturbeherrschung angelegt seien. Damit schlägt die Vernunft, die vom Mythos befreien wollte, selbst in den Mythos des bloß Bestehenden zurück. Das gilt besonders auch für die Kulturindustrie, die als Massenbetrug im Zeichen der Aufklärung entlarvt wird. Im ersten Satz des Buches wird gesagt, was unter Aufklärung zu verstehen ist: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie sollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen."

Die Idee der Entzauberung der Welt war nicht neu. Bereits in seiner Habilitationsschrift über Kierkegaard hatte Adorno geschrieben, dass die bürgerliche Gesellschaft aufklärerische Rationalität freisetzt, aber doch gleichzeitig ökonomisch dazu verurteilt ist, den durch fortschreitende Vernunft erhofften humanen Fortschritt zu hemmen und letztlich alles so zu lassen, wie es ist. Damit wendet sich Adorno gegen Max Webers Gedanken von der Entzauberung, der den Zusammenhang zwischen Mythos und Vernunft undialektisch dachte, die Aufklärung bloß als Überwindung des Mythischen. Bei Weber heißt es hierzu: „Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet also nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern ... dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, dass man vielmehr alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt."

Dieses „Berechnen" der Dinge gehört zu den Lieblingsbegriffen der Autoren in der „Dialektik der Aufklärung" und bedeutet, dass die Dinge nur noch in Größenverhältnissen wahrgenommen werden, dass sie unter die Herrschaft von Logik und Zeichen geraten und in Einheiten erfasst werden. So wird aus der wissenschaftlichen Weltherrschaft unter dem Zeichen der Naturbeherrschung auch die Verdinglichung des Menschen. Selbst der Glaube soll dieser Dialektik nicht entkommen, über ihn heißt es: „Das schlechte Gewissen ist seine zweite Natur. Im geheimen Bewusstsein des Mangels, der ihm notwendig anhaftet, des ihm immanenten Widerspruchs, die Versöhnung zum Beruf zu machen, liegt der Grund, dass alle Redlichkeit der Gläubigen seit je schon reizbar und gefährlich war... Die Paradoxie des Glaubens entartet schließlich zum Schwindel, zum Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts und seine Irrationalität zur rationalen Veranstaltung in der Hand der restlos Aufgeklärten, welche die Gesellschaft ohnehin zur Barbarei hinsteuern."

Bei solch dialektischem Saltomortale vom Glauben der Christen in einen „Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts" gemäß dem Buchtitel des Nationalsozialisten Alfred Rosenzweig muss eingehakt werden mit der Frage, was sich Adorno und Horkheimer, später zentrale Figuren der Frankfurter Schule, hier eigentlich ausgedacht haben. Es drängt sich geradezu auf, dass die Verschränkung von Aufklärung und Mythos sowie deren angebliche Dialektik weder etwas mit Aufklärung, Mythos noch Dialektik zu tun haben. Die wohl prominentesten Vertreter der Aufklärung, Sokrates und Kant, sahen sich im Widerspruch zu den Sophisten beziehungsweise zum Skeptizismus des englischen Empirismus sowie zum absolutistischen Zeitalter - man wird beiden kaum das „Berechnen" der Welt und die Verdinglichung des Menschen anlasten können. Die „Dialektik der Aufklärung" ist getragen von einem tiefen Pessimismus - bereits der junge Horkheimer war stark von Schopenhauer beeinflusst und schrieb schon, dass ja doch alles beim alten bleibe -, ein Pessimismus, der aus der abendländischen Kultur eine negative Universalgeschichte macht, deren grundlegendes Motiv ist, in jedem Detail der Geschichte eine faschistische Struktur auszumachen. Jürgen Habermas, einst selbst Teil der Frankfurter Schule, gehört zu den großen Kritikern der „Dialektik der Aufklärung": Mit ihrer totalisierenden Kritik ziehe sie sich selbst den normativen Boden unter den Füßen weg, weil sie kein positives Prinzip gegenüber der instrumentellen Vernunft nenne, heißt es bei Habermas.

Mit dem Kapitel „Odysseus oder Mythos und Aufklärung" versuchen die Autoren, in die Vorgeschichte der Zivilisation zu gelangen und bereits hier den Hebel zur Vernunftkritik anzusetzen, einer Vernunft, die ganz marxistisch immer auch mit dem Klassenbewusstsein in Verbindung gesehen wird. Odysseus wollte dem Gesang der Sirenen lauschen, ließ sich an den Mast seines Schiffes binden und den Matrosen Wachs in die Ohren stopfen. Das lesen Adorno und Horkheimer als Zeichen des emanzipierten Bürgertums. Auf dem Rücken der Arbeiter wird Kunstgenuss möglich. Auch die Selbstbehauptung durch Selbstverleugnung, die Odysseus gegenüber der vorzivilisatorischen Macht des Zyklopen Polyphem geltend macht, indem er sich als „Niemand" bezeichnet, wird ebenso dem neuzeitlichen Subjekt zugerechnet, das im Zwiespalt zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung lebt. „Furchtbares", so heißt es, „hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt."

Die Kritik an der Kulturindustrie gehört zum Kern des Buches - technische Rationalität sei heute die Rationalität der Herrschaft, wodurch die Kultur selbst zur Ware wird, zu einem reproduzierbaren Schema. So heißt es: „Die Klagen der Kunsthistoriker und Kulturanwälte übers Erlöschen der stilbildenden Kraft im Abendland sind zum Erschrecken unbegründet. Die stereotype Übersetzung von allem, selbst dem noch gar nicht Gedachten ins Schema der mechanischen Reproduzierbarkeit übertrifft die Strenge und Geltung jedes wirklichen Stils, mit dessen Begriff die Bildungsfreunde der vorkapitalistischen Vergangenheit als organische verklären." Ob hier wirklich Dialektik und Mythos als dunkle Kräfte im Hintergrund walten? Es ist eben die Frage, ob die Verfallszeiten der Geschichte durch einen dialektischen Umschlag entstanden sind - Dialektik war in vormarxistischer Zeit noch ein Verhältnis zwischen Begriffen -, oder ob sich Menschen hier einfach nicht mehr durch Vernunft bestimmen lassen. Und diese Vernunft war nie instrumentell.

[Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1988, 275 Seiten, ISBN-13: 978-3596274048, EUR 9,95; ; Teil 60 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie", © Die Tagespost vom 17. Januar 2009]