Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. Homo metaphysicus

Von Gereon Piller

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WÜRZBURG, 18. September 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).-Die letzte der vier großen Fragen Kants, „Was ist der Mensch?“, sollte auch heute nicht in Vergessenheit geraten, etwa als bohrender Stachel in einer allzu pragmatisch angesetzten Ethikdebatte, bei der eher stillschweigend ein naturalistisch bestimmtes Menschenbild das Maß vorgibt. Nicht vergessen werden sollten demnach auch jene Begründer der philosophischen Anthropologie vor nunmehr einem guten Menschenalter, die genau diese Grundfrage zu ihrem systematischen Ausgangspunkt gemacht hatten.

Der erste unter ihnen war Max Scheler (1874–1928), dessen Werk sich allerdings nicht auf die Anthropologie beschränkt, sondern im Grunde die ganze Bandbreite der Philosophie abdeckt, weshalb Heidegger ihn gewiss nicht unzutreffend als „die stärkste philosophische Kraft im heutigen Deutschland ... sogar in der gegenwärtigen Philosophie überhaupt“ würdigte. Auch Edith Stein merkte zu ihm an: „Nie wieder ist mir an einem Menschen so rein das ,Phänomen der Genialität‘ entgegengetreten“, wobei freilich in beiden Zitaten auch etwas von der ungewöhnlich starken Spannung angedeutet wird, die Schelers Leben ebenso wie sein Gesamtwerk kennzeichnet. Spiegelt sich darin doch geradezu exemplarisch die conditio humana wider, wie sie sich dann auch in seiner Anthropologie niedergeschlagen hat.

Mehrere nicht unproblematische Ehen, vielfache Ortswechsel, Höhen und Tiefen zwischen freischaffender Tätigkeit und renommiertem Direktoren- und Professorenposten, der Wechsel vom Neukantianismus zum Münchener-Göttinger Phänomenologenkreis wie darüber hinaus, sowie vom jüdischen Elternhaus über einen in seiner mittleren Phase sehr engagierten Katholizismus, zeitweise gar als intellektuelle Leitfigur des katholischen Deutschland, schließlich hin zu einem Pan(en)theismus eigener Art, dessen Ausformulierung jedoch durch seinen plötzlichen Tod verhindert wurde – neben diesen biografischen Brüchen ist auch sein philosophisches Werk mehr eine visionäre Sammlung großer Entwürfe, die nie zur vollen systematischen Ausarbeitung gelangten. Dies hätte auch kaum von einem Einzelnen geleistet werden können, gerade wegen ihrer thematischen Breite, wobei Schelers Analysen immer auch sehr überzeugend das Unzureichende im zeitgenössischen Denken aufdeckten, sei es die positivistische Verengung der Naturwissenschaften, sei es etwa der die reinen „Nutzwerte“ verabsolutierende Kapitalismus.

Visionär, kritisch, skizzenhaft gestaltet sich auch seine Anthropologie, deren erste Entwürfe genau an der Nahtstelle seines Wechsels vom Theismus zum Pantheismus datieren. Die ausführlichste Skizze, „Die Stellung des Menschen im Kosmos“ (1928), nach einem Vortrag von 1927 über „Die Sonderstellung des Menschen“, basiert jedoch bereits eindeutig auf der pantheistischen Metaphysik seiner Spätphase. Die Problemlage, wie er sie im Vorwort kennzeichnet, ist aber dessen ungeachtet eine grundsätzliche, zudem überaus aktuell, wenn Scheler, seinerseits Kants Frage aufgreifend, zeitkritisch festhält: „Die Selbstproblematik des Menschen in der Gegenwart [hat] ein Maximum in aller uns bekannten Geschichte erreicht. In dem Augenblick, da der Mensch sich eingestanden hat, dass er weniger als je ein strenges Wissen habe von dem, was er sei, und ihn keine Möglichkeit der Antwort auf diese Frage mehr schreckt, scheint auch der neue Mut der Wahrhaftigkeit in ihn eingekehrt zu sein, diese Wesensfrage ohne die bisher übliche ... Bindung an eine theologische, philosophische und naturwissenschaftliche Tradition in neuer Weise aufzuwerfen“. Mit Letzterem kennzeichnet Scheler sein eigenes Programm. Von neun geplanten Themenkreisen sind im Vortrag nur die ersten drei umrissen: 1. eine geistesgeschichtliche „Typologie“ menschlichen Selbstverständnisses, 2. eine phänomenologische „Wesensontologie“ dessen, was unverzichtbar zum Menschsein gehört, 3. ein Vergleich zwischen Mensch und Tier, einschließlich Pflanzenwelt. Leitfaden ist dabei durchgängig die Frage nach der Sonderstellung des Menschen, als notwendig gewordene Spezifizierung jener Kantschen Frage, nicht zuletzt weil der Biologismus bereits zu Schelers Zeiten diese Sicht zu demontieren begonnen hatte.

1. Typologie: Hier nennt Scheler a) das jüdisch-christliche Selbstverständnis des Menschen als „gefallenes“ Ebenbild Gottes (imago dei, homo peccator), b) das griechisch-philosophische Selbstbild als animal rationale (homo sapiens), c) das pragmatisch-naturalistische Verständnis des Menschen als höchst entwickeltes Tier und als homo faber. Zu erwähnen ist ferner d) der von ihm sogenannte „postulatorische Atheismus“, jenes Selbstbild säkularer Aufklärung vom mündigen Menschen, der um dieser willen besonders auch moralischen Autonomie von einem Gott notwendig abzusehen habe – heute etwa greifbar in der Standardformel von der Wertneutralität des demokratischen Staates.

2. Wesensontologie: a) Für Scheler ist der Mensch primär Person, so schon in seiner materialen Wertethik von 1913/16, noch ganz auf der Linie eines katholischen, augustinisch geprägten Personbegriffs (als geistiges „Aktzentrum“, dessen Grundbewegung die Liebe ist, letztlich hin auf Gott). b) Zugleich aber ist er ständiges Spannungsfeld zwischen zwei bei Scheler nun gleichermaßen metaphysisch dimensionierten Größen: Lebensdrang und Geist. Damit präsentiert er eine Art nachcartesischen Dualismus, mit der viel umstrittenen These von der Ohnmacht des Geistes, der sich nur indirekt verwirklichen könne, indem er energetisch am Drang partizipiert (durch Triebsublimierung, realisiert im Menschen als „Neinsagenkönner“ oder „Asket des Lebens“) – was heute mehr als damals nachdenklich stimmen könnte.

3. Beim Vergleich von Pflanze, Tier, Mensch ist wichtig unter anderem: die Lehre vom Lebensdrang, Movens auf allen Stufen des Vitalen, auch schon der pflanzlichen – mit der bedenkenswerten These vom Vitalpsychischen als Innenseite dessen, was der Biologie als physisch-organismische Außenseite vorstellig ist (ein aristotelischer Gedanke). Dessen höchste Ausformung stellt die „praktische Intelligenz“ dar, eben alles technische Vermögen, von dem Scheler sagt, dass es gegenüber etwa den Intelligenzleistungen, die damals W. Köhler bei Schimpansen beobachtete, nur graduell verschieden sei (die später von der Frankfurter Schule thematisierte „instrumentelle Vernunft“). Davon völlig verschieden ist hingegen jenes Vermögen, das die Alten als Logos, Nous, Vernunft bezeichneten und Scheler als Geist: ein Novum innerhalb der Entwicklung des Lebens. Dieser Einbruch des Geistes in die Vitalsphäre, überhaupt in die endliche Welt, geschieht wesentlich im Menschen, bildet allererst seine „Menschwerdung“ und begründet somit auch seine Sonderstellung, für die deshalb jeder rein materialistisch-naturalistische Ansatz notwendig blind bleiben muss. Denn der Mensch ist so gefasst wesensgemäß meta-physisch. „Geist“ steht dabei für das Vermögen einer prinzipiellen Distanznahme zur Welt und zu sich selbst. Dies als Grundvoraussetzung, Welt und Selbst überhaupt bewusst wahrnehmen zu können, was Scheler im ersten Falle als „Weltoffenheit“ bezeichnet, im zweiten als „Selbstbewusstsein“, beides realisiert allein im Menschen.

Das aber bedeutet: Die Frage des Menschen nach sich selbst ist in sich schon Beleg für seine Sonderstellung, für seine Verfasstheit als letztlich metaphysisch situiertes Geistwesen. Das gilt auch ohne pantheistische Auslegung jenseits von Scheler, sollte gleichwohl mit seinem Beitrag in der gegenwärtigen Diskussion neu aufgegriffen werden. Kurz: Es lohnt sich gerade heute wieder, Scheler zu lesen.

[Max Scheler: Die Stellung des Menschen im Kosmos. Bouvier Verlag, Bonn 2005, 112 Seiten, ISBN-13: 978-3416025- 928, EUR 12,90; Teil 40 der Reihe „Fünfzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 30. August 2008]