Mehr als eine geistliche Heimat

In der arabischen Metropole Dubai gibt es die vermutlich größte Pfarrei der Welt

München, (KIN) | 356 klicks

Dubai ist eine Stadt der Superlative und Rekorde: Hier steht das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt, das welthöchste Gebäude, eines der größten Einkaufszentren und die weltgrößte Springbrunnenanlage. Doch es gibt einen Weltrekord, den man in der größten Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate nicht vermuten würde: Hier ist die mit bis zu 400 000 Gläubigen wahrscheinlich größte katholische Pfarrgemeinde der Welt angesiedelt. 

Es gibt nur wenige äußere Anzeichen auf diesen Rekord. Eine hohe graue Betonmauer umgibt das Gelände der Kirchengemeinde in der Oud Metha Street. Dahinter ragen ein paar graue Gebäude hervor. In der Mauer ist an einer Ecke ein Bankautomat eingefasst. Die Minarette der benachbarten Moschee sind hingegen schon von weitem zu sehen. Immerhin weist ein Schild auf der Mauer und an einem Gebäude auf die „St Mary’s Catholic Church“ (Katholische Marienkirche) hin – auf Englisch und Arabisch. 

Wer das Pförtnerhäuschen am Eingang des Geländes passiert hat, findet immer noch wenige Anzeichen einer Kirche: kein Glockenturm, kein Kreuz. Nur eine nachgebildete Lourdes-Grotte links vom Eingang lässt erkennen, dass man zumindest ein kirchliches Gelände betritt. Kirchtürme dürfen in den Vereinigten Arabischen Emiraten von außerhalb des Geländes nicht erkennbar sein.

Ein großes, flaches, schmuckloses Gebäude direkt gegenüber dem Eingang ist die Marienkirche. Sie bietet Platz für mindestens 1700 Besucher, also mehr als die meisten Kirchen hierzulande. Trotz dieser Größe ist der Innenraum manchmal zu klein für die Gottesdienstgemeinde, denn oft kommen rund 2000 Besucher – selbst zu einem Werktagsgottesdienst. Wenn in der Kirche kein Platz mehr ist, wird die heilige Messe mit Lautsprechern, Projektoren und Leinwänden nach draußen auf die Freifläche vor der Kirche übertragen. An Hochfesten tummeln sich zwischen zehn- und zwanzigtausend Gläubige auf dem Gelände, auf dem sich außer der Kirche auch das Pfarrhaus, das Haus einer Schwesterngemeinschaft, eine Schule und ein kleiner Sportplatz befinden. 

Das Gelände rund um die St. Mary’s Church wurde 1966 vom Emir Scheich Rashid bin Saeed Al-Maktoum der Pfarrei zugeteilt. Ein Jahr später wurde bereits eine Kirche eingeweiht. Das jetzige Gebäude stammt aus dem Jahr 1989. Innerhalb dieses Geländes können die Gläubigen frei beten und die Priester ohne Einschränkungen Gottesdienste feiern. Außerhalb der Pfarreimauern ist das nicht möglich. Mit der benachbarten Moschee und den Imamen gibt es keinen Kontakt. 

Der Gemeindeleiter, Kapuzinerpater Tomasito Veneracion, schätzt, dass zwischen 300 000 und 400 000 Katholiken in der Pfarrei leben. Genaue Statistiken gibt es leider nicht. Zum Vergleich: Im gesamten Erzbistum Hamburg leben 397 000 Katholiken. Der gebürtige Philippiner ist seit vier Jahren in der Gemeinde tätig, vorher arbeitete er sieben Jahre in der einzigen Pfarrgemeinde im Wüstenstaat Katar. Mit neun Mitbrüdern und Priesterkollegen aus unterschiedlichen Ländern kümmert er sich um die Seelsorge in der Pfarrei. 

Die Gemeinde ist eine von sieben Pfarreien in den Vereinigten Arabischen Emiraten und besteht zu einem überwiegenden Teil aus indischen und philippinischen Einwanderern. 85 Prozent der Einwohner im Emirat Dubai sind Ausländer. Sie sind wegen der Arbeit in dem arabischen Land; ihre Familien sind dagegen häufig in den Heimatländern geblieben – so sieht es auch in einigen anderen Staaten rund um den Persischen Golf aus. Meistens ist nur ein Elternteil ausgewandert. Männer arbeiten häufig auf Baustellen, Frauen in Krankenhäusern oder als Hausmädchen. Etwa 400 000 Philippiner leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die insgesamt etwa neun Millionen Einwohner zählen. Viele Einwanderer fühlen sich in ihrer neuen Heimat einsam. „Die Kirche wird in dieser vorübergehenden Emigration zu einer Art Zuhause, wo die Einwanderer nicht nur eine geistliche Heimat finden, sondern auch untereinander leichter in Kontakt kommen können. So wird das Gelände der wenigen Pfarreien, die wir hier haben, zu einer Art ‚Salon der Begegnung‘ in geistlicher und menschlicher Hinsicht“, erläutert Bischof Paul Hinder, der Apostolische Vikar für das südliche Arabien, das die Vereinigten Arabischen Emirate, den Jemen und Oman umfasst. Durch diese Umstände kommen die hohen Zahlen der Gottesdienstbesucher zustande. 

Ohne die Hilfe von vielen hundert Freiwilligen könnte die Arbeit in der Pfarrei nicht funktionieren. Es gibt Dienste, sogenannte „ministries“, in denen sich Laien engagieren. Sie besuchen die Menschen im Krankenhaus, in Arbeiter-Camps oder im Gefängnis, sie helfen bei juristischen Fragen, wenn sie die Arbeit verloren haben oder auch medizinisch. Dreimal im Jahr gibt es in der Pfarrei die Möglichkeit zu einem kostenlosen Medizin-Check. 500 bis 600 Leute kommen zu einer solchen Veranstaltung. Dabei wird kein Unterschied gemacht, ob jemand Christ oder Muslim, arm oder reich ist. 

Auch die Glaubensweitergabe liegt in den Händen von Freiwilligen. Knapp 300 Katecheten kümmern sich freitags um 6300 Kinder und Jugendliche, um ihnen Religionsunterricht zu erteilen. Freitag ist der muslimische Feiertag, an dem die meisten Menschen frei haben. Die Kirche richtet sich danach. An diesem Tag werden die Kinder und Jugendlichen in verschiedenen Altersklassen in mindestens drei Schichten nacheinander unterrichtet. 

In den heiligen Messen werden wegen der vielen Gottesdienstbesucher auch viele Kommunionhelfer gebraucht; außerdem gibt es Lektoren, Chorsänger oder Ordner, die den Gläubigen freie Plätze in den vorderen Kirchenbänken zeigen und den Weg zum nächsten Kommunionhelfer weisen. Außerhalb der Kirche gibt es ebenfalls freiwillige Ordner, zum Beispiel auf den Parkplätzen oder beim Ausgang. Wenn ein Gottesdienst zu Ende ist, stehen schon die Gläubigen für die nächste Messe Schlange. 

An einem Freitag gibt es mindestens zwölf Gottesdienste, samstags und sonntags sind es auch noch bis zu sieben Messen. An den Werktagen werden am Morgen und am Abend Gottesdienste angeboten. Sie werden zu einem überwiegenden Teil auf Englisch gefeiert, aber auch in den indischen Sprachen Malayalam, Konkani oder Tamil oder im philippinischen Tagalog. Auch die Priester kommen aus diesen Sprachkreisen. Das ist notwendig, denn ihre Sprachkenntnisse sind nicht nur bei Gottesdiensten wichtig, sondern auch bei der Beichte oder bei der Spendung von Sakramenten. Die Arabisch sprechenden Katholiken, auch sie sind Migranten, sind eine bedeutende Gruppe und werden von Priestern aus dem Libanon betreut. Manchmal werden Gottesdienste auch in einem anderen katholischen Ritus gefeiert, wie etwa im syro-malabarischen oder syro-malankarischen Ritus. „Die größte Herausforderung ist, alle Gemeinschaften zusammenzubringen, nicht nur sprachliche Gemeinschaften, sondern auch die verschiedenen Riten“, sagt Pater Tomasito. 

Das Christentum in der Region rund um den Persischen Golf wächst, denn immer mehr Menschen aus Indien und von den Philippinen kommen wegen der Arbeit hierher. Daher will der katholische Ortsbischof Paul Hinder in Zukunft vor allem auf zwei Dinge setzen. Zum einen will er mehr in die Schulbildung investieren. Die vier Schulen in kirchlicher Trägerschaft, die es in den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt, haben einen guten Ruf, auch bei muslimischen Eltern. Etwa die Hälfte der 7500 Schüler ist muslimisch. Zum anderen möchte er die bestehenden kirchlichen Strukturen stärken. In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es demnächst acht Pfarreien. Eine neue Kirchengemeinde samt einer Kirche entsteht zurzeit in der Nähe von Abu Dhabi in der Stadt Musaffah, zu der rund 100 000 Katholiken gehören werden.

Hierzulande sind derartige rekordverdächtige Zahlen aus den Pfarreien in den Vereinigten Arabischen Emiraten ungewohnt. Auch eine deutsche Kirchenbesucherin aus der Eifel, die ihren Sohn in Dubai besucht hat, ist „gerührt und überrascht“, dass so viele Menschen in einen Gottesdienst gekommen sind. Besonders beeindruckend sei für sie gewesen, dass unter den Gläubigen in der St. Mary’s Church so viele junge Menschen und Familien waren. Für sie steht fest: „Wir werden auf jeden Fall wieder dorthin gehen.“ Auch ihr Sohn, der für eine deutsche Firma in Dubai arbeitet, ist vom ersten Besuch in der katholischen Gemeinde beeindruckt. „Vor allem haben mich die vielen Menschen aus unterschiedlichen Ländern begeistert und auch, dass so viele junge Menschen aktiv am Gottesdienst teilgenommen haben“, sagt der 36-Jährige. Erst kurz zuvor hatte er erfahren, dass es überhaupt eine katholische Pfarrei in Dubai gibt. In Zukunft werde er seinen deutschen Freunden, die ihn besuchen, die Kirche und Gemeinde zeigen.

Dazu lädt auch Bischof Paul Hinder ein. Er ruft alle Dubai-Touristen auf, „ihre Tage nicht nur in Einkaufszentren und Hotels mit ein paar Ausflügen in die Wüste zu verbringen, sondern sich auch einmal in einer Kirche blicken zu lassen“.

Von: Stefan Stein

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