Mein Bruder, der Papst

Georg Ratzinger über Familienleben, Kriegszeit, die Rolle von Haferflocken und Günther Grass

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MÜNCHEN, 13. September 2011 (ZENIT.org). - Wenige Tage vor Papst Benedikts Besuch in Deutschland ist im Münchener Herbig-Verlag das Buch von Georg Ratzinger „Mein Bruder, der Papst“ erschienen, das in Zusammenarbeit mit dem Publizisten Michael Hesemann entstanden ist. Der ältere der beiden Geschwister – beide wurden am selben Tag zu Priestern geweiht – schildert in dem Buch den heutigen Papst als liebenswerten und bescheidenen Menschen, der gerne noch mehrere Bücher schreiben würde und eigentlich ein Familienmensch sei.

Der mittlerweile 87-jährige Georg Ratzinger, ehemaliger Leiter der weltberühmten Regensburger Domspatzen,  plaudert in diesem Band auch über verschiedene Abschnitte des gemeinsamen Lebens mit seinem berühmten Bruder. Die Familie Ratzinger war eine streng gläubige Familie aus der Nähe des Wallfahrtsortes Altötting. Die Mutter habe selbst beim Geschirrspülen noch Marienlieder gesungen. Sie sei der gütige Teil der Eltern gewesen, der Vater der strenge, der aber abends auf der Zither spielte und dazu Volkslieder sang. Als auch der jüngere Bruder ins Internat kam, habe die Mutter zu Sohn Georg gesagt: „Pass gut auf den Joseph auf.“

Haferflocken hätten Papst Benedikt XVI. als Kind womöglich das Leben gerettet. Als Säugling habe Joseph Ratzinger nichts behalten wollen, bis ihm eine Ordensschwester Haferflocken gab. „Und siehe da, die Haferflocken konnte er behalten und hat sie auch gerne gegessen. Die haben ihm praktisch das Leben gerettet.“

Sport habe Joseph bereits als Kind regelrecht gehasst; der Vater habe die Aufnahme seiner Söhne in die Hitlerjugend (HJ) verwehrt und beide seien nicht gerne Soldaten gewesen; die Kriegserlebnisse hätten sie vielmehr in ihrem Willen bestärkt, Priester zu werden, so lauten einige Details aus den Berichten über Kindheit und Jugend der Geschwister.

Nach der Schilderung der Theologen- und Professorenjahre seines Bruders sowie dessen Zeit als Münchner Erzbischof und römischer Kurienkardinal an der Seite des seligen Johannes Paul II. beschreibt Georg Ratzinger die Wahl seines Bruders zum Kirchenoberhaupt. Für ihn sei dieses Erlebnis vor allem von Enttäuschung geprägt gewesen, als am 19. April 2005 auf dem Petersplatz in Rom der Name seines Bruders als neuer Papst genannt wurde. „ Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich in diesem Augenblick ziemlich niedergeschlagen war.“ Er habe befürchtet,  dass sein Bruder „jetzt wahrscheinlich keine Zeit mehr für mich haben würde“. Doch schon wenige Tage später habe sich die Resignation gelegt.

Zuvor hatte er mit dem Märchen aufgeräumt, Joseph Ratzinger habe als Ruheständler zurück in sein Haus im Regensburger Vorort Pentling ziehen wollen: „In Pentling hätte er ... nie genügend Platz gehabt für diese vielen Bücher.“

Ebenfalls als Märchen bezeichnete er die Anekdote, Nobelpreisträger Günther Grass habe 1945 in einem Lager für Kriegsentlassene einen Gleichaltrigen namens Joseph getroffen, der „äußerst katholisch" gewesen sei und „gelegentlich lateinische Zitate von sich gegeben" habe. Der 17-Jährige sei sein Freund und Knobelkumpan geworden, denn er habe damals einen Würfelbecher ins Lager retten können, wie es Günther Grass 2006 in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschildert hatte.

In seinem autobiografischen Buch „Beim Häuten der Zwiebel" hatte Grass im selben Jahr berichtet, sein Freund aus dem Lager sei „ein bisschen verklemmt" gewesen und habe in der Kirche Karriere machen wollen. Den Nachnamen hatte der Schriftsteller nicht erwähnt.

„Das ist vielleicht eine schöne Geschichte, aber wahr ist sie nicht", schreibt Georg Ratzinger. Grass habe sich da wohl etwas zusammenfantasiert. Vielleicht sei er wirklich in diesem Lager gewesen, aber dann an einem anderen Platz oder zu einem anderen Zeitpunkt.

Sein Bruder habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis, so Georg Ratzinger. Mit Sicherheit könnte sich sein Bruder auch heute noch daran erinnern, „wenn er mit einem Mitgefangenen, der Künstler werden wollte, ein Loch gebuddelt, gewürfelt und über seine Zukunft gesprochen hätte".

Georg Ratzinger schreibt seinem berühmten Bruder  zumindest ein Minimum an normalem Leben zu. Jedenfalls schaue Benedikt XVI. abends gerne „Kommissar Rex“ im Fernsehen an – „weil wir auch Hunde gerne haben“.

In der Beschreibung des Verlages heißt es:

„Niemand kennt Papst Benedikt XVI. besser, keiner ist ihm näher als sein eigener Bruder: Im Interview mit dem Journalisten Michael Hesemann erzählt Georg Ratzinger freimütig aus dem privaten Leben des Kirchenoberhaupts: wie sein Bruder Joseph als Kind war und zum Glauben fand, wie die Familie die Wirren des Nationalsozialismus und des Krieges überstand, warum in ihm der Wunsch wuchs, der Kirche zu dienen, und wie er zeitlebens die Herausforderungen seiner Ämter pflichtbewusst und freudig annahm.

Der Papst ganz privat: ein anrührendes und authentisches Porträt, zugleich auch ein bewegendes Zeugnis einer tiefen Geschwisterbeziehung. Mit umfangreichem Bildmaterial.“

Ratzinger, Georg; Hesemann, Michael: Mein Bruder, der Papst. München, Herbig 2011. ISBN 978-3-7766-2678-0, € 19,99.