Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Der Verlassenheitsruf Jesu, ein messianischer Ruf

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ROM, Karfreitag, 22. April 2011 (ZENIT.org). – Dieser Schrei des gequälten Herrn am Kreuz  hat immer wieder das Fragen und Nachdenken der Christen wachgerufen: Wie konnte der Sohn Gottes von Gott verlassen sein? Was bedeutet dieser Ruf? Bedeutet er einen einfachen, zutiefst menschlichen Zusammenbruch? Oder ist er mehr?

Papst Benedikt XVI. gibt im 2. Band seines Buches "Jesus von Nazareth" eine Antwort:

„Es ist nicht irgendein Verlassenheitsschrei. Jesus betet den großen Psalm des leidenden Israel und nimmt so die ganze Drangsal nicht nur Israels, sondern aller an der Verborgenheit Gottes leidenden Menschen dieser Welt dieser Welt in sich hinein. Er trägt den Notschrei der Welt, die von der Abwesenheit Gottes gepeinigt ist, vor das Herz Gottes selber hin. Er identifiziert sich mit dem leidenden Israel, mit der unter dem Gottesdunkel leidenden Menschheit, nimmt ihr Schreiben, ihre Not, ihre ganze Hilflosigkeit in sich hinein und verwandelt sie damit zugleich.

Psalm 22 … durchzieht die Passionsgeschichte und reicht über sie hinaus. Die öffentliche Demütigung, der Hohn und das Kopfschütteln der Spötter, die Schmerzen, der entsetzliche Durst, das Durchbohren der Hände und Füße, das Verlosen der Kleider - die ganze Passion ist in dem Psalm gleichsam vorab geschildert.

Indem Jesus die Anfangsworte des Psalms spricht, ist jedoch schon das Ganze dieses großen Gebets gegenwärtig – auch die Gewissheit der Erhörung, die sich zeigen wird, in der Auferstehung, im Werden der ‚großen Gemeinde‘ und in der Sättigung der Armen. Der Ruf in der äußersten Not ist zugleich Gewissheit der göttlichen Antwort. Gewissheit des Heils – nicht nur für Jesus selbst, sondern für ‚viele‘.“ (Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Bd. 2, Freiburg 2011, S. 237)

Für Papst Benedikt stellen einige Versuche der neueren Theologie, von diesem Notschrei Jesu her in die Abgründe seiner Seele hineinzuschauen, einen zu engen, individualistischen Ansatz dar. Er verweist auf die Kirchenväter, die mit ihrer Art des Verstehens von Jesu Beten an der Wahrheit viel näher gewesen seien.

Laut Augustinus bete Christus in den Psalmen als Haupt und Leib zugleich. Er bete als Haupt, als einer, der uns alle zu einem gemeinsamen Subjekt vereint, und er bete als Leib, das heißt, all unser Ringen werde gegenwärtig.

„Schon bei den Betern des Alten Bundes gehören die Psalmworte nicht einem Einzelnen, in sich geschlossenen Subjekt zu.“ (ibid. S. 239)

Manche gelehrten Arbeiten hätten versucht, die Worte Jesu genau so zu rekonstruieren, dass sie einerseits von den Umstehenden als Ruf an Elija missverstanden werden konnten, wie es aus dem Bericht der Evangelisten Markus und Matthäus hervorgeht, andererseits als Verlassenheitsruf des Psalm 22.

„Wie dem auch sei: Erst die glaubende Gemeinde hat die von den Umstehenden nicht verstandenen und missdeuteten Schrei Jesu als das Anfangswort des Psalms 22 begriffen und ihn von daher als wahrhaft messianischen Ruf verstehen können.“ (ibid. S. 237)

„Gewiss, es sind ganz persönliche, im Ringen mit Gott gewachsene Worte, in denen aber doch zugleich alle leidenden Gerechten, ganz Israel, ja, die ringende Menschheit mitbeten, und immer umspannen daher diese Psalmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Sie stehen im Präsenz des Leidens und tragen doch in sich schon das Geschenk der Erhörung, der Verwandlung.“ (ibid. S. 239)

Es ist der Schrei einer von Gott verlassenen Welt, aber in der Gewissheit der göttlichen Antwort. Es ist der Schrei des heutigen Leidens. Er ist unser aller Ringen, es ist unsere Not, die vor Gottes Herz getragen wird. Dadurch wird von der Schrecklichkeit der Passion Christi nichts weggenommen, sie wird sogar größer: Weil sie nicht nur individuell bleibt, sondern unser aller Not in sich trägt, die der ganzen Menschheit.

„Aber zugleich ist sein Leiden messianische Passion – ein Leiden in der Gemeinschaft mit uns, für uns; ein Mitsein, das aus der Liebe kommt und so schon die Erlösung, den Sieg der Liebe in sich trägt.“ (ibid. S. 239)

(jb)