Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Geistliche Betrachtung am Karfreitag

Rom, (ZENIT.org) | 1095 klicks

„Et hora nona exclamavit Jesus voce magna dicens: Eloi, Eloi, lama sabachtani, quod est interpretatum: Desu meus, Deus meus, ur quid dereliquisti me? – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Die drei ersten Jesusworte enthüllten das wunderbare Licht in Jesu Leiden: Er überragt die Qualen, scheint sie zu vergessen, einzig darauf bedacht, Verzeichnung für seine Henker herabzuflehen, dem Schächer das Paradies zu verheißen, dem Jünger seine Mutter anzuvertrauen.

Die beiden folgenden Worte verraten seinen maßlosen Schmerz. Von grausamer Folter erpresste Rufe; Klagen, die zum Himmel schreien: Mein Gott, mein Gott… - mich dürstet! Wird sich der Heiland nun mit sich selbst befassen, sich auf sein eigenes Leid besinnen? Versenken wir uns in dieses Geheimnis.

Um die neunte Stunde fühlte sich der Heiland dem Tode nahe. Da erhob er von neuem seine Stimme. Die Worte folgen sich nun rascher. Seine vier letzten.

Man erinnere sich, wie es während Jesu Lehrtätigkeit zum Zusammenprall mit den israelitischen Führern gekommen war, die religiöse und nationale Belange miteinander vermengt hatten. Allzu vielen überlieferten Anschauungen widersprach Christi Botschaft, zu viel Überkommenes stellte er auf den Kopf, als dass man seine Lehre ruhig hätte hinnehmen wollen. Nach der Auferweckung des Lazarus beriefen die Hohepriester und Pharisäer, wie der hl. Johannes berichtet, den Hohen Rat ein und erklärten: „Was fangen wir an? Dieser Mensch wirkt Wunder und Wunder. Lassen wir ihn gewähren, wird schließlich jedermann an ihn glauben, und die Römer kommen und nehmen uns Land und Volk. Einer von ihnen jedoch, Kaiphas mit Namen, im laufenden Jahr Hohepriester, erwiderte: Ihr versteht nicht und bedenkt nicht, dass es für euch besser ist, dass ein Mensch für das Volk sterbe, als dass das ganze Volk zugrunde gehe…Von jedem Tag an waren sie entschlossen ihn zu töten“ (Joh 11, 47-53).

Die Verteidiger der Ordnung beriefen sich bedenkenlos auf Gott. Auf Zeugenaussagen hin, die Jesu Worte verdrehten, fragte ihn dann der Hohepriester: „Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“ (Mk 14, 61). – Nach Jesu Antwort zerriss er sein Gewand. Jesus lästerte offenbar, indem er sich als Messias und Gottessohn ausgab. So starb er nun zu Recht. Die Sache seiner Feinde war gut. Sie war heilig. Gott selber segnete sie, denn sie triumphierte…Ihre Zukunft war verbürgt. Seelenruhig glaubten deshalb die bei Jesu Hinrichtung anwesenden Ratsmitglieder, ihn verhöhnen zu dürfen. „Auch die Hohenpriester und die Schriftgelehrten verhöhnten ihn und sagten zueinander: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen. Der Messias, der König von Israel! Er soll doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben. Auch die beiden Männer, die mit ihm zusammen gekreuzigt wurden, beschimpften ihn.“ (Mk 15, 31-32)

Mit einem Mal erscholl vom Kreuz herab ein Wehruf. Wie ein Geständnis. Tatsächlich schien der Ruf den Gegnern des Heilandes Recht zu geben. Diese gänzliche Entblößung, den Augenblick, wo er jeder Stütze beraubt schien, hatte sein himmlischer Vater abgewartet, um ihn auch der inneren Trostlosigkeit zu überantworten, sein Herz das ganze Gewicht unsäglicher Qualen fühlen zu lassen. Angesichts dieser gewissermaßen übergroßen Prüfung und einer beinahe erlahmenden Widerstandskraft, sammelte Jesus seine letzten Kräfte zum vierten Kreuzeswort. Laut rief er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Verhängnisvolles Wort! Warum musste es ihm entgleiten? Warum behielt er es nicht für sich? Übersah er, dass es später gegen ihn ausgespielt würde. Wie konnten seine Zeitgenossen im Schmerzensmann noch den Messias sehen, der sein Volk von jahrhundertelangen Demütigungen befreien sollte?

Dem Gläubigen jedoch ein anbetungswürdiges Wort! In den letzten Tiefen der geheimnisvollen Menschwerdung und Erniedrigung des menschgewordenen Wortes lässt es uns blicken. Der Anstoß fällt zwar nicht weg. Doch das Evangelium ist ja samt und sonders ein Anstoß. Es rettet die Welt nur, indem es ihr entgegentritt. Indem es das Unterste zuoberst kehrt.

[Journet Kardinal Charles, Die sieben letzten Worte Jesu, Benzinger Verlag, 83-87.]