Memorie d'Inciampo in Rom

Der deutsche Künstler Gunter Demnig verlegt 72 Stolpersteine

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ROM, 16. Januar 2012 (ZENIT.org). - „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, mit diesen Worten erklärt der deutsche Künstler Gunter Demnig sein Projekt der „Stolpersteine“.

Nach den ersten beiden römischen Editionen in den Jahren 2010 und 2011 hat Demnig in diesem Jahr in Rom 72 weitere „Stolpersteine“, „Pietre d'inciampo“ realisiert. „Stolpersteine“ sind Kunstdenkmäler, die an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Auf einer kleinen Messingplatte, die auf einen Pflasterstein montiert ist, werden der Name, das Geburtsjahr, das Deportationsjahr und Angaben zum Schicksal der Person vermerkt. Die Platte wird vor dem letzten selbstgewählten Wohnort in den Boden eingelassen (vgl. die Homepage des Künstlers).

Seit dem Entwurf des Projektes im Jahr 1993, der ersten im Nachhinein legalisierten „Stolperstein“ Verlegung im Jahr 1996 sind seit dem Jahr 2000 in circa 700 verschiedenen Orten rund 32.000 „Stolpersteine“ montiert worden. Demnig kam die Idee zu dem Projekt, weil er große Ignoranz und Unwissenheit in Bezug auf die Verfolgung und Deportation von Juden, politischen Flüchtlingen, Sinti und Roma, Homosexuellen und Euthanasieopfern festgestellt hatte.

Mit seiner Arbeit will der Künstler ein sichtbares Zeichen setzen, das sich zugleich in das alltägliche Leben und Stadtbild einfügt. Aus diesem Grund wählte Demnig das Format der 10 cm x 10 cm großen Pflastersteine, die problemlos in jeden Untergrund montiert werden können.

Die Erinnerung an die auf der Tafel genannte Person findet damit nicht nur im Rahmen von Gedenktagen statt, sondern sie wird permanenter Bestandteil der Gegenwart und Zukunft.

Die Orte, an denen bisher „Stolpersteine“ in Rom verlegt worden sind, sind auf der Webseite dokumentiert. Der Seite kann man außerdem Film- und Photomaterial, Begleittexte, die Biographie des Künstlers und Pressebeiträge entnehmen.

In diesem Jahr nehmen insgesamt sieben Munizipien an der Aktion teil, darunter auch das historische Stadtzentrum und das Quartier Monti. Das Projekt „Memorie d'inciampo a Roma“ wird unterstützt von: ANED (Associazione Nazionale ex Deportati), ANEI (Associazione Nazionale ex Internati), CDEC (Centro di Documentazione Ebraica Contemporanea), Federazione delle Amicizie Ebraico Cristiane Italiane, Museo Storico della Liberazione. Es steht unter der Schirmherrschaft des Präsidenten der Republik Italien, der Unione delle Comunità Ebraiche Italiane, der Comunità Ebraica di Roma und der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Italien und wurde mit Unterstützung der Comunità Ebraica di Roma und der Gemeinde von Santa Maria ai Monti realisiert. Die das Projekt begleitende wissenschaftliche Kommission unter der Leitung von Adachiara Zevi setzt sich aus den Historikern Anna Maria Casavola, Annabella Gioia, Antonio Parisella, Liliana
Picciotto, Micaela Procaccia e Michele Sarfatti zusammen.

Während der Einweihung der diesjährigen Edition am 9. Januar gedachte man Don Pietro Pappagallos, der von den Nazis verfolgte Menschen versteckt hatte und daraufhin von einer Deutschen verraten worden war. 1944 wurde er deshalb verhaftet und zum Tode verurteilt. In der Via Urbana 2 wurde ein „Stolperstein“ zur Erinnerung an Don Pietro Pappagallo angebracht.

Alle „Stolpersteine“ sind Auftragsarbeiten. In diesem Fall hatte Don Francesco Pesce, heutiger Pfarrer der Kirche Santa Maria ai Monti, den Stein bestellt, um die Erinnerung an Don Pietro Pappagallo, der vor allem Kinder in den Räumen der Kirche versteckte hatte, und an die Opfer wach zu halten.

Die „Stolpersteine“ laden zum Innehalten und Nachdenken ein. Sich mit historischen Daten und Fakten in der Literatur auseinanderzusetzen ist eine Sache; unerwartet auf einen „Stolperstein“ zu treffen und anzuhalten, um die Inschrift zu lesen, sich anschließend das Haus anzuschauen, wo die genannte Person einst lebte oder arbeitete, macht deutlich, dass man ein Menschenschicksal vor sich hat, einen Menschen mit einem Namen, einem Wohnort, einer Familie und einer Geschichte. Grausame Zahlen und Fakten erhalten ein Gesicht und werden greifbar. Es wird einem „buchstäblich“ vor Augen geführt, dass das Grauen nicht vor der eigenen Stadt, dem eigenen Quartier, der eigenen Straße halt gemacht hat, sondern eine traurige Realität ist, und dass es gleichzeitig aber Menschen gab, die den Mut hatten, sich unter Lebensgefahr dem Grauen entgegenzustellen.

„Stolpersteine“ sind Monumente, die nicht nur die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden, sondern uns auch über unsere Gegenwart und Zukunft reflektieren lassen und uns ins Gedächtnis rufen: Der Mensch ist das einmalig und individuell geschaffene Ebenbild Gottes und besitzt vom Schöpfer verliehene Grundrechte. Die Würde des Menschen ist unantastbar.

In der Nacht zum 16. Januar 2012 wurden drei der 2012 montierten „Stolpersteine“ von Unbekannten entfernt und gegen normale Pflastersteine ausgetauscht. Die drei „Stolpersteine“ waren in der Via Santa Maria in Monticello zur Erinnerung an die drei Schwestern Graziella, Letizia und Elvira Spizzichino angebracht worden. Die Tat wird von Politik und Öffentlichkeit als unfassbare Schandtat verurteilt. Wenn die Täter glauben, die Erinnerung an drei Menschen, an drei Schicksale, an drei Verbrechen durch das schlichte Entfernen der „Stolpersteine“ auslöschen zu können, irren sie. Die Erinnerung an einen Menschen ist letztlich nicht nur an ihre materielle Sichtbarwerdung gebunden, sondern lebt in unserem Bewusstsein und im Herzen der Betroffenen ewig weiter.
 
Dieser von so tiefer Respektlosigkeit und Menschenverachtung gezeichnete Vandalismus kann uns nur die Historie und Bedeutung des 1. Art. des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in Erinnerung rufen und verdeutlichen: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Britta Dörre