"Menschen, die keine Arbeit und deshalb kein Brot haben": Weihbischof Grave über die Prioritäten der Bischöflichen Kommission Adveniat

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WÜRZBURG, 26. Juni 2006 (ZENIT.org).- Weihbischof Grave, der Vorsitzende der Bischöflichen Kommission Adveniat, kehrte soeben von einer Reise durch Mexiko und Amerika zurück. Dabei besuchte er "Migrantenheime" in Mexiko. Außerdem traf sich Weihbischof Grave in Los Angeles mit Kardinal Roger Mahony zu einem Gespräch über die aktuelle Entwicklung in der Einwanderungsdebatte. Auf dem Programm stand auch ein Treffen mit dem Migrationsrat der amerikanischen Bischofskonferenz. Anja Kordik sprach mit dem Adveniat-Vorsitzenden über seine Eindrücke.



Herr Weihbischof, während Ihrer Reise hatten Sie viele Begegnungen mit Migranten. Was hat Sie dabei am meisten erschüttert?

Weihbischof Grave: Am stärksten erschüttert hat mich die fundamentale Verletzung von Grundrechten. In Los Angeles zum Beispiel haben wir an einem Morgen "migrantes" auf der Straße angesprochen, die darauf warteten, als Tagelöhner verpflichtet zu werden. In den Vereinigten Staaten nennt man sie "Dayworker" – dieser Begriff macht schon deutlich, dass es sich nicht um Arbeit auf Dauer, das heißt, um sozial abgesicherte Arbeit handelt. "Dayworkers" werden heute hier, morgen dort eingesetzt. Die meisten Migranten, mit denen wir sprachen, haben keine Papiere, die ihnen Rechte in den Vereinigten Staaten geben. Einige leben schon seit zehn oder zwanzig Jahren in diesem rechtlosen Zustand. Sie fühlen sich, als ob sie nicht existierten.

Der Hirtenbrief der amerikanischen und mexikanischen Bischöfe von 2003 erkennt einerseits das Recht der jeweiligen Staaten an, die Souveränität ihres Staatsgebietes zu sichern und Grenzen zu garantieren. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass grundlegende Menschenrechte – wie das Recht auf Arbeit oder Freizügigkeit – ebenfalls von den Staaten zu sichern sind. Wie können beide Aspekte, Staatsräson und Menschenrechte, in Einklang gebracht werden?

Das ist natürlich in manchen Situationen nicht ganz einfach. Es ist völlig klar, dass Staaten ein Recht haben, sich zum Beispiel vor Kriminellen zu schützen und hier die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen, auch politisch, zu treffen. Nur muss man für die Mehrzahl der Migranten natürlich sagen, dass sie eben nicht Kriminelle, sondern dass sie Menschen sind, Menschen, die aber keine Arbeit und deshalb kein Brot haben. Es ist also ganz selbstverständlich, dass die Kirche nicht blauäugig Grundrechte des Staates in Frage stellen kann. Aber sie muss dagegenstellen und abwägen, welches die Grundrechte von Menschen sind, die auf dem Wege sind, ihre Existenz zu sichern. In dieser Spannung befindet sich der gemeinsame Hirtenbrief.

Was sind für Sie die wichtigsten Ergebnisse dieses Hirtenbriefs?

Weihbischof Grave: Ich finde, es ist ein hervorragendes, positives Ergebnis, dass man sagen kann: Sowohl die Kirche hüben, in den Vereinigten Staaten, wie die Kirche drüben, in Mexiko, sind sich in der Grundoption völlig einig und wollen eintreten für den Menschen in Not. Also: Die Spannung in diesem Hirtenbrief ist nicht zu übersehen. Aber ich glaube, wir müssen doch die eigentliche Grundbotschaft hervorheben. Und das bedeutet: dass der Mensch Vorrang hat vor Gesetzesbestimmungen, die seine Grundrechte beschneiden.

Während Ihrer Reise hatten Sie auch ein Gespräch mit dem mexikanischen Außenminister Luis Ernesto Derbez. Wie war Ihr Eindruck aus diesem Gespräch? Gibt es bei den politisch Verantwortlichen in Mexiko doch so etwas wie Einsicht, dass grundlegende Menschenrechte der Migranten gesichert werden müssen?

Weihbischof Grave: Das will ich im Kern nicht bezweifeln. Aber ich muss sagen, dass mein Zusammentreffen mit dem Außenminister ein für mich sehr ernüchternder Vorgang war. Ich habe in dem Gespräch, das eine Stunde gedauert hat, den Eindruck gewinnen müssen, dass er staatsrechtliche Gesichtspunkte verabsolutiert und dass es nicht ganz einfach war, ihm zum Beispiel die Grundforderungen des gemeinsamen Hirtenbriefs deutlich zu machen. Der Außenminister hat sogar einige Äußerungen getan, von denen ich glaube, dass sie der Sache nicht sehr dienlich sind – wenn er etwa der Kirche mit ihrer Hilfspraxis zu überlegen gibt, ob sie sich nicht am Rande der Legalität bewege. Das hat mich in diesem Gespräch sehr betroffen gemacht. Und ich habe an dieser Stelle wenig Verständnis gefunden für das Handeln der Kirche, das ja ein Handeln um der Menschen willen ist.

Sehen Sie also relativ wenig Ansatzpunkte für eine künftige Verbesserung der Kooperation zwischen Kirche und Staat, wenn es um die Hilfe für "migrantes" geht?

Weihbischof Grave: Also, ich würde das so allgemein nicht sagen. Ich habe ja auch nicht mit der mexikanischen Regierung insgesamt gesprochen. Deshalb habe ich auch nicht die Regierungsposition im Ganzen kennen gelernt. Ich glaube schon, dass es bei Mitgliedern der mexikanischen Regierung durchaus Sinn für humanitäre Lösungen gibt. Aber das scheint nicht einheitlich zu sein. Adveniat stellt das Thema "Migration" in den Mittelpunkt seiner diesjährigen Kampagne.

Welche konkrete Wirkung erhoffen Sie sich von dieser Aktion?

Weihbischof Grave: Wir müssen auf die Realität der Migration, die damit verbundenen politischen und sozialen Probleme aufmerksam machen und die positiven Kräfte, in Deutschland und darüber hinaus, zusammenbringen, um gemeinsam zu überlegen: Was können wir tun, damit dieser "Limes-Geist", diese Abschottungsideologie gegenüber den Migranten durchbrochen wird? Wir müssen auch auf die Praxis der Behandlung von Migranten aufmerksam machen, von der ich glaube, dass sie vielfach nicht bekannt ist. Also: Information und verbunden mit Information Bewusstseinsbildung und, wenn es gelingt, auch eine politische Mobilisierung zugunsten der Migranten – das sind unsere Ziele.

[© Die Tagespost vom 22.06.2006]