Mexikanischer Bischof: Wir brauchen mehr missionarische Entschlossenheit

Bischof Felipe Padilla Cardona zur Glaubenssituation seines Landes

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KÖNIGSTEIN, 21. März 2012 (ZENIT.org/KIN). - Papst Benedikt XVI. reist am kommenden Freitag nach Mexiko. Das Land leidet unter Drogenhandel, Raub und bewaffneten Übergriffen. Der Bischof der Diözese Ciudad Obregón, Felipe Padilla Cardona, sprach mit dem katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ über gesellschaftliche Nöte, eingeschränkte Religionsfreiheit und Lösungsansätze der Kirche in seinem Land.

[Das Interview führte Volker Niggewöhner]

Kirche in Not: Welche Impulse erhofft sich die Kirche Mexikos von dem Besuch Papst Benedikts XVI.?

Bischof Felipe Padilla Cardona: Der Besuch von Papst Benedikt XVI. wird ein großes Ereignis für alle Katholiken in Mexiko, Lateinamerika und Nordamerika sein. Wir erwarten einen großen Schub für den Glauben und eine Ermutigung, den Reichtum des katholischen Glaubens wiederzuentdecken. Denn das ist die stärkste Tradition unseres Kontinents.

Kirche in Not: Ist denn in der Vergangenheit etwas von dieser christlichen Tradition verlorengegangen?

Bischof Cardona: Ja, das betrifft vor allem die katholischen Familien in Lateinamerika. Die Familie ist die Basis einer Gesellschaft, aber sie ist bei uns in vielerlei Hinsicht gefährdet. Es sind Gesetze erlassen worden, wie zum Beispiel die Erleichterung von Abtreibungen, die wir als Kirche nicht gutheißen können. Ich hoffe daher sehr, dass die Worte des Heiligen Vaters uns inspirieren werden, unseren Glauben auch durch die Tat, durch ein christliches Leben zu bezeugen.

Kirche in Not: Der Papst wird sicherlich auch die Gewalt in Mexiko ansprechen und den Drogenhandel verurteilen. Für 2011 gibt die Regierung die Zahl von 12.903 Toten als Opfer des „Drogenkrieges“ an.

Bischof Cardona: Ich bin mir nicht sicher, ob der Papst über Gewalt und Drogen reden wird. Aber ich bin überzeugt, dass er Jesus Christus als die einzige Lösung der Probleme in Mexiko hervorheben wird. Diese Situation ist nicht neu, sie ist das Ergebnis der letzten Jahrzehnte. Aber leider ist die Gewalt in der letzten Zeit noch einmal eskaliert.

Kirche in Not: Warum bekommt die Regierung das Problem nicht in den Griff?

Bischof Cardona: Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet, sehe aber, dass die organisierte Kriminalität viele Bereiche des alltäglichen Lebens erfasst hat. Die Regierung ist aber aufrichtig bemüht, dieses Problem zu bekämpfen. In der letzten Zeit wurden Fortschritte bei der Verbrechensbekämpfung gemacht, ebenso bei der Weiterentwicklung einer demokratischen Kultur in Mexiko.

Kirche in Not: Kardinal Norberto Rivera hat vor einem Bürgerkrieg gewarnt...

Bischof Cardona: Das Szenario eines Bürgerkriegs in Mexiko halte ich für übertrieben. Man muss auch sehen, dass es diese extreme Gewalt nur in einigen Orten gibt und auch nicht dauerhaft. Die katholische Kirche hat aber sehr deutlich ihre Stimme gegen die Gewalt im Land erhoben und will der Regierung bei der Bekämpfung der Drogen-Banden zur Seite stehen. Allerdings muss der Kampf gegen Drogen auf globaler Ebene stattfinden; er kann nicht von einem Land allein gelöst werden.

Kirche in Not: Welche Schwerpunkte setzt die Kirche in Mexiko?

Bischof Cardona: Familie, Jugend und Bildung – auf allen Ebenen. Was die Beziehung zum Staat anbelangt, fordern wir weitere Schritte zu einer echten Religionsfreiheit.

Kirche in Not:... Sie meinen zum Beispiel Religionsunterricht an öffentlichen Schulen oder die Zulassung kirchlicher Medien?

Bischof Cardona: Ja, es wäre ein Traum, katholische Hochschulen zu haben, an denen eine katholische Elite ausgebildet wird. Wir brauchen gut ausgebildete, gläubige Laien, die in die Gesellschaft hineinwirken.

Kirche in Not: Die Bischöfe Mexikos haben ein pastorales Aktionsprogramm für eine „kontinentale Mission“ verabschiedet, das dem Glaubensleben neue Impulse geben soll. Wie soll das konkret umgesetzt werden?

Bischof Cardona: Es handelt sich um ein Vier-Stufen-Programm. Zunächst müssen wir die Menschen wieder für den katholischen Glauben sensibilisieren. Dieser Glaube muss dann geschult und weitergebildet werden, zum Beispiel durch Gemeinschaft. Dann folgt das Leben der Spiritualität und dann die Glaubensweitergabe. Wir brauchen mehr missionarische Entschlossenheit.

Kirche in Not: Ist die Theologie der Befreiung noch ein Thema in Mexiko?

Bischof Cardona: Ich bin seit 20 Jahren Bischof und schätze, dass die Theologie der Befreiung vielleicht in etwa fünf der 91 mexikanischen Diözesen noch ein Thema ist. Die Kirche sucht nach anderen Lösungen.

Kirche in Not: In den letzten Jahrzehnten sind in Lateinamerika viele Katholiken in Richtung protestantischer Freikirchen und Sekten abgewandert. Wo liegen die Gründe?

Bischof Cardona: Es ist schwierig, diese Frage umfassend zu beantworten. Einen Hauptgrund sehe ich in der schlechten Bildungssituation. Viele wissen einfach nicht, was sie tun. Außerdem sind es in den meisten Fällen sehr arme Menschen, die sich durch die finanziellen Versprechungen der Sekten ködern lassen.

Kirche in Not: Im Juli 2012 wird in Mexiko gewählt. Wie wichtig ist diese Wahl? Könnten danach die Weichen für Mexikos Zukunft neu gestellt werden?

Bischof Cardona: Zunächst einmal ist wichtig, dass alle Menschen im wahlfähigen Alter von ihrem Grundrecht Gebrauch machen. Die Wähler sollten ebenso wie die Politiker das Gemeinwohl der Nation im Auge haben. Wenn Grundrechte, wie die Würde des Menschen, wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden, wenn die Wege der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens beschritten werden, dann kann sich sehr wohl etwas verändern in diesem Land.