Michael Kohlhaas

Filmrezension: "Einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit."

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 367 klicks

Der mit seiner geliebten Frau Judith (Delphine Chuillot) und der Tochter Lisbeth (Mélusine Mayance) auf seinem eigenen Hof glücklich lebende Pferdehändler Michael Kohlhaas (Mads Mikkelsen) stößt auf seinem Weg zum Markt auf einen Schlagbaum. Der Verwalter des neuen Barons verlangt von Kohlhaas willkürlich einen Passierschein, den er selbstverständlich nicht besitzt. Um seinen Weg fortsetzen zu dürfen, muss Kohlhaas dem Baron zwei prächtige Rappen als Pfand überlassen. Bei ihnen bleibt sein Knecht (David Bennent). Vom Markt bringt der Pferdehändler seiner Frau ein neues Kleid mit, das sie gleich anprobieren möchte – ein glückliches, sich innig liebendes Paar. Als aber Kohlhaas seine Pferde abholen will, die er dem Baron in bestem Zustand hinterlassen hatte, ist er entsetzt. Er erkennt seine abgemagerten und mit Wunden übersäten Tiere kaum wieder. Seinen Knecht findet er ebenso geschunden vor, da der Verwalter des Barons die Hunde auf ihn gehetzt hatte. Nun verlangt Michael Kohlhaas seine „zwei herrlichen Tiere“ zurück, gut genährt und in bester Gesundheit und droht, vor Gericht zu gehen.

Die Kostüme, aber auch die „alte Musik“, die diese Szenen unterlegt, vor allem aber das frühabsolutistische Gebaren des Barons verweisen auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts, in dem „Michael Kohlhaas“ angesiedelt ist. In seiner Filmadaption verlegen der französische Regisseur Arnaud des Pallieres und seine Drehbuch-Mitautorin Christelle Berthevas den Handlungsort der Novelle von Heinrich von Kleist von Brandenburg und Sachsen in die raue südfranzösische Landschaft der Cevennen (frz. Cévennes), und drehten den Film auf französisch. Die Ursprünglichkeit des Landstrichs wird auf der Tonspur durch das Summen von Fliegen und Wespen sowie durch den sehr lauten Wind unterstrichen. Aus dem Junker Wenzel von Tronka ist „der Baron“ (Swann Arlaud), aus dem Kurfürsten von Sachsen die „Prinzessin“ (Roxane Duran), aus Luther „der Theologe“ (Denis Lavant) geworden. Mit ihm führt der auf Gerechtigkeit pochende Kohlhaas auch einen der wenigen ausgedehnten Dialoge im Film, bei dem es um Selbstjustiz und Widerstand gegen die Obrigkeit geht. Der Geistliche wirft dem Pferdehändler vor, nicht das „Schwert der Gerechtigkeit“ zu tragen, kein Krieger Gottes zu sein: „Wenn alle so handelten wie du, gäbe es weder Ordnung noch Gerechtigkeit“. Weil Kohlhaas es ablehnt, dem Baron zu vergehen, verweigert ihm der Theologe die Beichte.

Trotz der Freiheiten, die sich Arnaud des Pallieres und Christelle Berthevas bei der Adaption von Kleists Novelle nehmen, bleiben sie dem Wesentlichen der Handlung treu. Nachdem die Klage des Pferdehändlers auf Betreiben des Barons vom Gericht abgewiesen wird, macht sich statt Michael Kohlhaas seine Frau Judith auf ins Schloss, um unmittelbar bei der Prinzessin Klage einzureichen. Allerdings wird sie gar nicht bis zur Prinzessin vorgelassen, sondern von den Schlosswachen schwer verletzt. Obwohl sie noch lebend nach Hause zurückgebracht wird, stirbt Judith dort in den Armen ihres Mannes. Michael Kohlhaas will nur noch eines: Gerechtigkeit und Wiedergutmachung. Er verkauft sein Gut, dem jungen Prediger (David Kross), der ihm bei der Beerdigung seiner Frau zur Seite stand und dem er vertraut, gibt er seine Tochter in Obhut und bricht mit seinen bewaffneten Getreuen auf zum Landsitz des Barons. Dort richtet er unter dessen Anhängern ein Blutbad an. Der Gesuchte selbst kann jedoch fliehen. Die Kunde von Kohlhaas‘ Aufstand macht schnell die Runde. Auf einmal schließen sich ihm ganz viele einfache Männer an. Bald entsteht daraus eine ganze Revolte.

Bilder von Kämpfen sind allerdings in der Adaption von Arnaud des Pallieres eher spärlich und unterkühlt. Kamerafrau Jeanne Lapoirie bevorzugt Großaufnahmen, die manchmal allerdings so extrem sind, dass der Zuschauer nicht genau erkennen kann, was auf der Leinwand vor sich geht. Entgegen der aufbrausenden Erzählweise eines Heinrich von Kleist überwiegen im Film die ruhigen Einstellungen, insbesondere auch vom Gesicht des Hauptdarstellers. Der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen, der sowohl in dänischen Produktionen als auch in Hollywoodfilmen immer wieder seine Vielseitigkeit unter Beweis gestellt hat, trägt so gut wie den ganzen Film auf seinen Schultern. Mikkelsen verkörpert einen besonnenen, zu seiner Familie liebevollen Mann, der aus Gerechtigkeitsempfinden in einen Racherausch gerät. Dazu führt Regisseur Arnaud des Pallieres aus: „Als Opfer einer zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit besteht er auf seinem Recht, aber die Gesellschaft lässt ihn fallen. Frustriert erklärt er dieser Gesellschaft den Krieg, und wählt den Weg der Gewalt, folgt aber dabei seinem Gerechtigkeitssinn als moralischer Instanz. Kohlhaas führt seine Truppe in brutale Auseinandersetzungen ohne jegliche politische Strategie. Wiedergutmachung zu erhalten wird für ihn das Wichtigste im Leben, in seinem und dem der anderen. Es ist für ihn eine persönliche Sache. Er ist kein Revolutionär.“ Eine Charakterisierung, die mit der Beschreibung übereinstimmt, die von Kohlhaas Heinrich von Kleist gleich zu Beginn seiner Novelle macht: „Einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“.

Regie: Arnaud des Pallières
Darsteller: Mads Mikkelsen, Denis Lavant, Mélusine Mayence, David Kross, Sergi Lopez, David Bennent, Bruno Ganz
Land, Jahr: Frankreich, Deutschland 2013
Laufzeit:122 Minuten
Genre: Literatur-Verfilmungen
Publikum:ab 16 Jahren
Im Kino: 9/2013