Michelangelo und die Darstellung der Engel

Ihre Gegenwart in Buonarrotis Fresken in der Sixtinischen Kapelle [Teil 1]

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Von Don Marcello Stanzione

ROM, den 26. September 2012 (ZENIT.org). ‑ Michelangelo zählt zu einer Gruppe von Künstlern der Renaissance, die einer mittel- bis hochgestellten Gesellschaftsschicht entstammten. Als Abkömmling einer altehrwürdigen, während der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts sehr mächtigen Familie aus Florenz, die dann aber aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten an Bedeutung verloren hatte, bewies er ein künstlerisches Talent, das seiner eigenen Zeit weit voraus war. 1475 wurde er in dem im Valtiberina (Tibertal) gelegenen Caprese geboren und starb 1564 – fast neunzigjährig – in Rom, in seinem Haus beim Forum des Trajan. Michelangelo war ein Künstler, der sich stets mit sich selbst im Zwiespalt befand. Vor allem in seinen reifen Jahren belastete ihn unwiderstehlich ein Gefühl der Unzufriedenheit mit seiner Arbeit.

Anfangs hin- und hergerissen zwischen der Treue zu den Prinzipien der humanistischen Kultur und der Treue zu einem starken Moralismus, scheint sein Leben ein hervorragendes Beispiel für einen „saturnischen“, großen und einsamen, gepeinigten und genialen Künstler abzugeben. Sein langes Leben und seine Vielseitigkeit haben dazu beigetragen, dass man ihn zu den größten Persönlichkeiten aller Zeiten zählt. Als Personifizierung des bildenden Künstlers, der – nach dem Ideal Albert des Großen – Poet und Intellektueller, Maler, Bildhauer und Architekt sein sollte, hat er, schon von seinen Zeitgenossen gefeiert, die endgültige Niederlage der Kunst als „mimes“ – oder Imitation – zugunsten einer subjektiven Ästhetik herbeigeführt, bei der die schöpferische Kraft, die das Hauptanliegen des Werkes zum Ausdruck bringt, zum treibenden Prinzip wird. Sein inneres Leid, seine tiefe Melancholie kamen daher, dass er die unüberwindliche Distanz spürte, die Gottes unergründlichen Ratschluss von der Menschheitsgeschichte trennt.

In der Sixtinischen Kapelle im Vatikan befindet sich Michelangelo Buonarrotis Meisterstück im Bereich der Freskomalerei. Papst Julius II. beschloss, die Dekoration der Kapelle zu erneuern (das grandiose Gewölbe – etwa 800 Quadratmeter groß – war ursprünglich blau getönt und mit goldenen Sternen bemalt gewesen) und vertraute den Auftrag Michelangelo an, der wiederum am 10. Mai 1508 Hand an sein monumentales Werk legte. Er verabschiedete sich dabei von den althergebrachten dekorativen Gestaltungsschemen und verwirklichte eine architektonische Komposition, die das gesamte Gewölbe umfasste, Ereignisse aus dem Alten Testament malerisch wiedergab und auf die Wand bannte. Der ikonografische Zyklus beginnt an der hinteren Seite der Kapelle und endet über ihrem Eingangstor. In Bezug auf den chronologischen Verlauf der Geschichte wurden die Fresken also in umgekehrter Reihenfolge ausgeführt.

Die dekorative Anordnung geschieht auf drei Ebenen. In den Lünetten (Bogenfeldern) sind die Vorfahren Christi zurück bis Abraham dargestellt. In den Eckzwickeln und zwischen den Stichkappen sind die Gestalten von Sehern, Sybillen und Propheten angeordnet. Der zentrale Teil des Gewölbes ist in neun Zellen unterteilt: Erschaffung des Lichts, Erschaffung der Gestirne und der Pflanzen, Trennung von Land und Wasser; Erschaffung Adams, Erschaffung Evas, Sündenfall und Vertreibung aus dem irdischen Paradies, Noahs Opfer, Sintflut und Noahs Trunkenheit werden für in Rom weilende Maler zu einem obligatorischen Studienobjekt und von den berühmtesten Gravierungskünstlern verbreitet werden.

Am 31. Oktober 1512, dem Vorabend des Allerheiligenfests, schließt Michelangelo sein Werk – ein Unternehmen titanischer Ausmaße, das ihn schwer geprüft hat – ab. Da die Kapelle der hl. Jungfrau Maria (Aufnahme in den Himmel) geweiht ist, segnet der Papst das Werk offiziell bei einer zu Ehren der Jungfrau gefeierten hl. Messe ein. Die Fresken des Gewölbes, um derentwillen der Maler viele Jahre mit Studien und ikonographischen Untersuchungen verbringen musste, hatten wahrhaft eine komplizierte Vorgeschichte. Doch die große Menge an Entwurfszeichnungen, die der Vorbereitung des Zyklus gedient hatten, wurde bald darauf vom Künstler selbst zerstört, denn er verabscheute es, das Werk in seiner Genese zu zeigen. Dies erklärt, warum es so wenige graphische Zeugnisse dieser Art – nicht einmal ein Dutzend – gibt. Ein Vierteljahrhundert nach der Beauftragung mit dem Gewölbe erhält Michelangelo 1534 kurz vor dem Tod von Papst Klemens VII. (de’ Medici), von diesem den Auftrag, die hintere Wand der Sixtinischen Kapelle malerisch auszugestalten. Der neue Papst Paul III. (Farnese) bestätigt den Auftrag sofort.

Nachdem die beiden Wandfenster vermauert und das Fresko des Perugino, das hinter dem Altar angebracht die Aufnahme Mariens in den Himmel darstellte, entfernt worden war, begann Michelangelo am 8. November 1535 die Darstellung des Jüngsten Gerichts. Inmitten der Wirren der Reform und der weiten Verbreitung des Protestantismus vertraut die römische Kirche Michelangelo, dem genialen Maler, das Thema der Erlösung der gläubigen Seelen an. Das Gericht ist Ausdruck eines vergeistigten Katholizismus, in dem die erschreckende Realität des „dies irae“ (Tag des Zorns) durch ein einzigartiges Können in der Darstellung von Bewegung zutage tritt. Um die zentrale Christusgestalt, die mit einem weit ausladenden Gestus der Arme Dynamismus und Macht zum Ausdruck bringt, dreht sich eine große Menge nackt dastehender Personen. Mitleidig wendet die Jungfrau Maria ihr Antlitz den Auferstandenen zu, die ihr Urteil erwarten. Die aufsteigende Bewegung der Leiber auf der linken Seite des Freskos stellt die Auferstehung dar; auf der rechten Seite findet sich die Darstellung des Falls der Verdammten, die – einem Motiv der Göttlichen Komödie entsprechend – von Caronte in einer Barke in die Hölle gebracht werden. In den beiden oberen Bogenfeldern zeigen Engel auf die Symbole des Leidens Christi; das Kreuz, die Dornenkrone, die Lanze und darauf, der mit Essig getränkte Schwamm. In der Mitte unten bläst eine weitere Gruppe von Engeln in die Posaune, um damit die Toten aufzuwecken.

Die sich während der Ausführung des Freskozyklus um seines Seelenheils willen stets zuspitzende Angst des Autors findet seine Widerspiegelung im Ernst der Darstellung des Jüngsten Gerichts. Nachdem der Humanismus sein Vertrauen in die Freiheit des Menschen verloren hatte, nachdem Rom geplündert und die Unverletzlichkeit der Heiligen Stadt entweiht war, nachdem die Protestanten die Teilung der Kirche heraufbeschworen hatten, brachte Michelangelo die tief religiöse und moralische Krise, die er durchmachte, auf der Wand der Sixtinischen Kapelle zum Ausdruck. Die heroische und siegende Menschheit, die stolz auf ihre Sünde war, wird aufgrund ihrer irdischen Leidenschaften gerichtet und verdammt. Die dicht aufeinander gruppiert dargestellten Leiber von 400 Gestalten staffeln sich unter einem flachen Himmel und sind Teil einer dramatischen, massiven Kreisbewegung. Im Unterschied zur malerischen Ausgestaltung des Gewölbes, die sich auf architektonische Elemente stützt, die den entsprechenden Rahmen bilden, entlehnt die Komposition des Jüngsten Gerichts seine Struktur lediglich der Anordnung von verschiedenen Personengruppen. Die flügellosen Engel erreichen aufgrund der Wichtigkeit des Werkes, aufgrund ihrer Anordnung und Aufgabe innerhalb der Komposition in der Sixtinischen Kapelle – Michelangelos Meisterwerk – den Höhepunkt ihrer Bedeutung.

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]