Missionarischer Geist und Trend zur Respiritualisierung geben der Kirche in Österreich Auftrieb

Interview mit Prof. Leitenberger, Pressesprecher der Erzdiözese Wien, über die Kirchenstatistik 2007

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WIEN, 10. Januar 2008 (ZENIT.org).- Die gesamtösterreichische Kirchenstatistik für das Jahr 2007, die in dieser Woche vorgestellt wurde, ist ermutigend, betonte Professor Erich Leitenberger, Pressesprecher der Erzdiözese Wien und Chefredakteur der katholischen Presseagentur „kathpress“ im ZENIT-Gespräch.

Der starke Trend zur Respriritualisierung, der sich unter anderem im Interesse für Esoterik und in der Zuwendung zu asiatischen Religionen zeige, führe die Menschen auch wieder vermehrt in den Schoß der Kirche. „Und der andere Aspekt, den man auch nicht unterschätzen sollte, ist, dass die missionarische Grundtendenz, die Kardinal Schönborn der Kirche in Österreich verliehen hat, ebenfalls eine positive Auswirkung hat.“

In Österreich leben nach den neuen Erkenntnissen rund 6,6 Millionen Katholiken, wobei allerdings über die Kindertaufen und die katholischen Immigranten mit ihrem traditionell relativ hohen Prozentsatz keine Daten vorliegen. 2007 wurden 36.858 Kirchenaustritte registriert, 2006 waren es 36.816 gewesen. Die Zahl der Wiedereintritte und Neueintritte (von bisher nicht getauften Erwachsenen) blieb mit 4.800 konstant.

Das zentrale Problem der katholischen Kirche in Österreich sind aber nicht die Zahlen, wie Leitenberger hervorhob: „Es gibt ja durchaus auch den Aspekt, dass man selbst, dass die Christen auch stellvertretend für alle anderen beten, danken und ihr Leben führen. Das ist oft sehr eindrucksvoll, wenn man an Städte wie Konstantinopel denkt, wo die Christen heute nur eine ganz kleine Herde sind. Aber trotzdem beten sie für die ganze Stadt, für alle Menschen. Ich glaube, dass ist immer das Entscheidende.“

Die Kirchenaustritte lassen sich nach Worten des Pressesprechers von Kardinal Schönborn nicht auf einen einzigen Grund zurückführen. Immer sei ein „Bündel von Motiven“ ausschlaggebend, wie etwa Ärger über kirchliches Personal im weitesten Sinn oder tiefe Glaubensfragen, die unbeantwortet bleiben. „Darüber hinaus ist aber schon auch festzustellen: Wenn der Faden der Verbindung mit der Kirche schon sehr dünn geworden ist, dann genügt oft schon ein geringfügiger Anlass, dass der Faden durchgeschnitten wird. Dieser geringfügige Anlass ist mitunter der Kirchenbeitrag, die Kirchenbeitragskontonachricht.“ Nach jahrelanger Erfahrung lasse sich sehr deutlich sagen: „Der Kirchenbeitrag ist nicht das Hauptmotiv des Kirchenaustritts.“

Die „große Aufgabe der missionarischen Neuorientierung“ der Kirche, die mit der Stadtmission 2003 in Wien eingesetzt hat und mit der Diözesanmission im Jahr 2010 fortgesetzt werden soll, bestehe darin, gerade die Fernstehenden wieder neu für Glauben und Kirche zu begeistern.

Leitenberger verwies in diesem Zusammenhang auf die „Fülle von kleinen, gar nicht so Aufsehen erregenden Initiativen in Pfarrgemeinden, Geistlichen Bewegungen, der Katholischen Aktion und katholischen Organisationen unterschiedlichster Natur, die einfach versuchen, mit den Menschen ins Gespräch über Gott und die Welt zu kommen. Darauf kommt es an: Gespräch, Zuwendung und Begleitung.“

Viele stellten sich „die berühmten drei Fragen, die Kardinal König so unvergleichlich auf den Punkt gebracht hat: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wozu ist mein Leben? Die Leute suchen Menschen, die ihnen glaubhafte Antworten vermitteln können, die sie begleiten, die sie nicht alleine lassen.“

Erfolgreiche Reevangelisierung ist in den Augen des Medienfachmanns ein „Langzeitprozess, wo man nicht von heute auf morgen große zahlenmäßige Veränderungen erwarten kann“. Aber schon jetzt sei eine „Mentalitätsänderung innerhalb der Kirche“ festzustellen: „dass man sich nicht mehr in die Sakristei zurückzieht, sondern die missionarische Grundverpflichtung ernst nimmt.“

Von Dominik Hartig