Mit brennender Sorge: EU-Politiker wollen seltene Erbkrankheiten „ausmerzen“

Behindertenorganisationen verurteilen Abstimmung zum Trakatellis-Bericht

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BRÜSSEL, 24. April 2009 (ZENIT.org).- Große Sorge und Empörung hat der jüngste Beschluss des Europaparlaments zum Änderungsantrag 15 des so genannten Trakatellis-Berichts „über den Vorschlag für eine Empfehlung des Rates für eine europäische Maßnahme im Bereich seltener Krankheiten" am 23. April im Europäischen Parlament ausgelöst.

Gemeinsam mit der ACHSE - der Allianz Seltener Chronischer Erkrankungen - wandte sich der Dachverband der Selbsthilfeverbände behinderter und chronisch kranker Menschen und ihrer Angehörigen schon im Vorlfeld der Abstimmung an die deutschen Abgeordneten des Europaparlaments, dem Änderungsantrag nicht zuzustimmen, da dieser sich nicht auf die Hilfestellung von Betroffenen beziehe, sondern auf deren Verhinderung.

In dem Änderungsantrag, den das Europaparlament gestern verabschiedet hat, ist davon die Rede, dass genetisch bedingte seltene Erkrankungen ausgemerzt werden sollen. Werdende Eltern sollen zur Verhinderung von Kindern mit einer seltenen Erkrankung genetisch beraten werden. Außerdem soll mit Hilfe von Präimplantationsdiagnostik eine Selektion von gesunden Embryonen durchgeführt werden. Als Begründung wird angeführt, dass die Entwicklung einer Therapie für seltene Erkrankungen zu kostenaufwendig sei.

„Eine solche Selektion geht zwingend einher mit der Verwerfung nicht oder weniger 'gesunder' Embryonen, denen jede Entwicklungschance und ihr Leben genommen wird", heißt es in dem Schreiben an die Abgeordneten. „Das ungeborene Kind wird zum bloßen Mittel eines ihm nicht mehr selbst zugute kommenden Zwecks - der Bekämpfung seltener Krankheiten - degradiert. Dabei kommt unserer Meinung nach jedem ungeborenen Kind ab der Befruchtung der menschlichen Eizelle ein uneingeschränktes Lebensrecht zu. Seinen Schutzanspruch verliert ein Embryo nicht, weil es krank oder behindert ist oder nicht die gesellschaftlich erwünschten Erbanlagen aufweist."

Durch diesen vom zuständigen Ausschuss bereits gebilligten Antrag werde das Ziel der Hilfe ins Gegenteil verkehrt, warnt die Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Die Forderung entspreche „eugenischen Zielsetzungen“, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts propagiert und in Deutschland „planmäßig umgesetzt wurden“, kritisiert der Vorsitzende Robert Antretter. Gemündet sei dies in die „Ermordung von Menschen, die ,zu teuer‘ waren“.

Der Europaparlamentarier Bernd Posselt erklärte gestern gegenüber dem Europa-Parlament: „Herr Präsident! Ich habe gegen den Bericht Trakatellis gestimmt wegen des skandalösen Änderungsantrags 15, der die Heilung von Krankheiten mit der Tötung von ungeborenen Menschen verwechselt und nach Eugenik riecht. Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Der Mensch hat von der Verschmelzung von Ei und Samen bis zum natürlichen Tod ein Lebensrecht, und dieses Lebensrecht wird hier radikal in Frage gestellt. Ein ungeborener Mensch soll kein Lebensrecht mehr haben, bloß weil er krank ist. Das ist genau das Gegenteil von Medizin, es ist Tötung. Deshalb ist der Bericht Trakatellis inakzeptabel und der Änderungsantrag ein Skandal, der dieses Haus belastet, das sich ansonsten immer wieder große Verdienste um die Bioethik und den Schutz des ungeborenen Lebens erworben hat.“

Auch die Wissenschaftler der Europäischen Gesellschaft für Humangenetik erinnert der Antrag an „Gräueltaten“ der Vergangenheit. Der deutsche EVP-Abgeordnete Peter Liese mahnt angesichts der „schlimmen Erfahrung, die Deutschland im ,Dritten Reich‘ mit der so genannten Rassenhygiene gemacht“ habe, zu besonderer Wachsamkeit. Mit Parlamentariern aus Dänemark, Ungarn, Italien und Irland fordert er, Patienten zu helfen und nicht, sie „auszurotten“. Die Entscheidung, ein Kind auch dann zu bekommen, wenn es behindert ist oder an einer Erbkrankheit leidet, „sollte respektiert und solidarisch unterstützt werden“.