Mit dem Glauben klarer das Dasein erfahren

Das Ignorieren einer realistischen Haltung zur Welt trägt zur Krise der Gesellschaft bei

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WÜRZBURG, 15. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Fast täglich lassen sich in den Medien Debatten verfolgen, die im Kern realistische Probleme behandeln: Evolution ohne Schöpfergott, Missachtung des Lebens im menschlichen Embryo, Bedrohung der Umwelt und anderes mehr. Doch schweigen sich hierzu Philosophien der Gegenwart weitgehend aus, weil sie nicht mehr über den erforderlichen Realismus verfügen, sondern eher mit seiner Kritik befasst sind, während er den traditionellen Philosophierichtungen noch zu eigen war und heute aktueller wäre denn je. Lässt sich der Realismus noch verteidigen? Darüber sprach Alexander Riebel mit Horst Seidl, Professor für Philosophie an der Lateran-Universität in Rom.



Sie vertreten entschieden die Position des philosophischen Realismus. Was ist darunter zu verstehen?

Wir Menschen sind immer und überall von der Realität (Wirklichkeit) gefordert, also von den Dingen (latein.: res), zu denen, im weitesten Sinne, alles gehört, die Objekte und das Subjekt oder die Vernunft selbst. Realismus bedeutet erstens, dass die Dinge vor unserer Erkenntnis den Vorrang haben, also unabhängig oder an sich bestehen, und zweitens maßgebend für unsere Erkenntnis sind: dass diese sich also nach den Dingen richten muss, und nicht umgekehrt, wie nach Kants „Kopernikanischer Wende“, dass sich die Dinge nach der Erkenntnis richten müssten.

Dann brauchen wir also den Realismus?

Die Frage, ob wir den Realismus brauchen, könnte missverstanden werden, dass wir über den Realismus „entscheiden“, ob er für uns brauchbar ist oder nicht. Tatsächlich stehen wir immer schon im Realismus, ohne den wir nicht existieren könnten. Wer ihn nicht akzeptiert, ruiniert über kurz oder lang seine Existenz. Es geht uns allen um den natürlichen, unmittelbaren, unreflektierten Realismus des Alltags. „Philosophisch“ wird er dadurch, dass er auch reflektiert und gerechtfertigt werden kann, was in der aristotelisch-thomistischen Tradition geschehen ist, aus welcher die lateinischen Begriffe stammen, die im Deutschen mit „Seiendes“, „Materie“, „Substanz“ oder „Realität“ übersetzt werden. Sie sind ursprünglich philosophische Reflexionsbegriffe, die erst später in die Alltagssprache eingegangen sind, wo sie sich zu verflachten Bedeutungen reduzieren. Daher fragen wir heute wieder nach ihren eigentlichen, ursprünglichen Bedeutungen. Die Antwort erfordert eine Rückbesinnung auf die philosophischen Reflexionen der klassischen, auf die Antike zurückreichenden Tradition, die sie erstmals eingeführt hat.

Unter dem Realismus versteht man das, was unabhängig vom Denken und Erkennen schon da ist. Also etwas jenseits der Prinzipien des Denkens und Erkennens. Wie können wir davon wissen?

Die Reflexion, die in der aristotelisch-thomistischen Tradition zum Begriff des „Seienden“ und des „Realen“ geführt hat, fragt nach dem, was für allen Erkenntniserwerb vorausgesetzt wird. Die Antwort lautet: das Sein der Dinge, in ihrem schlichten Dasein und Etwas-Sein, gemäß ihren Wesenheiten oder „Prinzipien“ („Erstannahmen“). Dem Aspekt des Seienden und Realen an den Dingen entspricht ein Wissen, das zwar vorwissenschaftlich ist, aber nicht über ihre Prinzipien hinausgeht, sondern zu ihnen hinführt. Sie sind auch die Prinzipien unseres Denkens und Erkennens. Die Frage: „Wie können wir davon wissen?“, nämlich von dem in aller Erkenntnis Vorausgesetzten, ist korrekt; sie fragt nicht: „Wie können wir es erkennen?“; denn was Voraussetzung aller Erkenntnis ist, kann nicht wieder Gegenstand einer Erkenntnis sein, sondern nur eines unmittelbaren Wissens, nämlich des „Bewusstseins“ im ursprünglichen Sinne. Während wir Erkenntnis von den Dingen, die inhaltlich ist, erst erwerben, haben wir immer schon ein formales Mitwissen, Bewusstsein, von ihrem formalen Sein, mit dem sie uns gegeben sind. Damit beantwortet sich die Frage.

Dann ist das Reale also völlig evident?

Die erwähnte klassische Reflexion, die von der modernen Erkenntniskritik ignoriert wird, ist beachtlich tief; denn sie zielt auf die Voraussetzung nicht nur aller Erkenntnis, sondern auch der Reflexion und möglichen Erkenntniskritik, geht also über sich selbst hinaus auf ihre ontologische Grundlage: das Sein der Dinge, der Objekte und des Subjekts oder der Vernunft selbst. Es gibt nichts Evidenteres. Das ihm entsprechende Realitätsbewusstsein kann dann nicht wieder Reflexion sein. Insofern ist es auch nicht abhängig von erkenntniskritischen Fragen, als müsste es suspendiert werden, bis alle Fragen beantwortet würden, während doch inzwischen das Leben weitergeht, das wir realistisch bewusst führen.

Zeigt uns unsere Lebenswelt wirklich das Reale, das Wesen der Dinge, oder erst deren Erkenntnis?

Das Reale betrifft, wie gesagt, das schlichte Dasein und Etwas-Sein der Dinge und verhält sich formal zu allen Inhalten des Erfahrens, Erlebens und Erkennens, auch hinsichtlich ihres Wesens. Um bestimmte Dinge – inhaltlich – auf ihr Wesen hin untersuchen zu können, müssen sie doch – formal – als etwas Reales gegeben und uns bewusst sein; denn sonst könnte keine Untersuchung in Gang kommen. Sie kann nicht bei nichts beginnen, sondern nur bei etwas real Seiendem, sei es bei Objekten oder beim Subjekt mit der Vernunft selbst. Im Übrigen lässt sich der Realismus nicht mehr in Frage stellen. Da jedes Erkenntnisproblem sich schon auf Reales stützen muss, kann der Realismus nicht wieder zum Erkenntnisproblem werden. Die Reflexion über ihn kann ihn nur nachträglich als dem Bewusstsein evident rechtfertigen, oder über ihn noch gar nicht sprechen, sondern ihn einfach im unmittelbaren Realitätsbewusstsein unreflektiert bezeugen. Es ist die Bedingung aller Erkenntnis und ihrer kritischen Nachprüfung. Die Schwierigkeit das Evidenteste zu sehen, liegt darin, dass es uns zu nahe ist. Im Vergleich gesprochen: Das Auge kann sich nicht sehen, nicht weil es ihm zu fern, sondern weil es zu nahe ist.

Wie vergewissern wir uns der Realität gegenüber der Traumwelt, der Einbildung und dem Irrealen?

Real und Irreal fällt nicht mit dem zusammen, was uns im Wachen und im Traum bewusst ist. Die Frage ergibt sich aus der Tatsache, dass unser Realitätsbewusstsein an sich unterschiedslos allem und jedem Seienden zugewandt ist, den Dingen außerhalb und denen in uns, unserer Seele und ihren Vorstellungen. Durch die Sinneswahrnehmungen steht das Bewusstsein zuerst in Kontakt mit den Außendingen – genauer: mit ihrem Sein, das nicht wieder sinnlich, sondern intelligibel ist. Durch die Reflexion unterscheidet dann die Vernunft zwischen Außen und Innen, zwischen Objekt und Subjekt, dem auch ein differenziertes Objekt- und Subjekt-Bewusstsein entspricht. Dabei ist uns sehr wohl bewusst, dass gegenüber den Dingen selbst, als erster Realität, die Vorstellungen in uns eine abgeleitete, schwache, zweite Realität haben. Im Traum sind jedoch die Außenwahrnehmung und die Reflexion, mit dem sie begleitenden, differenzierten Bewusstsein suspendiert. Zurück bleibt nur ein schwaches Bewusstsein von den Trauminhalten als etwas Realem, das aber zur ersten Realität noch einen Bezug haben kann. In der Heiligen Schrift etwa enthalten sie Botschaften Gottes an fromme Menschen. Erst beim Erwachen, mit der wiederkehrenden Außenwahrnehmung und der Reflexion des Subjekts, sowie dem differenzierten Objekt-Subjekt-Bewusstsein, wird sich die Vernunft bewusst, nur geträumt zu haben. Irreal sind eigentlich nur Phantasien, welche die Seele, auch im Wachzustand, frei erschafft, durchaus bewusst im Gegensatz zum Realen. Gleichwohl ist dieses intentionale Irreale doch noch ein „Gedankending“. Ontologisch ist irreal nur das Nichts.

Wie lässt sich der traditionelle Realismus gegen moderne Skeptiker verteidigen, die ihn für „naiv“, weil unreflektiert, halten?

Naiver Realismus wird heute als eine Einstellung verstanden, in der alles, was uns beim ersten Anblick begegnet, so für wahr gehalten wird, wie es uns erscheint, was leichtfertig ist. Man muss einräumen, dass alles, was uns in der Erfahrung begegnet, kritisch auf seinen wahren Erkenntnisgehalt hin geprüft werden kann. Aber dies geschieht nur unter der formalen Voraussetzung, dass da überhaupt etwas real gegeben ist, mag auch zunächst unklar sein, was es seinem Wesen nach ist.

Ist das Reale für uns immer gleich? Stellen wir uns einen Sonnenaufgang vor in einer mythischen Welt wie der der alten Ägypter mit ihrem Sonnengott und einen Sonnenaufgang, den wir in der technischen Moderne erleben. Gibt es nur eine Realität, ein reales Substrat, das hier erlebt wird?

„Erleben“, das als seelische Bewegung, verbunden mit Gefühlen, der Psychologie angehört, ist verschieden von „Erkennen“ als der wahren oder falschen Beziehung zwischen Subjekt und Objekt, mit der sich die Philosophiedisziplin der Epistemologie befasst. Ich kann tausend Erlebnisse von etwas gemacht haben, ohne deshalb sein Wesen erkannt zu haben. Das Erleben macht den Reichtum unseres Lebens aus und kann durch wissenschaftliche Erkenntnis zwar beeinflusst werden, wodurch es verarmt, aber nicht unterdrückt werden kann. Wir erfreuen uns – Gott sei Dank – heute immer noch an einem Sonnenaufgang wie der heilige Franziskus. Zu all unserem inhaltlichen Erleben und Erkennen der Dinge ist aber ihr reales Sein ein formaler Aspekt. Ihm entspricht nur der formale Bewusstseinsakt, mit dem sie uns gegenwärtig sind. Er ist von Erlebnissen und Erkenntnissen verschieden, als sie begleitende Bedingung, wie gesagt. Die Materie ist eine Grundlage oder Ursache der materiellen Dinge, neben anderen, die inhaltlich erforscht und erkannt wird in den Naturwissenschaften und verschieden ist vom formalen Seinsaspekt der Dinge.

Würden Sie zwischen einem Realen unserer Lebenswelt und einem metaphysischen Realen unterscheiden?

Nein, wenn mit „Lebenswelt“ die aus unserem Erleben sich bildende Welt gemeint ist, wie bei Husserl, der das Bewusstsein als „Erlebnisstrom“ versteht. Im Sinne der traditionellen Metaphysik hingegen entspricht der Realität der Weltdinge kein Erleben, sondern jenes formale „Mitwissen“, Bewusstsein in traditioneller Bedeutung, das Bedingung alles Erkennens und Erlebens ist.

Wie lässt sich der traditionelle Realismus zusammenfassend definieren?


Das „Reale“ dieses Realismus wird in der traditionellen Metaphysik – in ihrem einleitenden Teil, der so genannten Ontologie – als ein „transzendentales“ Merkmal alles Seienden bestimmt. Dies besagt, dass wie das Seiende so auch gewisse Merkmale, nämlich das Eines-, Wahr-, Real- und Gutsein nicht mehr von gattungsmäßiger, sondern von analoger oder transzendentaler Allgemeinheit sind. Während nämlich jede Gattung (etwa Lebewesen) nur Dinge derselben Wesenheit zusammenfasst, umfasst das Seiende, wie auch das Reale, alle Dinge, trotz ihrer wesentlichen Verschiedenheit, „übersteigt“ also die Gattungen (transcendit genera), und zwar aufgrund einer analogen Gemeinsamkeit aller Dinge – verschiedener Realitätsstufen, ausgerichtet auf die erste, transzendente Seinsursache. Das Reale umfasst alles Erfahrbare, wovon auch die Seele und Gott nicht ausgeschlossen werden dürfen, wie es dagegen im Materialismus und Atheismus geschieht. Je intensiver unsere Erfahrungen mit der Seele und mit Gott ist, desto klarer unser Bewusstsein ihres realen Daseins.

[Die hier angesprochenen Themen sind ausführlicher in den Publikationen von Professor Horst Seidl erörtert: „Sein und Bewußtsein“, Hildesheim (Olms) 2001, und: „Realistische Metaphysik“, (Olms) 2006; © Die Tagespost vom 14. Februar 2008]