Mit dem Papst verwandelt sich die "Favela" in eine Fabel

Die Botschaft des Heiligen Vaters an die "favelados" von Varginha

Rio de Janeiro, (ZENIT.org) P. Alfonso M. A. Bruno FI | 468 klicks

Aufgrund seiner sich selbst auferlegten Missionsgeschwindigkeit während seiner apostolischen Reise nach Brasilien wäre es keineswegs verkehrt, den Papst zum Paten der nächsten Olympischen Spiele zu ernennen.

Als guter Athlet des Geistes segnete er gestern Vormittag im Rahmen einer Begegnung mit den repräsentativsten nationalen Vertretern die offiziellen Fahnen der Veranstaltung.

Vielleicht bringt Papst Franziskus, der sich als Botschafter des Friedens und der Hoffnung nach Rio begab, „Versöhnung“ in die Konflikte zwischen Welten, Kulturen, gegensätzlichen sozialen Schichten in einer gespaltenen und polarisierten Gesellschaft, in der der Prozess der „Säuberung“ von Vierteln und Ghettoquartieren: den Favelas.

Vom Bürgermeister Eduard Paes erhielt der Papst den Schlüssel der Stadt, wenngleich er bereits das Tor zum Herzen eines jeden Einwohners von Rio und von Brasilien geöffnet hat.

“Citius, altius, fortius” (Schneller, höher, stärker), das Motto der Olympischen Spiele, ist auch auf die den Jugendlichen von Papst Franziskus beim diesjährigen Weltjugendtag gestellte Herausforderung sehr gut anwendbar.

Um 11.30 Uhr erreichte der Papst über die Via Leopoldo Bulhões, den Zugang zur Gemeinschaft Varginha, die Kapelle zum hl. Hieronymus Ämiliani und segnete den neuen Altar.

„Sie sind wie ein Sturzbach, der wie bei strömendem Regen Häuser und Menschen einfach mitreißt, ohne dass die Behörden Hilfeleistungen stellen, Kanäle bauen …“, so der freiwillige Katechet Rangler dos Santos Irineu, der den Papst an der Seite seiner Frau Joana im Viertel begrüßte.

Rangler führte aus: „Da Sie gerne von Vorgaben abweichen, nennen wir Sie einfach ‚Pater Franziskus‘, wie einen Pater, der alle aufnimmt, vor allem die Ärmsten.“

Beim Verlassen der Kirche erhielt Papst Franziskus den Schal des Fußballklubs San Lorenzo, der von ihm so geliebten argentinischen Mannschaft.

Während eines Rundgangs durch die zu diesem Anlass geschmückte Favela küsste und liebkoste er Jugendliche, Kinder, Alte und Kranke, drückte ihnen die Hände und erhielt Geschenke, Erinnerungen und zu segnende Gegenstände.

Mit seiner Nähe und seinem Segen wollte er die Herzen der Bewohner in Ordnung bringen; im Bewusstsein, dass materielles Elend fast immer moralisches Elend nach sich zieht.

Anschließend betrat Franziskus eine Wohnung armer Menschen und verweilte dort beinahe fünf Minuten.

Erneut empfingen ihn zwei jungen Menschen auf einer einfachen Bühne, wo ihm eine weitere Begrüßung und Danksagung für die Wahl einer der ärmsten und am meisten ausgegrenzten Gemeinschaften der Stadt zuteilwurden.

Nach den Worten „süßer Christus auf Erden“ der hl. Katharina von Siena erwähnten die jungen Menschen die Verbindung zwischen dem hl. Hieronymus Ämiliani, unter dessen Schutz ihrer Kirche steht, und der verlassenen Jugend, deren Patron er ist.

Kurze Zeit später ergriff der Papst das Wort und betonte, er hätte gerne „an jede Türe geklopft, um ein Glas Wasser gebeten, einen ‚ cafezinho’ getrunken und mit Eltern, Kindern und Großeltern gesprochen und ihnen zugehört…“

Am Ende habe er sich für eine bestimmte Gemeinschaft entschieden, stellvertretend für alle Viertel Brasiliens, die ‚sozialen und existenziellen Peripherien‘.

Papst Franziskus ermutigte zum Geist des Miteinanders, der Solidarität und verwendete dazu den gelungenen brasilianischen Ausdruck „bota agua no feijão“: gib Wasser zu den Bohnen.

„Nur wenn man fähig zum Miteinander ist, erfährt man eine wirkliche Bereicherung; alles, was geteilt wird, vervielfacht sich! Die Größe einer Gesellschaft misst sich an der Art und Weise, wie sie mit den Bedürftigsten umgeht; mit jenen, die nichts anderes haben als ihre Armut!“, so der Papst.

Während er sich nach vorne beugte, knüpfte Franziskus in seiner Rede erneut an das Dokument von Aparecida an. Dazu fand er folgende Worte: „Ich möchte euch sagen, dass die Kirche die Anwältin der Gerechtigkeit ist und die Armen vor inakzeptabler und himmelsschreiender sozialer und wirtschaftlicher Ungleichbehandlung schützt.“

Der Schutz des Lebens, die Förderung der Familie, einer allumfassenden und nicht ausschließlich auf Wissensinhalten basierenden Bildung, die Achtung der nicht nur körperlichen, sondern auch geistigen Gesundheit, Sicherheit – all dies kann nicht unabhängig von den Interessen einer Nation existieren.

Papst Franziskus, der mehrmals von Applaus unterbrochen wurde, war es ein Anliegen, die jungen „favelados“ vor dem Abschluss seiner Rede zu ermahnen, sich nicht an das Übel zu gewöhnen.

Auch wenn Korruption und Ungerechtigkeit bestürzten und entmutigten, „kann sich die Wirklichkeit ändern, kann sich der Mensch ändern.“

Die vertrauensvolle Hinwendung an die Gottesmutter von Aparecida und deren Segen bildeten den glücklichen Abschluss dieser Begegnung und verwandelten eine „favela“ für kurze Zeit in eine Fabel über die Hoffnung und mit einem neuen Plan zur menschlichen und geistlichen Erlösung.