Mit der Computermaus gegen Dämonen und Geheimbünde - Kirche und Religion in Computerspielen

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 19. Februar 2008 (ZENIT.org).- Die Festplatten von Heimcomputern und Laptops sind heute mehr mit Spielen als mit Text- oder Bildbearbeitungsprogrammen belegt. Viele dieser Adventure- und Action-Games verblüffen durch einen religiösen Background. Religion ist in diesem Medium präsent. Programmierer haben künstliche Welten geschaffen, die realen oder mystischen Glaubensvorstellungen entstammen. Neuerdings entdeckt man sogar den Vatikan als virtuelles Spielterrain.



„Glaube nicht alles. Um die christliche Kirche ranken sich viele Mythen und Legenden. Seit ihrem Bestehen sehen Menschen in der Institution Kirche viel mehr als eine Glaubensgemeinschaft. Die christliche Kirche als politische Weltmacht; Glaube und Aberglaube; Macht und Verstrickung; Wahrheit und Verschwörung. Das ist der Stoff, aus dem gute Thriller gemacht werden.“ Die vollmundigen Worte offenbaren, wo das Point & Click-Adventure „Belief & Betrayal“, zu Deutsch „Glaube und Verrat“, anzusiedeln ist – im Umfeld von einschlägigen Werken wie Dan Browns „Sakrileg. The Da Vinci Code“. Die offizielle Produktbeschreibung spricht unverblümt davon, dass sich der Spieler „im sehr beliebten Kirchenverschwörungs-Szenario“ wiederfinden wird.

Die Mixtur ist sattsam bekannt: eine „Jahrhunderte überspannende Verschwörung“, geheimnisvolle Artefakte (ein aus den Silberlingen des Judas gefertigtes Medaillon, zwei Stofffetzen vom Kleid der Gottesmutter) und geschichtsträchtige Schauplätze (die Kathedrale von Chartres, der Vatikan, das Pantheon, Castel del Monte in Süditalien). Eine stimmungsvolle Musik, durchsetzt von lateinischen Gesängen, gibt dem Ganzen dann noch die notwendige Würze. Bemerkenswert ist, dass das Spiel zu keinem Rundumschlag gegen die katholische Kirche geworden ist. Das mag vielleicht daher rühren, dass die Entwickler und Produzenten in Italien beheimatet sind und nicht jeden ihrer potenziellen Kunden abschrecken wollen. So darf man an der Seite des vatikanischen Geheimdienstes gegen einen kirchlichen Geheimbund operieren.

Für das Frühjahr 2008 ist ein weiteres Kirchenabenteuer angekündigt: „The Abbey“. „Eine alte Abtei wird zum Angelpunkt mysteriöser Verbrechen – einzig ein Mann kann dem ganzen Einhalt gebieten: Die Kirchenoberen entsenden den ehemaligen Berater des Königshofes, Leonardo, und den jungen Adeligen Bruno in die abgelegene Abtei. Er soll den obskuren Verwicklungen um ein lange gehütetes Geheimnis auf den Grund gehen. Doch bereits ihre Anreise wird von einem Attentat auf ihr Leben überschattet ... “, bewirbt der Publisher den Mystery-Krimi. „In der Abtei hingegen sehen sich die beiden mit noch mehr Rätseln konfrontiert, und die alten Gemäuer weigern sich beharrlich, ihre Geheimnisse preiszugeben. Nach und nach geraten Leonardo und Bruno in ein Komplott, dass nicht nur das Kloster sondern auch die gesamte Kirche in ihren Grundfesten erschüttern könnte“ (sic!).

In diversen Online-Shops und den Regalen vieler Kaufhäuser findet sich eine beachtliche Reihe von Spielen, die „christlich“ angehaucht sind oder „religiöse“ Themen zum Inhalt haben. In ihnen gilt es, mit Kreuz und Holzpflock Vampire zu besiegen, als Engel eine drohende Apokalypse aufzuhalten – oder zu forcieren.

Das Action-Game „Infernal“ entfesselt eine Schlacht zwischen „Etherlight“ und „Abyss“, zwei mächtigen Engelfraktionen. Andere Spiele warten mit Magiern, Hexen, Feen und Kobolden auf, die sich mal als Verbündete, mal als Gegner erweisen. Sogar in den antiken Götterwelten soll man sein Können beweisen.

Das Rollenspiel „Loki – im Bannkreis der Götter“ verlangt: „Ob als Barbar, Amazone, Schamanin oder Magier. Die Welt muss gerettet werden!“ „Der gesamte Olymp wird auf Dich blicken in einem der göttlichsten Echtzeit-Strategie-Spiele aller Zeiten“, lockt die Anzeige für ein ähnliches Spiel. „Die Geschichte wird zeigen, ob Du als Mensch ein Gott sein kannst.“ Griechenland, das Ägypten der Pharaonen und der Nibelungenhort werden als Kampforte für Computer-Games angeboten.

Was Dämonen und ihre Vernichtung betrifft, muss der Katholizismus als Fundus herhalten. Schon 1999 war „Evil Attacks – Teuflische Attacken“ erschienen, ein Spiel, dessen zweiter Level in Kloster Steinfeld (Eifel) angesiedelt ist. In der berühmten ehemaligen Prämonstratenserabtei und heutigen Niederlassung des Salvatorianerordens galt es, dunklen Mächten entgegenzutreten. Man durfte in die Rolle des Geisterjägers John Sinclair schlüpfen und konnte sich mit der Computermaus durch die gesamte Klosteranlage klicken. Aufgabe des Spielers war es, versteckte Hinweise zu finden und Rätsel zu entschlüsseln. Und dann tapfer den Dämonen „das schändliche Handwerk“ zu legen.

Ein Kapitel der Kirchengeschichte scheint es den Software-Produzenten besonders angetan zu haben: die Zeit der Kreuzzüge. Vor allem der Templerorden und die Suche nach dem Heiligen Gral haben die Phantasie der Spiele-Entwickler beflügelt. Titel wie „Inquisition“, „Baphomets Fluch“ und „Gabriel Knight – Blut der Heiligen, Blut der Verdammten“ sprechen für sich selbst. Man braucht nicht Geschichte oder Theologie studiert zu haben, um die Stories als haarsträubenden Unfug zu entlarven. Mit echten religiösen Anliegen und historischen Tatsachen haben die Tempelritter der Computerspiele herzlich wenig zu tun. Und Dämonenjäger und Phantasieengel sind erst recht nicht in den christlichen Glauben einzuordnen.

Aber darum geht es den „religiösen“ Computerspielen auch nicht. Die Faszination, die von ihnen ausgeht, ist eine andere: Ich kann mich als Spieler ungefährdet in die Welt des Unerklärlichen begeben, mich uralten Ängsten aussetzen und sie auch bewältigen, Seite an Seite mit übernatürlichen Wesen kämpfen und sogar ein wenig Gott spielen: Möglichkeiten, die ich in der Realität nicht habe. Abgesehen davon, dass ich die Wirklichkeit nicht unterbrechen und abspeichern kann, und auch nicht die Chance erhalte, den Schwierigkeitsgrad zu verändern, in einem Lösungsbuch nachzuschlagen oder mich mit einem Cheat durchzuschummeln.

Die DVD ist heute eines der wichtigsten Zukunftsmedien. Informationen aller Art – Texte, Musik, Bilder, Animationen und Videoclips – können in großer Datenmenge und technisch einwandfrei auf ihr untergebracht werden. Sie bietet sich an, Wissen interessant und spielerisch darzustellen. Sie wäre zur Glaubensvermittlung, zur Auseinandersetzung mit religiösen Themen bestens geeignet. Doch die christlichen Kirchen sind im Multimediabereich viel zu wenig präsent. Es scheint ihnen an Mut zu fehlen, offensiv in den Cyberspace zu gehen. Man traut sich anscheinend noch nicht so recht, mit Hilfe dieses Mediums Katechese ansprechend und zeitgemäß dazustellen. Oder fundierte religiöse Spiele zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.

Die wenigen unter Mithilfe von Theologen publizierten religiösen Games (es handelt sich fast ausschließlich um Bibelspiele) finden beim jungen Publikum, aber auch bei der älteren Klientel, kaum Zuspruch. Sie packen den Gamer nicht. Sie quälen ihn mit einer unverständlichen Sprache, vergraulen ihn durch einen ständig erhobenen moralischen Zeigefinger – oder sind einfach nur langweilig. Ein weiterer Schwachpunkt dieser Spiele liegt in deren technischer Präsentation. Graphik und Bedienung sind hoffnungslos veraltet und rufen im günstigsten Fall ein bemitleidendes Schmunzeln hervor, eher jedoch herbe Enttäuschung, manchmal sogar pure Verzweiflung.

Computerspiele sind seit langem in der Diskussion. Von Kirche und Politik kam und kommt lautstarke Kritik. Eine Kritik, die aber nur selten differenziert und oft bar eines Mindestwissens der Materie ist. Statt Klage an Klage zu reihen und gebetsmühlenartig Verbote zu fordern, sollte man sich an der Gestaltung dieses nicht unwichtigen Unterhaltungsmediums unserer Zeit aktiv beteiligen. Das heißt, die Entwicklung von Spielen zu betreiben, zu fördern oder anzuregen, die einen echten religiösen Background aufweisen, die sich mit Glaube und Kirche klischeefrei beschäftigen – und vor allem spannend sind.