Mit der Taufe Magdi Allams bekräftigen Papst und Vatikan das Prinzip der Religionsfreiheit

Von Guido Horst

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ROM/WÜRZBURG, 1. April 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Drei Tage zuvor hatte der gesuchteste Terrorist der Welt, Osama Bin Laden, in einer über das Internet verbreiteten Botschaft den „Papst im Vatikan“ beschuldigt, eine „herausragende Rolle“ in einem „neuen Kreuzzug“ gegen den Islam zu spielen. Das hat Benedikt XVI. nicht daran gehindert, in der Osternacht im Petersdom dem 56 Jahre alten Muslim und gebürtigen Ägypter Magdi Allam zusammen mit anderen sechs Männern und Frauen die Taufe zu spenden. Magdi, der seit 35 in Italien lebt, ist Autor zahlreicher Bücher, ein viel gelesener Journalist und stellvertretender Chefredakteur der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Es lebe Israel“.



Mit der Taufe – und dem Empfang der Firmung und der ersten Kommunion im gleichen Gottesdienst – nahm Allam den zweiten Vornamen Cristiano an: „Christ“. Und in einem Brief an seinen Chefredakteur begründete er seine Konversion. Die Nachricht ging sofort um die gesamte – islamische – Welt und rief in muslimisch geprägten Medien zum Teil sehr ärgerliche Reaktionen hervor. „Al Quds al-arabi“, eine arabische Tageszeitung, die in London verlegt wird, nahm das Ereignis auf die Seite eins. Die Schlagzeile lautet: „Der Papst ruft bei Muslimen Befremden hervor, weil er einen Ex-Muslim tauft, der Israel stützt und für seine Aversion gegen den Islam bekannt ist.“ Die in Kairo erscheinende „Al-Masri el-jaum“ behauptete, Allam sei für den italienischen Geheimdienst tätig und beleidige die Araber und Muslime immer wieder. Der Fernsehsender „al-Arabia“ nannte Magdi Allam „einen der umstrittensten Journalisten Italiens“, während es auf der Internetseite der Tageszeitung „El Shark El-Ausat“ hieß, das Wasser, das Papst Benedikt auf Allams Kopf gegossen habe, sei „wie Benzin auf das Feuer des Zusammenpralls der Zivilisationen“.

Der Vatikan antwortete zunächst mit einer kurzen Erklärung im „Osservatore Romano“ aus der Feder des Chefredakteurs der Papst-Zeitung, Giovanni Maria Vian: „Die Geste von Benedikt XVI. bekräftigt in klarer und einfacher Weise die Religionsfreiheit. Die auch in der Freiheit besteht, die Religion zu wechseln, wie es in der universalen Erklärung der Menschenrechte von 1948 ausdrücklich heißt (auch wenn die Erklärung später ausgerechnet in diesem Punkt leider abgeschwächt wurde). Wer deshalb ohne Zwang die Taufe verlangt, hat das Recht, sie zu empfangen. Und so wie es keinen Triumph gab, so gab es auch keine feindlichen Absichten gegenüber einer so großen Religionsgemeinschaft wie der des Islam.“

Auch der Präsident des vatikanischen Rats für den interreligiösen Dialog, Kardinal Jean-Louis Tauran, verteidigte die Taufe Allams während der Osternacht. „Die Gewissensfreiheit ist ein Grundrecht“, sagte er gegenüber italienischen Medien. Zudem mache der Papst bei der Auswahl der Täuflinge während des Ostergottesdienstes keinen Unterschied. Allerdings war Allam bisher schon ein kämpferischer Kritiker des Islam. Aus Überzeugung und mit den entsprechenden Folgen: Seit fünf Jahren leben er und seine Familie unter Polizeischutz. „Als ich schließlich bedroht wurde und Leibwächter bekam“, erklärt er jetzt in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“, „da habe ich gemerkt: Die Religion des Lebens und der Liebe ist das Christentum. Es ist mein Recht, eine negative Einstellung gegenüber dem Islam zu haben. Das heißt nicht, dass ich für einen Religionskrieg bin oder gegen den Dialog.“

Zwei Artikel des Journalisten hatten 2003 für Aufsehen gesorgt. In dem ersten berichtete er über eine Ansprache beim Freitags-Gebet des ägyptischen Imams der großen Moschee von Rom, in einem zweiten übersetzte er die Reden von sechs anderen Mullahs in italienischen Moscheen. In fast allen verherrlichten die Imame islamistische Selbstmordattentäter und riefen zum Hass auf den Westen und Israel auf. Aufgrund des ersten Artikels wurde der Imam der römischen Moschee zurück nach Ägypten berufen.

In anderen Beiträgen hatte Allam über die „Katakomben-Christen“ in Italien und in Europa geklagt, also konvertierte Muslime, die nur im Geheimen ihren Glauben leben können. „Ich kenne Dutzende solche Menschen“, erklärte Allam jetzt. „Ich glaube, der Papst wollte mit meiner Taufe in dieser großen Messe der ganzen Kirche sagen: Habt keine Angst, ihr habt die Pflicht, Christus jenen Menschen zu bringen, die ihn aus freien Stücken begehren.“ Ebenso hatte sich der Journalist in seinen Kommentar ganz und gar hinter die Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt gestellt. Allam war ein bekannter und in seiner Islam-Kritik eindeutiger Autor, als er dann ohne jede Vorankündigung in der Osternacht die Taufe empfing.

Eine Reaktion aus der islamischen Welt hat dann doch für Unruhe im Vatikan gesorgt: die von Aref Ali Nayed, einem Libyer, der Direktor des „Royal Islamic Strategic Studies Center“ im jordanischen Amman ist und der als Verfasser des Briefs der 138 muslimischen Gelehrten an die Oberhäupter der Christenheit vom Oktober vergangenen Jahres gilt. Er gehörte zu der kleinen muslimischen Delegation, die am 3. und 4. März mit dem vatikanischen Rat für den interreligiösen Dialog das Islamisch-Katholische Forum aus der Taufe gehoben hatte und von Papst Benedikt in Audienz empfangen worden war. Für Nayed, so ließ er jetzt verlauten, stelle die Taufe Allams einen Akt dar, mit der Papst Benedikt seine „infame“ Vorlesung von Regensburg nochmals bekräftigen wolle. Die vom Papst in seiner Predigt während der Ostervigil verwandte Symbolik von Licht und Dunkel nannte Nayed „totalitär“ und „manichäisch“. Zudem stelle die Taufe Allams eine Absegnung und Bekräftigung seiner „Hassreden“ gegen den Islam dar.

So musste dann am vergangenen Donnerstag Vatikansprecher Federico Lombardi vor die Kameras treten, um vor allem dem Libyer Nayed entgegenzutreten. Die katholische Kirche sei weiterhin sehr am Dialog mit den Muslimen interessiert. Und die Taufe Allams durch den Papst sei „absolut kein gegenteiliges Signal“. Der Weg, so Pater Lombardi weiter, der vor anderthalb Jahren mit dem Brief von Islam-Gelehrten an den Vatikan begonnen habe, sei in keiner Weise gefährdet. Er müsse weitergehen, er sei extrem wichtig und er habe „Priorität vor Begebenheiten, die zu Missverständnissen führen können“. Einen neuen Gläubigen in die Kirche aufzunehmen, bedeute schließlich nicht, alle seine Ideen und Positionen etwa zu politischen oder sozialen Fragen zu übernehmen.

Eines aber ist sicher: Magdi Allam selber wird nicht zum Katakomben-Christen, deren Leben im Untergrund er beklagt. Er bleibt der bekannte Autor, der den Finger auf das legt, was er die strukturelle Gewaltbereitschaft des Islam nennt. Mit der Entscheidung, ihn zu taufen, hat der Papst deutlich gemacht, dass der Dialog mit den Muslimen nicht alles ist, sondern dass auch die Religionsfreiheit zu den unverzichtbaren Prinzipien der Kirche gehört.

[© Die Tagespost vom 1. April 2008]