Mit „Duc in altum“ hinaus ins Weite - neuer Studienlehrgang „Glücklich ohne Tugend?“

Interview mit Prof. Dr. Markus F. Peschl, Mitbegründer einer Initiative der katholischen Kirche Österreichs

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WIEN, 11. Oktober 2007 (ZENIT.org).- „Glücklich ohne Tugend?“ Diese Frage steht im Mittelpunkt des neuen einjährigen philosophisch-theologischen Studienlehrgangs Duc in altum, der am 9. November beginnen wird. Die Teilnehmer werden an vier Wochenenden in Marchegg, Wien und Heiligenkreuz die Frage der Tugenden erörtern und vor allem ihren Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen und persönlichen Fragestellungen beleuchten.



Dr. Markus Peschl, Professor an der Universität Wien für Cognitive Science und Wissenschaftstheorie, ging im Gespräch mit ZENIT auf Ziele und Entstehung von „Duc in altum“ ein.

ZENIT: Zusammen mit einigen Mitglieder der Johannes-Gemeinschaft und mehreren Wissenschaftlern haben Sie ein philosophisch-theologische Studienprogramme entwickelt, die eine Lebensschule sein wollen, eine „Schule des Glaubens, Denkens und Liebens“? Könnten Sie das ein wenig erläutern?

Dr. Peschl: Im praktischen Leben ist es oft so, dass Denken und Glauben auseinander fallen, und mitunter herrscht die Meinung vor, dass Denken und Glauben eigentlich nicht viel miteinander zu tun hätten. Dem wollten wir entgegenwirken, indem wir gesagt haben: Nein, das Denken – im Besonderen die Philosophie – ist ein Fundament auch für den Glauben.

Wenn der Glaube nicht auf einem denkerischen Fundament beruht, wenn Krisen kommen, wenn die großen Fragen auftauchen oder wenn es im Leben schwierig wird, beginnt oft der Glaube allein zu wackeln. Dann fehlen einem in gewisser Weise „rationale“ Sicherheiten.

Natürlich ist der Glaube, wie der Name schon sagt, etwas, wo ich etwas glaube; aber auf der anderen Seite gibt es sehr wohl ganz klare philosophische Entdeckungen, die mir helfen, im Glauben fester zu stehen, und die mir auch helfen, den Glauben irgendwie „festzumachen“.

Die philosophische Entdeckung Gottes ist da sicherlich der zentrale Punkt – jener Punkt, an dem ich sozusagen zu verstehen beginne, dass Gott – wenn ich ernst und bis zum Schluss frage – gewissermaßen eine Notwendigkeit ist und nicht etwas, was ich nur glauben oder eben nicht glauben kann.

Wir von „Duc in Altum“ haben uns gedacht, dieses Fundament neu zu legen beziehungsweise dieses Fundament anzubieten.

ZENIT: An wen richtet sich dieses Lehrangebot, und welche Themen werden generell behandelt?

Dr. Peschl: Das Zielpublikum sind Personen, die aus Gebetskreisen kommen, aus den so genannten neuen Bewegungen, die ja auch nicht mehr ganz so neu sind, und aus den Pfarreien. Aber unser Angebot richtet sich natürlich auch an Ungläubige; an jene, die sich anschauen wollen, wie man vom Denken hin zum Glauben kommt.

Die Themen, die ganz generell besprochen werden – meistens an den Wochenenden –, sind zunächst einmal ganz grundlegende Fragen: Was ist der Mensch? Was ist die Seele des Menschen? Was ist Leben?

Dann geht es um Ethik: um die Frage: Was ist Liebe? und um die verschiedenen Formen von Liebe – vom Eros angefangen über die Freundschaft bis hin zur Gottesliebe.

Dann setzen wir uns mit den ganz großen Fragen wie Politik und Gesellschaft auseinander, das heißt mit philosophischen Fragen: Was ist Politik? Was ist Gesellschaft? Welche Rolle spielt die Wirtschaft? Was bedeutet es, eine philosophische Perspektive auf die Wirtschaft zu haben beziehungsweise die Wirtschaft mit einer christlichen Philosophie zu verbinden – bis hin zur abstrakten und schwierigeren Form, der Metaphysik, wo es um die Frage der Person geht, vor allem um die Frage der Person vor Gott.

Das ist sozusagen der philosophische Teil. Der theologische Teil enthält meistens Themen wie Christologie, Fundamentaltheologie und auch Exegese – nicht im sehr tiefen Sinn, aber sozusagen die Grundlagen der Schriftlesung und des Schriftverständnisses – bis hin zu Fragen, die zum Beispiel Gnade und Natur betreffen, also diese großen Fragen an der Schnittstelle zwischen Philosophie und Theologie. Das sind eigentlich die Hauptthemen.

ZENIT: Welche Themen decken Sie ab?

Dr. Peschl: Ich beschäftige mich mit der Frage: Was ist der Mensch?, weil ich aus den Kognitionswissenschaften komme, und mich daher sehr viel mit der Frage der Erkenntnis beschäftige.

Das zweite große Thema, das ich abdecke, ist die Philosophie der Liebe, also die Ethik, wo wir uns, wie ich schon gesagt habe, die verschiedenen Formen der Liebe näher ansehen und ihnen auf den Grund gehen: Woher kommen sie, wie sieht es heute damit aus, wie wird das heute gesellschaftlich sozusagen „verbreitet“ und was leben wir heute überhaupt noch für Formen von Liebe? Was ist noch aktuell, oder wo findet zum Beispiel eine wahnsinnige Verzerrung des Liebesbegriffs statt?

Und ein dritter großer Bereich, den ich unterrichte, ist die Frage der Erkenntnistheorie, wo es einerseits um die Frage des Wissens geht, aber auch um die Erkenntnis Gottes, das heißt um die Möglichkeiten der Erkenntnis Gottes über den philosophisch-erkenntnistheoretischen Weg.

ZENIT: Wie lange werden diese Studienkurse schon angeboten?

Dr. Peschl: „Duc in Altum“ gibt es seit dem Jahr 2000. Mit unseren Arbeiten haben wir im Anschluss an das Heilige Jahr begonnen, in dem uns der Heilige Vater gerade dazu aufgefordert hat: „Duc in altum!“

Dieser Aussprach findet sich im Lukasevangelium, an jener Stelle, wo Jesus seine Jünger auffordert, noch einmal hinauszufahren, nachdem sie eine ganze Nacht lang umsonst oder besser gesagt nichts gefischt haben. „Duc in altum“, das heißt also: „Fahrt noch einmal hinaus!“

„Altum“ heißt – und das ist sehr interessant – „hoch“, „tief“ und „weit“. Jesus sagt also: „Fahrt hinaus in das Weite, in die Höhe und in die Tiefe!“ Es handelt sich also um einen sehr vielschichtigen Begriff und spiegelt irgendwie genau das wider, was wir vorhaben und was wir tun.