Mit Jesus in der Wüste

P. Raniero Cantalamessa, OFMCap - Erste Fastenpredigt 2014

Vatikanstadt, (ZENIT.org) | 838 klicks

Am heutigen Freitagvormittag hielt Pater Raniero Cantalamessa OFMCap, Prediger des Päpstlichen Hauses, im Vatikan die erste traditionelle Fastenpredigt für die Kurie.

Die Fastenzeit beginnt jedes Jahr mit der Geschichte Jesu, der sich für vierzig Tage in die Wüste zurückzieht. In dieser ersten Meditation wollen wir versuchen zu verstehen, was Jesus in dieser Zeit getan hat, welche Themen in diese Erzählung des Evangeliums einfließen, und wie wir sie in unserem Leben anwenden können.

1. „Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt“

Das erste Thema ist die Wüste. Jesus hat soeben erst mit der Taufe im Jordan die messianische Sendung bekommen, den Armen die gute Nachricht zu bringen, den leidenden Herzen Linderung zu verschaffen und das Reich zu verkünden (vgl. Lk 4,18 ff). Doch hat er es nicht eilig, mit diesen Dingen zu beginnen. Im Gegenteil; einer Eingabe des Heiligen Geistes folgend, zieht er sich in die Wüste zurück, wo er vierzig Tage lang bleibt. Die Wüste, von der hier die Rede ist, ist die Wüste Juda, die gleich außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem beginnt und sich bis nach Jericho im Jordantal hinzieht. Die Tradition identifiziert den genauen Ort mit dem sogenannten „Berg der Versuchung“, der aufs Jordantal blickt.

Im Laufe der Geschichte hat es ganze Heerscharen von Männern und Frauen gegeben, die dem Vorbild dieses Jesus gefolgt sind, der sich in die Wüste zurückzieht. Im Orient zogen sie, beginnend mit dem heiligen Antonius, in die Wüsten Ägyptens und Palästinas; im Abendland, wo es keine Sandwüsten gab, suchten sie sich einsame Orte aus, meist Berge oder Täler. Doch die Einladung, Jesus in die Wüste zu folgen, ergeht nicht nur an Mönche und Einsiedler. In anderer Form richtet sie sich an alle. Die Mönche und Einsiedler haben sich eine räumliche Wüste ausgesucht; wir müssen zumindest versuchen, uns eine zeitliche Wüste zu schaffen.

Die Fastenzeit ist eine Gelegenheit, die die Kirche allen, ohne Ausnahmen anbietet, um eine kleine Wüstenzeit zu erleben, ohne deshalb die Tätigkeiten des Alltags verlassen zu müssen. Der heilige Augustinus richtet an uns den folgenden besorgten Aufruf:

„Kehrt in euer Herz zurück! Was geht ihr fort von euch? Kehrt zurück von eurem Umherschweifen, das euch in die Irre geführt hat. Kehrt zurück zum Herrn. Er ist bereit. Zuerst kehre in dein Herz zurück; du hast dich von dir selbst entfernt und schweifst draußen umher; du kennst dich selbst nicht und fragst nach dem, der dich geschaffen hat! Kehre zurück, kehre zurück ins Herz, reiß dich los vom Leibe… Kehre ins Herz zurück: Siehe dort, was du etwa von Gott begreifen kannst, denn dort ist das Bild Gottes; im Inneren des Menschen wohnt Christus!“ [i]

Kehrt in euer Herz zurück! Doch was ist das Herz; was stellt es dar, dieses Herz, von dem in der Bibel und in der menschlichen Alltagssprache so oft die Rede ist? Außerhalb der Domäne der menschlichen Anatomie, für die das Herz nichts weiter als eines unserer Organe ist, wenn auch ein lebenswichtiges, ist das Herz der tiefste metaphysische Ort eines Menschen; es ist das Innere eines jeden Menschen; der Ort, an dem jeder sich als Person erlebt, das heißt, sich seines Daseins und seiner Beziehung zu Gott, unserem Ursprung und unserem Ziel, sowie zu den anderen Menschen und zur gesamten Schöpfung bewusst wird. Auch in der Umgangssprache bezeichnet das Wort „Herz“ den Kern einer Sache. „Das Herz eines Problems erkennen“ bedeutet, den Kern des Problems auszumachen; das, von dem alle anderen Erscheinungen abhängen.

Das Herz eines Menschen ist also ein geistiger Ort, an dem wir uns selbst in unserem tiefsten Wesen erkennen können, ohne Schleier und ohne den Nebensächlichkeiten Aufmerksamkeit widmen zu müssen. Das Urteil über einen Menschen liegt in seinem Herzen begründet; in dem, was er in sich trägt und was die Quelle seiner Güte oder Bosheit ist. Wer das Herz eines Menschen kennt, ist in das innerste Heiligtum seiner Person eingedrungen und hat erkannt, wer dieser Mensch wirklich ist und was er wert ist.

Ins Herz zurückkehren bedeutet also eine Rückkehr zu unseren persönlichsten und innersten Dingen. Leider ist Innerlichkeit ein Wert, der in der Krise steckt. Zum Teil sind die Ursachen dieser Krise uralt und hängen mit unserem eigenen Wesen zusammen. Unsere „Zusammensetzung“, das heißt die Tatsache, dass wir aus Materie und Geist bestehen, macht uns zu schiefen Ebenen, die jedoch nach außen geneigt sind, zum Sichtbaren und Vielfältigen hin. So wie das Universum seit seiner anfänglichen Explosion (dem berühmten Urknall) sich beständig ausweitet, so entfernen auch wir uns fortwährend von unserem Mittelpunkt. Wir gehen unaufhörlich „nach draußen“, durch jene fünf Türen und Fenster, die unsere Sinne sind.

Die heilige Teresa von Avila schrieb ein Buch, das „Die Innere Burg“ heißt und mit Sicherheit eines der reifsten Werke der christlichen Lehre über die Innerlichkeit ist. Doch gibt es leider auch eine „äußere Burg“, und heute erkennen wir, dass man auch in dieser Burg eingeschlossen sein kann. Aus unserem Zuhause ausgesperrt; unfähig, wieder in uns hineinzufinden. Gefangene der Äußerlichkeit! Wie viele von uns müssten sich die bittere Feststellung des heiligen Augustinus zu eigen machen: „Spät habe ich dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch immer neu, spät habe ich dich geliebt. Und siehe, du warst in meinem Innern und ich draußen; dort suchte ich dich und stürzte mich in meiner Hässlichkeit auf die schönen Gebilde, die du geschaffen. Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Weit weg von dir zogen mich deine Geschöpfe, die es doch gar nicht gäbe, wenn sie nicht in dir wären.“[ii]

Alles, was man „draußen“ macht, ist der fast unvermeidbaren Gefahr der Falschheit ausgesetzt. Der Blick der anderen hat die Macht, unsere Absichten abzulenken, ähnlich, wie magnetische Felder manche Arten von Wellen ablenken können. Die Tat verliert an Authentizität und Verdienst. Schein wird wichtiger als Sein. Deshalb fordert Jesus dazu auf, beim Fasten und Vergeben von Almosen darauf zu achten, dass es niemand sieht, und zum Vater „im Verborgenen“ zu beten (vgl. Mt 6, 1-4).

Innerlichkeit ist der Weg zu einem authentischen Leben. Man spricht heute so viel über Authentizität und macht daraus fast den Maßstab eines gelungenen Lebens. Doch was ist Authentizität für uns Christen? Wann ist ein Mensch wirklich er selbst? Nur, wenn er Gott zum Maßstab nimmt. Der Philosoph Kierkegaard schreibt: „Man spricht so viel von verfehltem Leben. Doch wirklich verfehlt ist nur das Leben eines Menschen, der sich seiner nie bewusst wurde, weil ihn nie in der Tiefe das Gefühl überkam, dass es einen Gott gibt und dass er, gerade er, sein Ich, vor diesem Gott steht.“ [iii]

Eine Rückkehr zur Innerlichkeit ist vor allem für die Menschen unabdingbar, die ihr Leben dem Dienst für Gott geweiht haben. In einer Ansprache für die Oberen eines religiösen Ordens sagte Paul VI.:

„Heute sind wir in einer Welt, die von einem Fieber befallen scheint, das sogar in die Klöster und bis in die Einsamkeit einsickert. Lärm und Trubel haben nahezu alles befallen. Die Menschen sind nicht mehr fähig, sich zu sammeln. Von tausend Dingen abgelenkt, verschwenden sie ihre Kräfte, indem sie den verschiedenen Formen der modernen Kultur nachjagen. Zeitungen, Illustrierte und Bücher überschwemmen die Geborgenheit unserer Wohnungen und unserer Herzen. Es ist heute schwerer geworden als früher, jene Stille zu finden, in der es der Seele gelingt, ganz von Gott erfüllt zu sein.“

Doch lasst uns einmal sehen, wie wir die Gewohnheit zum inneren Erleben wiederfinden und bewahren können. Mose zum Beispiel war ein sehr beschäftigter Mann. Doch lesen wir, dass er ein tragbares Zelt besaß, das er bei jeder Etappe des Exodus in einiger Entfernung vom Lager aufschlug und wohin er regelmäßig hinausging, um sich mit dem Herrn zu beraten. Dort redeten der Herr und Mose „miteinander Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden.“ (Ex 33,11).

Doch auch das ist nicht immer machbar. Nicht immer hat man die Möglichkeit, eine Kapelle oder einen einsamen Ort aufzusuchen, um den Kontakt zu Gott wiederherzustellen. Der heilige Franz von Assisi empfiehlt deswegen eine andere Methode, die leichter zu verwirklichen ist. Wenn er seine Brüder in die Welt aussandte, sagte er zu ihnen: Wir besitzen eine Einsiedelei, die wir immer mit uns tragen, und in die wir uns immer, wenn wir es wollen, wie echte Eremiten zurückziehen können. „Bruder Leib ist eine Einsiedelei und die Seele ist der Eremit, der darin wohnt, um im Gebet und in der Meditation Gott zu finden.“ Es ist, als hätten wir immer eine Wüste „vor der Haustür“, oder sogar „im Haus“; eine Wüste, in die wir uns in Gedanken jederzeit zurückziehen können, auch wenn wir auf der Straße gehen.

Wir wollen diesen ersten Teil unserer Meditation beenden, indem wir den Worten lauschen, die Anselm von Aosta in einem berühmten Werk an seine Leser richtet:

„Auf, du armseliger Sterblicher; fliehe für kurze Zeit von deiner Geschäftigkeit, lasse deine sich überschlagenden Gedanken! Entferne jetzt die Sorgen und Mühen von dir. Besuche ein wenig Gott und ruhe in ihm. Tritt in das Innere deiner Seele ein und sperr alles aus, was nicht zu Gott gehört oder dir hilft, ihn zu finden. Und wenn du die Tür wieder verriegelt hast, sag zu Gott: Ich suche dein Antlitz. Dein Gesicht suche ich, o Herr!“ [iv]

2. Ein gottgefälliges Fasten

Das zweite große Thema, das wir in der Erzählung der Versuchung Jesu finden, ist das Fasten. „Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger“ (Mt 4,2). Was bedeutet es für uns heute, dieses Fasten Jesu nachzuahmen? Früher verstand man unter Fasten die Enthaltsamkeit beim Essen und Trinken, vor allem den Verzicht auf Fleisch. Dieses auf die Nahrungsaufnahme bezogene Fasten behält auch heute seine Gültigkeit und ist sehr empfehlenswert, wenn es in der Religion begründet ist und nicht lediglich als gesundheitsfördernde oder ästhetische Maßnahme gedacht ist. Aber es ist nicht mehr die einzige und auch nicht die notwendigste Art, zu fasten.

Die notwendigste und wichtigste Form des Fastens heißt heute Mäßigung. Sie besteht im Verzicht auf die kleinen und großen Bequemlichkeiten, die überflüssig und manchmal auch schädlich für unsere Gesundheit sind. Diese Art zu Fasten ist ein Akt der Solidarität mit den Vielen, die arm sind. Wer kennt nicht die Worte des Jesaja, die wir in der Liturgie zu Beginn jeder Fastenzeit hören?

„Das ist ein Fasten, wie ich es liebe:

an die Hungrigen dein Brot auszuteilen,

die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen,

wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden

und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen“ (Jes 58, 6-7). 

Ein solches Fasten ist auch ein Protest gegen die Konsum-Mentalität. In einer Welt, die die Suche nach Überfluss zum Ziel ihres Schaffens gemacht hat, ist es sinnvoller, auf etwas zu verzichten, nicht immer den bequemsten Weg zu gehen und die einfachste Lösung zu wählen, nicht immer den Luxus zu suchen; in anderen Worten: gemäßigter zu leben, als sich künstliche Bußen aufzuerlegen. Es ist auch nur recht und billig gegen die Generationen, die nach uns kommen werden, wenn wir sie nicht zwingen, in der Asche dessen zu leben, was wir verbrannt und verschleudert haben. Ein gemäßigter Lebensstil ist auch umweltfreundlicher und bedeutet mehr Achtung vor der Schöpfung.

Wichtiger als die Enthaltsamkeit vom Essen ist heute auch die Enthaltsamkeit von den Bildern. Wir leben in einer Bilder-Gesellschaft; wir sind zu hungrigen Bilder-Essern geworden. Durch Fernsehen, Zeitungen und Werbung lassen wir ganze Flüsse von Bildern in uns hineinströmen. Viele davon sind ungut, führen Gewalt und schlechte Gedanken mit sich und stacheln unsere niedrigsten Triebe an. Sie sind eigens dafür hergestellt worden, um zu verführen. Das schlimmste jedoch ist, dass sie ein falsches und unrealistisches Bild vom Leben vermitteln, mit allen Folgen, die das für die Konfrontation mit der Wirklichkeit hat, besonders für die Jugend. Unbewusst erwartet man, dass das Leben uns alles geben muss, was wir in der Werbung sehen.

Wenn wir den Bilderfluss nicht eindämmen und filtern, wird unsere Phantasie und unsere Seele in kurzer Zeit zu einer Müllhalde verkommen. Die schlechten Bilder, die wir aufnehmen, sterben in uns nicht sofort ab; sie gären. Sie verwandeln sich in Nachahmungswünsche und beeinflussen auf furchtbare Weise unsere Entscheidungsfreiheit. Ein materialistischer Philosoph, Ludwig Feuerbach, hat gesagt: „Der Mensch ist, was er isst“; heute sollten wir vielleicht sagen: „Der Mensch ist, was er sich anschaut.“

Eine andere Form dieses alternativen Fastens, das wir in der Fastenzeit praktizieren können, ist die Enthaltsamkeit von den bösen Worten. Paulus empfiehlt: „Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und dem, der es hört, Nutzen bringt“ (Eph 4,29).

Böse Worte sind nicht nur die Schimpfwörter, sondern auch alle schneidenden, negativen Äußerungen, die systematisch versuchen, die Schwächen unserer Mitmenschen bloßzustellen, sowie alles, was Streit und Verdacht erweckt. Im Leben einer Familie oder einer Gemeinde haben diese Worte die Macht, jeden in sich selbst verschließen zu lassen und Kälte, Verbitterung und Groll heraufzubeschwören. Sie „beleidigen“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie verursachen Leid. Der heilige Jakobus sagt, die Zunge sei voll von tödlichem Gift; durch sie können wir Fluch und Segen erteilen und unsere Mitmenschen töten oder zu neuem Leben erwecken (vgl. Jak 3, 1-12).

Im Matthäusevangelium finden wir ein Wort Jesu, das zu allen Zeiten die Leser des Evangeliums hat zittern lassen: „Ich sage euch: Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen“ (Mt 12,36). Selbstverständlich will Jesus hier nicht jedes „unnütze“ im Sinn von „nicht dringend notwendige“ Wort verurteilen. In einer passiven Bedeutung bezeichnet argon (a = ohne, ergon = Werk), das griechische Wort, das das Evangelium hier verwendet, das unbegründete Reden, also die Verleumdung. In einer aktiven Bedeutung bezeichnet dieser Ausdruck das Wort, das nichts bewirkt, also auch keinen Frieden stiftet. Paulus riet seinem Schüler Timotheus: „Gottlosem Geschwätz geh aus dem Weg; solche Menschen geraten immer tiefer in die Gottlosigkeit“ (2 Tim 2,16). Diese Aufforderung hat auch Papst Franziskus uns oft wiederholt.

Das unnütze (argon) Wort ist das Gegenteil von Gottes Wort, das in der Tat als energes (wirksam, kraftvoll) bezeichnet wird (1 Thess 2,13; Hebr 4,12); denn es ist voller Energie und sehr nützlich. In diesem Sinn ist das, worüber die Menschen am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen, an erster Stelle das leere Wort, das Wort ohne Glauben und ohne Salbung, das von denen gesprochen wird, die eigentlich die geist- und lebenspendenden Worte Gottes sprechen müssten; besonders, wenn sie den Gottesdienst ausüben.

3. Die Versuchungen Satans

Lasst uns jetzt über das dritte Motiv sprechen, das sich in dieser Episode des Evangeliums findet: den Kampf Jesu gegen den Teufel und seine Versuchungen. Zunächst eine Frage: Gibt es den Teufel wirklich? Anders ausgedrückt: Bezeichnet das Wort „Teufel“ tatsächlich eine persönliche Existenz, die mit Verstand und Willen ausgestattet ist, oder handelt es sich einfach um ein Symbol, eine Redewendung, mit der man die Summe des moralisch Bösen umschreiben will, das es in der Welt gibt?

Der wichtigste Beweis für die Existenz des Teufels in den Evangelien liegt nicht in den zahlreichen Geschichten von Besessenen, die befreit werden, denn hier könnte eine falsche, dem Wissen der Zeit angepasste Interpretation irgendwelcher Krankheiten vorliegen. Die Versuchung Jesu in der Wüste; das ist der Beweis! Einen weiteren Beweis liefern die zahlreichen Heiligen, die im Laufe ihres Lebens mit dem Fürsten der Finsternis gekämpft haben. Das sind keine „Don Quijotes“ gewesen, die gegen Windmühlen ankämpften! Das waren im Gegenteil sehr pragmatische und psychisch absolut gesunde Menschen. Der heilige Franz von Assisi sagte einst zu einem seiner Gefährten: „Wenn die Brüder wüssten, wie viele und heftige Angriffe ich von den Dämonen erdulden muss, würden sie mich alle beweinen.“ [v]

Wenn so viele Menschen den Glauben an den Teufel für absurd halten, dann deshalb, weil sie ihre Vorstellungswelt aus Büchern schöpfen, ihr Leben in Bibliotheken oder am Schreibtisch zubringen, während den Teufel Bücher nicht interessieren; ihn interessieren Menschen, und ganz besonders die Heiligen. Was kann schon über Satan wissen, wer es nie mit der Wirklichkeit Satans, sondern nur mit seiner Idee zu tun gehabt hat, das heißt, mit den kulturellen, religiösen und folkloristischen Traditionen, die den Teufel betreffen? Solche Menschen behandeln dieses Thema oft mit großer Selbstsicherheit und Überlegenheit, indem sie alles als „mittelalterlichen Aberglauben“ abtun. Doch ist diese Selbstsicherheit trügerisch. Sie handeln wie jemand, der behauptet, keine Angst vor Löwen zu haben, und als Beweis dafür angibt, er habe schon oft Bilder und Fotos von Löwen gesehen und nie Angst vor ihnen gehabt.

Es ist völlig normal und konsequent, dass jene Menschen nicht an den Teufel glauben, die auch nicht an Gott glauben. Es wäre geradezu tragisch, wenn jemand, der nicht an Gott glaubt, an den Teufel glauben würde! Und dennoch gibt es das in unserer Gesellschaft. Satanismus und damit verbunden Erscheinungen sind heute sehr aktuell. Unsere technisch fortgeschrittene und industrialisierte Welt wimmelt geradezu von Magiern, Okkultisten, Geisterbeschwörern, Horoskop-Gläubigen, Amuletten; ganz zu schweigen von den echten satanischen Sekten. Durch die Tür verjagt, ist der Teufel durchs Fenster wieder zurückgekommen. Das heißt, vom Glauben vertrieben, ist er mit dem Aberglauben zurückgekehrt.

Das Wichtigste, was der christliche Glaube uns zu sagen hat, ist jedoch nicht, dass es den Teufel gibt, sondern, dass Christus ihn besiegt hat. Christus und der Teufel sind für die Christen nicht zwei gleichstarke und entgegengesetzte Kräfte, wie es in manchen dualistischen Religionen der Fall ist. Jesus ist der einzige Herr; Satan ist nur ein verdorbenes Geschöpf. Wenn ihm Macht über die Menschen gegeben wird, dann nur deshalb, damit die Menschen die Möglichkeit bekommen, frei ihre Wahl zu treffen, auf welcher Seite sie stehen wollen; und auch, „damit sie sich nicht überheben“ (vgl. 2 Kor 12,7), indem sie etwa glauben, sich selbst genügen zu können und keines Erlösers zu bedürfen. Ein Negro-Spiritual-Lied besagt: „Der alte Satan ist verrückt; er hat auf mich geschossen, um meine Seele zu zerstören, doch hat er schlecht gezielt und hat stattdessen meine Sünde zerstört.“

Solange wir mit Christus sind, haben wir nichts zu befürchten. Nichts und niemand kann uns etwas Böses tun, wenn wir selbst es nicht wollen. Seit Christus in die Welt gekommen ist, sagt ein alter Kirchenvater, ist der Teufel wie ein Hund, den man im Hof angekettet hat: Er kann bellen und heulen so viel er will, doch solange wir uns von ihm fernhalten, kann er uns nicht beißen. In der Wüste hat Jesus sich vom Teufel befreit, um uns alle von ihm zu befreien!

Die Evangelien berichten von drei Versuchungen: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“; „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab“; „Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.“ Sie alle verfolgen dasselbe Ziel: Jesus von seiner Mission abzubringen, ihn von der Aufgabe abzulenken, derentwegen er auf die Erde gekommen ist; den Heilsplan des Vaters durch einen anderen Plan zu ersetzen. In der Taufe hatte der Vater dem Sohn den Weg des gehorsamen Dieners gewiesen, der die Menschheit durch seine Demut und sein Leid erlöst; der Teufel schlägt ihm stattdessen den Weg des Ruhms und des Sieges vor, jenen Weg, den damals alle vom Messias erwarteten.

Auch heute zielen alle Bemühungen des Teufels darauf ab, den Menschen vom Ziel abzubringen, das der Grund seines irdischen Daseins ist: Gott kennenzulernen, ihn zu lieben und ihm in diesem Leben zu dienen, um ihn dann im ewigen Leben schauen zu können. Der Teufel will uns ablenken; dass heißt wörtlich: woandershin lenken. Und er ist schlau; er erscheint uns nicht etwa persönlich, mit Hörnern und Schwefelgeruch – Es wäre zu leicht, ihn zu erkennen. Stattdessen bedient er sich der Dinge, die an sich gut sind, indem er sie steigert, zu absoluten Werten, zu Götzen erhöht. Geld an sich ist etwas Gutes, und so auch Vergnügen, Sex, Essen und Trinken. Doch wenn sie das Wichtigste im Leben werden, kein Mittel mehr, sondern das Ziel sind, dann zerstören sie unsere Seele, und nicht selten auch den Leib.

Ein sehr passendes Beispiel kommt uns von den Vergnügungen. Spielen ist eine edle Dimension des Menschseins; und Gott selbst hat uns geboten, dass wir ruhen sollen. Schlecht werden diese Dinge jedoch, wenn man aus dem Spiel einen Lebensinhalt macht, die ganze Woche nur in Erwartung des Samstagabends oder des sonntäglichen Fußballspiels lebt, von weniger unschuldigen Vergnügungen ganz zu schweigen. In diesem Fall verändert das Vergnügen seine Wirkung, und statt unserem inneren Wachstum zu dienen und Stress abzubauen, verschlimmert es unser Befinden.

Eine liturgische Hymne der Fastenzeit fordert uns auf, in dieser Zeitspanne von „Worten, Essen, Trinken, Schlaf und Vergnügen“ einen sparsameren Gebrauch zu machen. Diese Zeit soll uns dienen, um wiederzuentdecken, warum wir auf der Welt sind, woher wir kommen, wohin wir gehen, welchen Kurs wir zur Zeit einhalten. Sonst kann es uns ergehen wie der Titanic; oder, für uns näher in Raum und Zeit, der Costa Concordia.

4. Warum Jesus in die Wüste ging

Ich habe versucht, die Lehren und Beispiele zu erleuchten, die uns in der Fastenzeit vom Vorbild Jesu kommen; doch habe ich bisher das wichtigste von allen ausgelassen. Warum ging Jesus nach seiner Taufe eigentlich in die Wüste? Um sich von Satan versuchen zu lassen? Nein; das kam ihm gar nicht in den Sinn. Niemand begibt sich mit Absicht in Versuchung, und Jesus selbst hat uns gelehrt, dafür zu beten, dass wir nicht in Versuchung geführt werden. Die Versuchung Jesu war eine Initiative des Teufels, die vom Vater erlaubt wurde, zur Ehre seines Sohnes und als Lehre für uns alle.

Ging er in die Wüste, um zu fasten? Auch, aber das war nicht der Hauptgrund. Er ging, um zu beten! Immer, wenn Jesus sich in einsame Orte zurückzog, tat er es, um mit dem Vater zu sprechen. Er ging, um seinen Willen als Mensch mit dem göttlichen Willen gleichzuschalten, um sich Klarheit über die Mission zu verschaffen, die die Stimme des Vaters ihm bei der Taufe hatte erahnen lassen: die Mission des gehorsamen Dieners, der berufen ist, die Welt durch sein Leiden und seine Demütigung zu erlösen. Kurz, er ging zum Beten in die Wüste, um mit seinem Vater allein zu sein. Das ist auch der Hauptsinn unserer Fastenzeit. Er ging aus demselben Grund in die Wüste, weshalb er eines Tages, zu einem späteren Zeitpunkt, auf den Berg Tabor steigen sollte; nämlich, um zu beten (vgl. Lk 9,28).

Man geht nicht nur deshalb in die Wüste, um etwas hinter sich zu lassen – den Lärm, die Welt, die Hektik – sondern vor allem, um etwas zu finden; oder besser: um jemanden zu finden. Man geht nicht nur deshalb in die Wüste, um sich selbst wiederzufinden und mit seinem innersten Ich in Beziehung zu treten, wie es in manchen nichtchristlichen Meditationsformen der Fall ist. Mit sich selbst allein zu sein kann bedeuten, sich in sehr schlechter Gesellschaft wiederzufinden. Der Gläubige geht in die Wüste, steigt in sein eigenes Herz hinab, um seinen Kontakt zu Gott wieder aufzunehmen, weil er weiß, dass im Inneren des Menschen die Wahrheit wohnt.

Das ist das Geheimnis des Glücks und des Friedens in dieser Welt. Was kann sich ein Liebender mehr wünschen, als mit der geliebten Person allein zu sein? Gott liebt uns und wünscht sich, dass wir uns in ihn verlieben. Indem er von seinem Volk wie von einer Braut spricht, sagt der Herr: „Ich will sie in die Wüste hinausführen und sie umwerben“ (Hos 2,16). Welche Folgen das Verliebtsein hat, ist bekannt: Alle anderen Dinge und Personen treten in den Hintergrund. Der Geliebte erfüllt alles und lässt alles andere zweitrangig erscheinen. Verliebt sein trennt uns nicht von den anderen; im Gegenteil, es macht uns auch ihnen gegenüber aufmerksamer und freundlicher, durch einen Überreichtum an Liebe. Wenn wir Kirchenmänner und Kirchenfrauen doch erkennen könnten, wie nah das Glück und der Friede, den wir in dieser Welt suchen, in Wirklichkeit sind!

Jesus wartet in der Wüste auf uns: Lassen wir ihn in dieser Zeit nicht allein!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]

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FUSSNOTEN 

[i] Hl. Augustinus, In Ioh. Ev., 18, 10 (CCL 36, S. 186).

[ii] Hl. Augustinus, Bekenntnisse, X, 27.

[iii] S. Kierkegaard, La malattia mortale, II, in Opere, hrsg. C. Fabro, Firenze 1972, S. 663 [Deutsch: Die Krankheit zum Tode].

[iv] Hl. Anselm, Proslogion, 1, (Opera omnia, 1, Edinburgh 1946, S. 97).

[v] Vgl. Speculum perfectionis, 99 (FF 1798).