"Mit Papst Franziskus erlebt die Kirche einen neuen Frühling" (Erster Teil)

Msgr. Bruno Forte zieht die Bilanz des ersten Jahrs im Pontifikat von Papst Franziskus

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 351 klicks

Knapp ein Jahr nach der Wahl von Papst Franziskus befindet sich die Kirche in einer Stimmung, die sehr an die große Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils erinnert. Zum Teil liegt das an der Wiederentdeckung jenes „Christentums der Barmherzigkeit“, das für das Pontifikat des seligen Papstes Johannes XXIII. typisch gewesen ist, zum Teil auch an den Strukturreformen, die der Heilige Vater in diesem Jahr eingeläutet hat.

So lautet die Überzeugung von Msgr. Bruno Forte, international bekannter Theologe und Erzbischof von Chieti-Vasto. In einem Gespräch mit ZENIT zog Msgr. Forte eine Bilanz dieses ersten Jahrs im Pontifikat von Papst Franziskus und wies auf die theologisch-doktrinäre Kontinuität mit dem Lehramt Benedikts XVI. hin, aber auch auf die Erneuerung im Bereich der Pastoral und der Kommunikation.

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Exzellenz, vor einem guten Jahr gab Papst Benedikt XVI. der Welt seine Absicht bekannt, auf den Stuhl Petri verzichten zu wollen. Wie haben Sie diesen entscheidenden Moment der Kirchengeschichte erlebt?

Msgr. Forte: Die Entscheidung des Heiligen Vaters konnte nur einen Beweggrund haben: das Glaubensverständnis, das seinen ganzen Weg geleitet hat. Man könnte sagen, dass der tiefere Sinn des Pontifikats Benedikts XVI. in einer spirituellen Reform der Kirche im Licht des Vorrangs Gottes über alles andere liegt. Deshalb habe ich vom ersten Augenblick an nie daran gezweifelt, dass hinter dieser Entscheidung des Heiligen Vaters der Wille stehe, Gott zu gehorchen, im Sinn seiner Enzyklika „Deus caritas est“, in der er sagt, dass wir Gott mit allen Mitteln dienen müssen, die er uns zur Verfügung stellt, solange er uns die Möglichkeit und die Kraft dazugibt: „Gott regiert die Welt, nicht wir. Wir dienen ihm nur, soweit wir können und er uns die Kraft dazu gibt“ (Nr. 35). In anderen Worten: Die Mystik des Dienens von Papst Benedikt ist eine Mystik, die auch die Möglichkeit akzeptiert, vor Gott zu bekennen, dass die Kraft zur Ausübung des Dienens verebbt, und das gilt auch und erst recht für einen so schweren und verantwortungsvollen Dienst wie den des Bischofs von Rom. Daher war mir von Anfang an klar, dass seiner Botschaft eine ungewöhnliche geistige Kraft innewohnte, denn durch dieses Amtsverzicht konkretisierte Benedikt XVI. in höchstem Maße die Botschaft seines ganzen Pontifikats: Gott kommt an erster Stelle und ihm muss man Gehorsam leisten, indem man ihm von ganzem Herzen und mit allen Kräften dient, solange er selbst uns die Kraft gibt. Wenn unsere Kraft nachlässt, ist das ein Zeichen dafür, dass Gott eine andere Art von Dienst von uns erwartet. Für Johannes Paul II. war dieser letzte Dienst sein stilles Leiden; für Benedikt XVI. ist es das stille Gebet, dass er zwischen den Mauern des Klosters „Mater Ecclesiae“ und in den Vatikanischen Gärten verrichtet.

Einen Monat später erfolgte die Wahl von Papst Franziskus…

Msgr. Forte: Das war freilich eine Überraschung für die ganze Welt, auch wegen der kurzen Dauer des Konklaves. Es ist erstaunlich, wie dieses Kollegium innerhalb von nur knapp etwas mehr als einem Tag der Kirche einen neuen Papst geschenkt hat, und noch erstaunlicher, dass es dieser Papst ist. Ich glaube, hier kann man den Hauch des Heiligen Geistes geradezu spüren, der in Entscheidungen wie die, die ein Konklave fällen muss, wirkt. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Demut und Einfachheit Papst Franziskus sich der Welt vorgestellt hat. Er hat das Volk Gottes gebeten, ihn zu segnen und für ihn zu beten, und er hat scherzhaft gesagt, er sei „vom Ende der Welt“ gekommen. Das alles in einem so menschlich-sympathischen Ton, der jedoch zugleich auch eine tiefe jesuitische Spiritualität durchblicken ließ, die alles im Licht Gottes betrachtet. Der Heilige Vater hat später selber erzählt, dass er im Augenblick seiner Annahme einen großen Frieden gespürt habe, der vom Bewusstsein herrührte, den Willen Gottes erfüllt zu haben. Aus alledem können wir erkennen, dass Gott der Kirche genau den Papst geschenkt hat, den sie in diesem Augenblick brauchte, vor allem in Anbetracht seiner Kommunikationsfähigkeit. Was die tiefen Inhalte des Lehramts anbelangt, gibt es eine hundertprozentige Kontinuität zwischen Benedikt und Franziskus. Nur der Stil ist ein anderer, weil die Charaktere verschieden sind. Auf eine im Grunde schüchterne Persönlichkeit wie Benedikt XVI. folgt ein Mensch mit einem angeborenen Hang zur Kommunikation, der ein Gespür für menschliche Beziehungen hat und den Hauch des Evangeliums und der Zärtlichkeit und Barmherzigkeit Gottes gewissermaßen auf intuitive Weise vermittelt.

Papst Franziskus hat eine Kirche geerbt, die unter den letzten Pontifikaten große geistige Reformen eingeleitet hat, die aber zugleich auch Teil dieser heutigen globalisierten Welt ist, Teil des „Weltdorfs“. Unsere Welt hat einen immensen Bedarf nach Kontakt zur Barmherzigkeit, Zärtlichkeit und – ich möchte fast sagen – „Menschlichkeit“ Gottes. Dieser Kontakt kann durch den Blick, die Worte, die Zärtlichkeit und Güte eines Priesters, in diesem Fall des Bischofs von Rom, hergestellt werden. Papst Franziskus kommt diesem Bedarf in höchstem Grad entgegen.

Manche Kritiker werfen Papst Franziskus vor, er sei zu sehr guter Hirte und zu wenig Theologe; er verteidige die katholische Ethik nicht energisch genug, besonders wenn es um Fragen geht, die das Leben und die Familie betreffen. Sind solche Kritiken gerechtfertigt?

Msgr. Forte: Mir scheinen sie unbegründet zu sein. Man darf auch nicht vergessen, dass Papst Franziskus einen bemerkenswerten Bildungsschatz besitzt: Sein Studium der Theologie und Philosophie, das er in Argentinien begonnen und dann in Deutschland fortgesetzt hat, bildet ein solides kulturelles Fundament. Man denke zum Beispiel an seine Kenntnisse über Leben und Werk von Romano Guardini, diesem außergewöhnlichen deutsch-italienischen Denker, der wie ein Stern am theologischen, philosophischen und geistigen Firmament des 20. Jahrhunderts leuchtet, und den der Papst in seinem apostolischen Schreiben „Evangelii Guadium“ zitiert. Es ist also falsch zu glauben, Papst Franziskus habe ein geringes theologisches Profil. Gegen ein solches Bild sprechen seine kulturelle und theologische Ausbildung, seine Jesuitenidentität und seine Spiritualität, die die „Reverentia“ pflegt, die Achtung oder Ehrfurcht vor der Schöpfung, die – nach dem Beispiel der Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola – zur Erkenntnis führt, dass man Gott in allem verehren kann, das er geschaffen hat.

Auch das Urteil, Papst Franziskus widme den Grundwerten des Glaubens zu wenig Aufmerksamkeit, scheint mir falsch und oberflächlich. Was die Inhalte des Glaubens anbelangt, geht Papst Franziskus genauso wenig auf Kompromisse ein wie Benedikt XVI., auch wenn er eine andere Sprache benutzt, um diese Inhalte zu vermitteln. Die Sprache des Glaubens muss nicht immer exakt und rational sein. Sie kann auch durch Gesten, Metaphern und Symbolen sprechen, die manchmal eine Botschaft auf viel direktere Weise vermitteln können, als exakt bemessene Worte. Schließlich hat Jesus selbst sich oft einer solchen Sprache bedient, nicht zuletzt auch im höchsten Zeichen, das er uns gegeben hat: seinen Kreuzestod und seine Auferstehung, die seine Göttlichkeit viel besser vermitteln, als Worte es jemals könnten.

Papst Franziskus besitzt diese Eigenschaft, durch Gesten zu sprechen. Den Wert des Lebens vermittelt er zum Beispiel durch die außergewöhnliche Zärtlichkeit, die er den Schwachen, Kranken, Armen entgegenbringt. Eine Zärtlichkeit, die nur in der Überzeugung wurzeln kann, dass das Leben, auch in seinen leidvollsten Erscheinungen, immer ein Geschenk von ungeheurer Größe ist, das man in all seinen Formen und Entwicklungsstadien achten und fördern muss. Aber auch von der Warte der wörtlichen Inhalte aus betrachtet haben wir es mit einem Lehramt zu tun, das alles andere als schwach oder inhaltlich arm ist. Denken wir doch an seine täglichen Homilien in Santa Marta, an sein apostolisches Schreiben „Evangelii Gaudium“ oder an seine Enzyklika „Lumen Fidei“. Hier finden wir einen außergewöhnlichen Reichtum an Botschaften wieder, der in einer Vielzahl von Stilen und Formen zum Ausdruck kommt, die in ihrer Gesamtheit einen kostbaren Schatz des Glaubens und des Wissens bilden. Wer das Denken dieses Papstes als inhaltlich schwach beurteilt, hat ihn entweder nicht verstanden oder will ihn nicht verstehen. Man kann über die Vielseitigkeit der Kommunikationsformen, die der Papst verwendet, und auch über die Kraft der Botschaften, die er vermittelt, eigentlich nur staunen.

[Der zweite Teil folgt morgen, am Dienstag, dem 25. Februar]