"Mit Papst Franziskus erlebt die Kirche einen neuen Frühling" (Zweiter Teil)

Msgr. Bruno Forte zieht die Bilanz des ersten Jahrs im Pontifikat von Papst Franziskus

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 302 klicks

[Der erste Teil erschien gestern, am Montag, dem 24. Februar]

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Es ist viel vom sogenannten „Franziskus-Effekt“ die Rede gewesen. Glauben Sie, dass die Rückkehr so vieler Gläubiger zur Messe und zu den Sakramenten ein tiefes und dauerhaftes Phänomen ist?

Msgr. Forte: Es ist vor allem eine Tatsache, die wir Seelsorger fast ausnahmslos feststellen. Es findet eine Rückkehr vieler Menschen zu den Sakramenten statt, besonders zur Beichte, und der Grund für diesen Trend liegt zweifellos in den wiederholten Aufrufen des Papstes, von der Zärtlichkeit und Barmherzigkeit Gottes Gebrauch zu machen: Fürchtet euch nicht vor der Liebe Gottes. Ob dieses Phänomen tiefgreifend und von Dauer ist, das weiß nur Gott allein; doch frage ich mich: Kann man die Tatsache, dass so viele Menschen den Weg zur sakramentalen Versöhnung wiederfinden, als etwas Oberflächliches abtun? Wenn man seine Seele für die Vergebung Gottes öffnet und um diese Vergebung bittet, wirkt immer eine innere Berührung der Gnade, ein Wunder des Heiligen Geistes, das kein menschliches Urteil als unbedeutend oder oberflächlich abtun kann.

Wird dieses Phänomen von Dauer sein? Alles Menschliche ist vergänglich; und dennoch gibt es Erlebnisse, die uns in der Tiefe der Seele verändern und dem Leben jenen Sinn und jene Schönheit verleihen, die bereits einen Vorgeschmack der Ewigkeit enthalten. Das gibt uns die Hoffnung, dass es sich um eine Weg handeln könnte, der dauerhaft, bleibend und sinnvoll sein wird.

Wir erleben also einen Frühling der Kirche, wie es ihn zuletzt zur Zeit des Pontifikats von Johannes XXIII. gegeben hat. Fünfzig Jahre danach ist das Konzil lebendiger denn je. Die Botschaft der Zärtlichkeit und Barmherzigkeit Gottes, die Johannes XXIII. verkündete, lebt noch immer, weil die Menschheit sie mehr denn je braucht.

Meinen Sie, dass auch die Strukturreformen der Kirche, im Sinne einer Stärkung der Kollegien und Synoden, dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprechen?

Msgr. Forte: „Evangelii Gaudium“ ist in diesem Sinn sehr aufschlussreich. Papst Franziskus hat die Absicht, die Entwürfe des Konzils, die inzwischen ausreichend thematisiert und weitgehend schon verwirklicht worden sind, ihrer Vollendung zuzuführen. Vor allem den kollegialen Charakter der Kirche, „sub Petro“ und „cum Petro“. Papst Franziskus glaubt an den Wert der Kollegien, weil er an die Heiligkeit der Kirche und an das Wirken des Heiligen Geistes glaubt. Der Heilige Geist erweckt im Volk Gottes jenen „sensus fidelium“, das Gespür der Gläubigen, der als echte Stimme der Kirche zu den Oberhirten spricht, die die Aufgabe haben, diese Stimme zu deuten und den Glauben zu vermitteln. Ich glaube, dass wir heute tatsächlich die Verwirklichung der Programme des Zweiten Vatikanischen Konzils erleben. Was das Konzil über die Gemeinschaftlichkeit und Kollegialität unter Bischöfen gesagt hatte, findet heute seine konkrete Anwendung. Es wird nicht leicht sein, denn nicht alles, was schön und leuchtend ist, wird auch gut aufgenommen werden. Selbstverständlich wird es Widerstände und Ängste geben. Eine stärker hierarchische und „klerikalere“ Kirche würde vielen gefallen, denn sie befreit von der Verantwortung, sich selbst mit den Problemen und Mühen des Lebens und der Ethik zu konfrontieren. Doch die Kirche Christi ist eine Kirche, in der jeder dazu berufen ist, selber für sein Leben zu entscheiden, seine eigenen Entscheidungen über Liebe und Glauben zu treffen und seinen eigenen Tod zu sterben. Alle Getauften besitzen eine Würde, die der synodale und kollegiale Geist, den dieser Papst so stark fördert und der ganz im Sinne des Konzils ist, sicher anerkennt und fördert.

Der Heilige Vater legt auch großen Wert auf die Armut im Sinne des Evangeliums, und er selbst gibt ein Beispiel dafür, auch in der Art, wie er die Kirche leitet. Besteht nicht die Gefahr, dass man ihn missverstehen und für einen Befürworter des Pauperismus halten könnte?

Msgr. Forte: Man muss zwischen zwei Dingen unterscheiden. Einerseits gibt es die Armut als Lebensstil. Jesus ist arm, und seine Armut hat nichts mit Pauperismus zu tun, sondern entspringt dem Willen, durch sein Leben zu beweisen, dass der wahre Reichtum des Menschen Gott und das Streben nach seinem Reich ist. Die Armut des Evangeliums ist nur ein Gesicht des Glaubens an Gott, der keine menschliche Garantie sucht, keine menschlichen Mittel braucht, sondern Vertrauen in die „Schwäche Gottes“ hat, um ein Bild des heiligen Paulus zu benutzen. In den Entscheidungen, die Papst Franziskus trifft, liegt kein manieristischer Pauperismus. Papst Franziskus ist authentisch, ist er selbst. Er hat nie gesagt, das päpstliche Apartment sei ihm zu luxuriös. Er hat lediglich entschieden, in Santa Marta zu leben, weil er dort leichter Kontakt zu anderen Menschen bekommt. Seine Wahl entspringt einem Bedürfnis nach Gemeinschaft. Scherzhaft sagte er, er wolle sich das Geld sparen, das er sonst dem Psychiater hätte geben müssen. Er ist ein Papst, der an das gemeinschaftliche Leben glaubt, an Brüderlichkeit. Auch das ist ein Gesicht der Nüchternheit, der Armut im Sinne des Evangeliums. Andererseits gibt es seine besondere Aufmerksamkeit für die Armen, die sich in einer Anklage und einer Verkündigung konkretisiert. Die Anklage finden wir in „Evangelii Gaudium“: Es ist seine Ablehnung einer rücksichtslosen Wirtschaft, die die Schwachen zurücklässt, seine Anklage gegen die Tyrannei des Geldes, die letztlich auch die heutige Wirtschaftskrise verursacht hat. Diese sehr klare Anklage verbindet sich mit einer Verkündigung: die Verkündigung der Würde des Menschen, der Einsatz für eine Gerechtigkeit, die den Wert der Unterschiede kennt und achtet, damit jeder Mensch in seiner Würde und seinen Möglichkeiten gefördert werde.

Das Interesse des Heiligen Vaters für die Armut hat nichts mit Pauperismus zu tun, sondern ist eine Wiederentdeckung der großen Botschaft des Evangeliums, wie sie zum Beispiel auch durch Franz von Assisi erfolgte, der mitten im christlichen Mittelalter das Evangelium durch sein Leben und seine Worte wieder aufblühen ließ.