Mit Stil und Leidenschaft

Zum 80. Geburtstag von Prälat Walter Brandmüller (* 5. Januar 1929)

| 1112 klicks

Von Guido Horst



WÜRZBURG, 7. Januar 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Über fünfzig Jahre hat Walter Brandmüller die Entwicklung der Kirche in Deutschland aus nächster Nähe verfolgt. Er tat dies als Pfarrer im schwäbischen Walleshausen, als Ordinarius für neue und mittelalterliche Kirchengeschichte an der Universität Augsburg und, seit seinem Wechsel in den Vatikan, wo er 1998 die Leitung des Päpstlichen Komitees für die historischen Wissenschaften übernahm, aus römischer Perspektive von zentraler Warte aus: Als Kanoniker, das heißt Domherr der Petersbasilika, versieht er regelmäßig über dem Grab des Apostelfürsten den liturgischen Dienst.

Der in Ansbach geborene Offizierssohn hatte für sich in jüngeren Jahren das Dressurreiten als Sport gewählt. Stil, Disziplin und gezügelte Leidenschaft prägen auch das Priester- und Forscherleben Brandmüllers, der sich nicht nur durch Seelsorge und sein theologisches Fach in die Pflicht nehmen ließ, sondern – teils heftig und engagiert, dann aber auch wieder mit der abwartenden Distanz dessen, der schon viel erlebt hat – Schritt für Schritt die Windungen und Wendungen seiner Kirche mitverfolgt hat. Wer das geschmackvoll eingerichtete Appartement des Prälaten im „Palazzo della Canonica“ betritt, trifft manchmal auf einen erregten Menschen, den der heilige Zorn über einen innerkirchlichen Missstand ergriffen hat, manchmal auf einen verschmitzt Lächelnden, dem ein gelungener Schachzug Vergnügen bereitet – und manchmal auf jemanden, der dem Gast an Herd und Küchentisch eine deftige Mahlzeit zubereitet.

Vor einigen Monaten ist im Augsburger Sankt Ulrich-Verlag das Buch „Licht und Schatten“ erschienen, in dem Brandmüller Aufsätze und Referate veröffentlicht hat, in dem der Historiker auch einen Blick auf die zeitgenössischen Entwicklungen der Kirche im deutschsprachigen Raum wirft. Zwar sieht der Autor Parallelen in der Vergangenheit, in der es immer wieder „Los von Rom“-Bewegungen gegeben hat. Aber sein Urteil über die heutige Zeit ist doch besorgter. „Die Macht der Medien“, so heißt es im Kapitel „Fieberanfälle des deutschen Katholizismus“, „denen die große Masse der Katholiken ausgeliefert ist, der Ausfall geistiger Führung durch einen theologisch desorientierten und verunsicherten Klerus – das alles macht die Katholiken anfällig für die Propheten des Zeitgeistes. Und die haben angesichts einer Fernsehgesellschaft, die ihr Kritikvermögen weithin verloren hat, ein gar leichtes Spiel. Hinzu kommt der nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfassende kulturelle Zusammenbruch, der sich auch in einer akuten Glaubenskrise des deutschen Katholizismus äußert. Was diesen in den Erschütterungen der jüngeren Vergangenheit so widerstandsfähig gemacht hatte, war die enge Verbindung der Bischöfe mit dem Papst, war die geistige Geschlossenheit des Klerus und die Einigkeit der Gläubigen mit Papst, Bischöfen und Priestern.“

Genau das ist es, was für Brandmüller ein Kernsymptom der gegenwärtigen Kirchenkrise in deutschen Landen ausmacht. Dementsprechend liegt für ihn auch hier die Therapie: „Wenn der deutsche Katholizismus aus seiner gegenwärtigen Krise ebenso neu gekräftigt hervorgehen soll wie aus den vergangenen Stürmen, dann allerdings ist ein hoher Einsatz gefordert. Der aber wird nur möglich sein, wenn jener enge Schulterschluss zwischen Bischöfen und Papst, Priestern und Bischof, zwischen Gläubigen und Priestern wieder hergestellt wird, der sich bisher bewährt hat – und wenn man aus dem Wahn erwacht, am deutschen Wesen müsse die Kirche genesen.“

Seit seiner Habilitationsschrift hat sich Brandmüller auf die Geschichte der Konzilien der katholischen Kirche spezialisiert und ist im Laufe der Jahre zum Doyen dieser Forschungsrichtung im deutschsprachigen Raum geworden. Die Arbeiten einer internationalen Expertengruppe, die seit vierzig Jahren unter seiner Leitung die Geschichte der ökumenischen und regionalen Konzilien erforscht, haben inzwischen für einen reichen wissenschaftlichen Niederschlag gesorgt. Einzelstudien und die Ergebnisse zahlreicher Fachtagungen wurden in der Zeitschrift „Annuarium Historiae Conciliorum“ veröffentlicht. Eine ebenfalls von dieser Expertengruppe erarbeitete und von Brandmüller herausgegebene Reihe zur Konziliengeschichte ist inzwischen auf 37 Bände angewachsen. Um hierfür auch die materiellen Voraussetzungen zu schaffen, hat der Kirchenhistoriker beizeiten die „Gesellschaft für Konzilienforschung“ ins Leben gerufen, die die Arbeiten der Konzilienforscher unterstützt.

Mit Disziplin und einem hohen Arbeitseinsatz hat Brandmüller so einen breiten Sockel geschaffen, auf dem kommende Forschergenerationen aufbauen können: Die Geschichte der Konzilien ist zugleich die Geschichte der Ausfaltung des Glaubensschatzes der Kirche. Wie die Auseinandersetzung um die rechte Interpretation der Texte des Zweiten Vatikanums zeigt, die Brandmüller immer wieder in kritische Distanz zu der von Giuseppe Alberigo gegründeten „Schule von Bologna“ gebracht hat, entscheidet sich hier das Selbstverständnis von Kirche. Brandmüller ist ein entschiedener Verfechter der zutiefst katholischen Auffassung, dass die eine Kirche Jesu Christi in der „Catholica“ verwirklicht ist. Allen Versuchen, nicht zuletzt innerhalb der ökumenischen Bewegung von heute, die Kirche als einen Blumenstrauß verschiedenster miteinander versöhnter Konfessionen zu verstehen, erteilt der Historiker schon allein mit dem Blick auf die Geschichte eine klare Absage.

Mit Joseph Ratzinger ist ein Theologe auf den Papststuhl gelangt, mit dem Brandmüller schon seit Jahrzehnten freundschaftliche und überaus harmonische Beziehung pflegte. Seine Arbeit als „Chefhistoriker“ des Vatikans hat das nur einfacher gemacht. Zuletzt hat sich Brandmüller große Verdienste darum erworben, das Andenken an den vor gut fünfzig Jahren verstorbenen Papst Pius XII. von den Vorurteilen einer polemisch geführten Debatte zu befreien. Eine Ausstellung, die derzeit noch im Vatikan, demnächst aber auch in Berlin und München zu sehen sein wird, soll den Menschen Eugenio Pacelli, einer der ganz großen Päpste des vergangenen Jahrhunderts, wieder in den Vordergrund stellen. Diesen Aufgaben gibt sich Brandmüller mit der gezügelten Leidenschaft des Wissenschaftlers und mit der Disziplin eines harten Arbeiters hin. Am gestrigen Montag ist er achtzig Jahre alt geworden. Aber an Ruhestand denkt er noch nicht.

[© Die Tagepost vom 3. Januar 2009]