"Mitleid, Bereitschaft zum Teilen, Eucharistie"

Die Worte des Papstes beim Angelus-Gebet

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Redaktion | 523 klicks

Der Heilige Vater Franziskus zeigte sich heute um 12.00 Uhr am Fenster seines Arbeitszimmers im Apostolischen Palast, um gemeinsam mit den auf dem Petersplatz versammelten Gläubigen und Pilgern das Angelus-Gebet zu sprechen.

Zur Einführung in das Mariengebet sprach der Papst die folgenden Worte, die wir hier in einer eigenen Übersetzung dokumentieren.

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[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am heutigen Sonntag berichtet das Evangelium vom Wunder der Speisung der Fünftausend (Mt 14,13-21). Jesus vollbrachte es am See Genezareth, an einem einsamen Ort, an den er sich mit seinen Jüngern zurückgezogen hatte, nachdem er vom Tod Johannes des Täufers erfahren hatte. Doch zahlreiche Menschen folgten ihnen dorthin, und Jesus hatte Mitleid mit ihnen und heilte bis zum Abend ihre Kranken. Als die Jünger sahen, dass es spät geworden war, rieten sie Jesus, die Leute wegzuschicken, damit sie sich in den Ortschaften etwas zu essen kaufen konnten. Doch Jesus antwortete: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mt 14,16). Sie brachten ihm fünf Brote und zwei Fische; er sprach den Lobpreis über sie, brach sie und fing an, sie den Jüngern zu reichen, die sie unter die Leute verteilten. Alle aßen davon, bis sie satt waren, und es blieb sogar noch etwas übrig!

In diesem Ereignis können wir drei Botschaften erkennen. Die erste ist das Mitleid. Angesichts der Menschen, die ihm nachlaufen und ihm sozusagen „keine Ruhe lassen“, reagiert Jesus nicht etwa gereizt; er sagt nicht: „Diese Leute stören mich“. Im Gegenteil! Er reagiert mit Mitgefühl, denn er weiß, dass sie ihn nicht aus Neugier aufsuchen, sondern weil sie seine Hilfe brauchen. Doch Vorsicht: Dieses Mitleid, das Jesus empfindet, ist nicht einfach nur ein Gefühl des Bedauerns; es ist viel mehr! Es bedeutet mit-leiden, das heißt, sich in das Leid eines anderen hineinzuversetzen, es auf sich zu nehmen. So ist Jesus: Er leidet mit uns, und er leidet für uns. Ein Zeichen dieses Mitleids sind die zahlreichen Heilungen, die er wirkt. Jesus lehrt uns, die Bedürfnisse der Armen vor unsere eigenen zu stellen. Unsere Bedürfnisse, so gerechtfertigt sie auch sein mögen, werden nie so dringend sein wie die der Armen, denen das Nötigste zum Leben fehlt. Wir reden viel von den Armen. Doch wenn wir über sie sprechen, fühlen wir dann auch, dass jener Mann, jene Frau, jene Kinder nicht einmal das Nötigste zum Leben haben? Dass ihnen Nahrung fehlt, dass ihnen Kleider fehlen, dass sie keinen Zugang zu Medikamenten haben? Und auch, dass ihre Kinder nicht die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen? Deshalb werden unsere Bedürfnisse, auch wenn sie gerechtfertigt sind, niemals die Dringlichkeit erlangen, die die Bedürfnisse der Armen besitzen, denen das Nötigste zum Leben fehlt.

Die zweite Botschaft heißt: Teilen. Die erste ist das Mitleid – das, was Jesus empfindet – die zweite das Teilen. Es ist nützlich, wenn wir die Reaktion der Jünger angesichts der müden und hungrigen Menschenmenge mit der Reaktion Jesu vergleichen. Sie sind verschieden. Die Jünger meinen, es sei besser, die Leute wegzuschicken, damit sie sich etwas zu essen kaufen können. Jesus hingegen sagt: Gebt ihr selbst ihnen zu essen! Zwei unterschiedliche Reaktionen, die zwei gegensätzliche Denkweisen widerspiegeln: Die Jünger denken mit der Logik der Welt, wonach jeder für sich selbst sorgen muss; es ist, als ob sie gesagt hätten: „Kümmert euch gefälligst selbst um eure Bedürfnisse!“. Jesus hingegen denkt mit der Logik Gottes, die die Logik des Teilens ist. Wie oft wenden wir uns ab, um unsere bedürftigen Brüder und Schwestern nicht zu sehen! Und dieses sich Abwenden ist eine wohlerzogene Art, um zu sagen: „Kümmert euch selbst um eure Bedürfnisse!“. Und das kommt nicht von Jesus: Das ist Egoismus. Hätte Jesus die Menschen weggeschickt, wären viele ohne ein Mahl ausgegangen. Stattdessen haben jene wenigen Brote und Fische, von Gott gesegnet und geteilt, für alle gereicht. Und Vorsicht: Das ist keine Zauberei, es ist ein „Zeichen“: ein Zeichen, dass wir in Gott Vertrauen haben müssen, der als Vater für uns sorgt und uns „unser tägliches Brot“ nicht fehlen lassen wird, wenn wir es mit unseren Brüdern zu teilen wissen.

Mitleid und Teilen. Jetzt die dritte Botschaft: Das Wunder der Brotvermehrung kündigt die Eucharistie an. Das erkennen wir an der Geste Jesu, der „den Lobpreis sprach“ (Mt 14,19), bevor er die Brote brach und sie unter die Menge verteilte. Es ist dieselbe Geste, die Jesus beim letzten Abendmahl vollbrachte, als er das ewige Gedächtnis seines Erlösung bringenden Opfers einsetzte. Mit der Eucharistie schenkt Jesus uns nicht irgendein Brot, sondern „das“ Brot des ewigen Lebens; er schenkt sich selbst, indem er sich aus Liebe zu uns dem Vater darbietet. Doch wir müssen uns der Eucharistie mit jenen Gefühlen Jesu annähern, nämlich dem Mitleid und dem Willen zum Teilen. Wer sich der Eucharistie nähert, ohne Mitleid mit den Notleidenden zu empfinden und ohne teilen zu wollen, der liegt nicht auf der Linie Jesu.

Mitleid, Bereitschaft zum Teilen, Eucharistie. Das ist der Weg, den Jesus uns in dieser Seite des Evangeliums weist. Ein Weg, der uns lehrt, die Bedürfnisse dieser Welt mit Brüderlichkeit zu betrachten, der uns jedoch zugleich über diese Welt hinausführt, weil er von Gott dem Vater ausgeht und zu ihm zurückführt. Die Jungfrau Maria, Mutter der Göttlichen Vorsehung, möge uns auf diesem Weg begleiten.

[Nach dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich grüße euch alle, Gläubige der Stadt Rom und Pilger, die ihr so mutig unter dem Regen ausgeharrt habt.

Ich begrüße den Staffellauf der Pfarrei „Stella Maris“ aus Lido di Latina, der in Zusammenarbeit mit der vatikanischen Gendarmerie und der Schweizergarde organisiert wurde, und segne die Fackel, die als Zeichen der Verehrung für die Muttergottes den ganzen Monat August hindurch brennen wird.

Ich grüße die Jugendlichen der Pfarrei „Sacro Cuore“ aus Pontedera, Diözese Pisa, die nach Rom gekommen sind, indem sie zu Fuß der Via Francigena gefolgt sind.

Und ich grüße alle heute anwesenden Pfadfinder des Verbands AGESCI, wobei ich die Tausenden von italienischen Pfadfindern segne, die unterwegs sind zum großen landesweiten Treffen in San Rossore.

Denkt immer daran: Mitleid, Bereitschaft zum Teilen, Eucharistie.

Allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten! Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]