Mitschuld an der Abtreibung

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 452 klicks

Solange der Vater lebte, wussten wir vier Brüder, was wir durften und was nicht. Er sprach zu uns: „Lasst die Mädchen in Ruhe. Achtet die Frau wie euch selbst!“ Nach seinem Tod erfasste uns die Welle der „Freiheit“. Die Mutter war der Situation nicht gewachsen.

Meine Fehltritte waren immer öfter und schlimmer. Ich rühmte mich derer als wären sie „Tugenden“ gewesen. Bei vielen vulgären und gemeinen Beziehungen gab es Empfängnisse. Nach meinem verrückten Benehmen am Strand, mit einem Mädchen aus der Tschechei, bekam ich einen Brief von ihr: „... ich bin schwanger“! Sie suchte meine Hilfe. Sehr eilig fuhr ich nach Prag. Ich gab meine Zustimmung und überzeugte sie von der Richtigkeit der Abtreibung, denn wir wollten nicht heiraten. Ihre Tränen, Bitten und Krämpfe kann ich nie vergessen...

Seit der Zeit vergingen Jahre. Eines Sommers unerwartet nährte sich mir in B. ein Paar. Ich erkannte Veronika und lernte ihren Ehemann kennen. Im Augenblick, wo wi rallein blieben, trug sie mir ihren großen Schmerz vor: sie kann nicht mehr schwanger werden, was die Folge der Abtreibung unseres Kindes war. Der Ehemann liebt sie, und sie ihn auch. Sie wünschen sich Kinder, aber sie weiß, dass sie nicht mehr Mutter werden kann.

Ich bin mitschuld in diesem Geflecht des Unglücks: ich überzeugte sie und verlangte von ihr, abzutreiben, ich tötete ein Geschöpf Gottes, machte sie unfähig, Mutter zu werden, ihren beraubte ihren Ehemann, der Möglichkeit, Vater, Eltern zu werden, und ich brachte in ihr Eheleben ein schweres Kreuz hinein. Damals war ich ein junger Mann, und ich betrachtete all diese Probleme im Lichte meines zukünftigen Lebens; was, wenn ich ahnungslos eine Frau mit gleicher Vergangenheit wie Veronika heirate? Ab diesem Augenblick überließ ich mich spontan in die Hand Gottes. Mein geistlicher Vater, der verstorbene Z. M., führte mich zum Glauben durch Gebet und Buße...

Ich lehrne ein Mädchen kennen, das gläubig, anständig und edel erzogen war. Wir empfingen das Sakrament der Ehe. Gott schenkte uns drei liebe Kinder, die wir Gott zur Freude großziehen. In unserer Familie wird gebetet, wir tun Buße, wir feiern den Tag des Herrn, lesen Bibel und christliche Presse.

B. I., Arzt

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Deine Beichte ist erschütternd, und noch erschütternder, wenn man sie in deinem, drei Seiten langen, dicht mit Schreibmaschine geschriebenen Brief, in Ganzheit liest, die ich, aus Platzmangel, gezwungen war, zu verkürzen. Ich nehme daraus nur das Wesentliche.

Deine christliche Erziehung beginnt eigentlich mit der Begegnung mit dem geistlichen Vater Z. M. Gewiss, der Vater machte auf gewisse menschliche Werte aufmerksam. Solange er euch vor den Augen hatte, wirkte sich das auf euch äußerlich aus. Leider, waren allgemeine menschliche Werte von einer „humanen äußeren Ethik“, mit wenig persönlicher Überzeugung, nicht in der Lage, nach dem Vaters Tod, euch in Zucht zu halten, und noch weniger, euch zu einem spirituellen Wachsen und Reifen zu führen.

Stolz sein wegen jugendlicher „Leistungen“ mit den Mädchen ist, leider, eine allgemeine Erscheinung in dieser laizistischen und säkularisierten Gesellschaft. Die Welt und das Leben werden nur in einer Dimension gesehen. „Werte“ bedeuten augenblickliches Vergnügen, Befriedigung, Genuss. Weiter wird nicht gedacht. Auch viele christliche junge Männer und Mädchen sind nicht wesentlich besser.

Später hast du eingesehen und richtig begriffen, dass das keine echte Freude bedeutet, noch weniger Glück, und ganz richtig bezeichnest du das alles als „vulgäre und gemeine Beziehungen“ und „Dummheiten“. Unter dem Einfluss der Gnade Gottes, hat dein Gewissen zu dir gesprochen und du fragst dich über mögliche „Empfängnisse“ und über die schwere Mitschuld im „Geflecht des Unglücks“, als Folgeerscheinung der Abtreibung des eigenen Kindes, die du hartnäckig von Veronika verlangt hattest. Dein Bekennen ist richtig: „ich gab meine Zustimmung und überzeugte sie von der Abtreibung“. Du hast ein „Geschöpf Gottes getötet“, dein eigenes Kind, das sein eigenes Leben hatte. Du verlangtest seinen Tod in seinem eigenen Blut, obwohl es völlig unschuldig war. Du machtest Veronika „unfähig, Mutter zu werden“ für ihr ganzes Leben lang. Damit „beraubtest du ihren Ehemann der Möglichkeit, Vater, Eltern zu werden“. Und er, betrogen im Unwissen, erwartet mit Recht ein Kind von Veronika, die er liebt. Wenn er es wüsste? Aber, er weiß es nicht... Du hast schließlich, „ein schweres Kreuz in ihr Eheleben hineingebracht“: sollte der Ehemann eines Tages die Wahrheit erfahren, wie wird ihre Beziehung enden?

Aber, das ist nicht alles. Wir nehmen an, dass Veronika Katholikin ist, dass sie kirchlich getraut sind, und ihr Ehemann hat keine Ahnung von ihrer definitiven Sterilität, d.h. von der Unfähigkeit, jemals Mutter werden zu können, weil sie, sagst du, „mit dieser Abtreibung eures Kindes der Arzt fertig gemacht hat“. Sie hat sich also in die Ehe eingelassen, ohne über sich Wahrheit zu sagen. Er, im Gegenteil, wollte eine gesunde Frau heiraten, mit der er Kinder haben wollte. Und in Wirklichkeit, sie ist unfähig, Kinder zu kriegen, ohne davon zu ihrem Ehemann ein Wort gesagt zu haben. Er hat sich in der Person geirrt, denn das ist nicht die Veronika, die er sieht und liebt, das ist eine andere Person, die unter Betrug in die Ehe eingegangen ist. Deshalb ist nach dem Kirchenrecht ihre Ehe ungültig, und sie leben in dauerhafter „objektiven Sünde“, weil sie nicht Mann und Frau sind.

Durch die Verheimlichung ihres wahren Zustandes hat Veronika gegen zwei Kanons gefehlt.

Gegen Can. 1097 - § 1., der sagt: „Ein Irrtum in der Person macht die Eheschließung ungültig“. Und gegen Can. 1098 - „Ungültig schließt eine Ehe, wer sie eingeht infolge einer zur Erlangung des Konsenses gegen ihn angewandten arglistigen Täuschung über eine Eigenschaft des anderen Partners, die ihrer Natur nach die Gemeinschaft des ehelichen Lebens schwer stören kann“. Im Fall von Veronika, ihre Verheimlichung über ihre Unfähigkeit zu gebären, macht die Ehe ungültig. Der Grund dafür ist der, weil der Ehevertrag eine normale Fähigkeit, Kinder zu gebären, voraussetzt, nicht nur nach dem Kirchenrecht, sondern bereits nach dem Naturrecht. Also, Heiratseinwilligung im Falle von Veronika ist nicht gültig: es fehlt das Objekt der Einwilligung. Sie hat ihren wahren Zustand verschwiegen und damit den Ehemann betrogen. Von der anderen Seite, fragen wir uns: was ist das für eine Liebe, was für Ehrlichkeit, was für Freundschaft zwischen den Ehepartnern?; betrügerisch das Objekt der Heiratseinwil- ligung zu verschweigen und so ein Leben lang leben. Was ist das für ein Gewissen und was für Belastung des Gewissens?

Und deine jugendliche „Dummheiten“, die du jetzt mit Recht verurteilst, führen dir von Neuem vor die Augen das „schreckliche Verbrechen der Abtreibung“, wie es das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnet (GS 51) und Johannes Paul II. in der Enzyklika Evangelium vitae (EV 58). „Die vorsätzliche Abtreibung ist, wie auch immer sie vorgenommen werden mag, die beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Geschöpfes in dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner Existenz“. Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das „absolut unschuldigste Wesen, das man sich vorstellen kann“  (EV 58). Es wird immer nur die Mutter beschuldigt. Mit Recht betonst du die gleiche Mitschuld des Ehemannes. In bestimmten Fällen kann seine Schuld sogar größer sein als die der Mutter, wie deine Schuld größer ist als die der Veronika.

In diesem Sinne sagt der gleiche Papst: „Den Tod des noch ungeborenen Kindes beschließen außer der Mutter häufig andere Personen. Schuldig sein kann vor allem der Vater des Kindes, nicht nur, wenn er die Frau ausdrücklich zur Abtreibung drängt, sondern auch, wenn er ihre Entscheidung dadurch indirekt begünstigt, dass er sie mit den Problemen der Schwangerschaft allein lässt“ (EV 59). Große Verantwortung tragen auch die Ärzte und das Pflegepersonal, auch die Gesetzgeber werden in die Verantwortung miteinbezogen, die Abtreibungsgesetze fördern und beschließen, ein ganzes Netz von Mitverantwortlichen in diesen erschreckenden Geflechten der Sünde.

Für dieses Verbrechen trifft die Strafe der Exkommunikation aus der Kirche automatisch alle an der Abtreibung mitbeteiligt sind, d.h. „Die Exkommunikation trifft alle, die diese Straftat in Kenntnis der Strafe begehen, somit auch jene Mittäter, ohne deren Handeln sie nicht begangen worden wäre“. (Dieses „ohne deren Handeln“ umfasst auch diejenigen, die die Instrumente in der Klinik sterilisieren)... „In der Kirche hat die Strafe der Exkommunikation den Zweck, die Schwere einer bestimmten Sünde voll bewusst zu machen und somit eine entsprechende Umkehr und Reue zu begünstigen“ (EV 62). Deshalb sagt Johannes Paul II., in Zustimmung aller Bischöfe der Welt, folgendes: „Ich erkläre, dass die direkte, das heißt als Ziel oder Mittel gewollte Abtreibung immer ein schweres sittliches Vergehen darstellt, nämlich die vorsätzliche Tötung eines unschuldigen Menschen. Diese Lehre ist auf dem Naturrecht und auf dem geschriebenen Wort Gottes begründet, von der Tradition der Kirche überliefert und vom ordentlichen und allgemeinen Lehramt der Kirche gelehrt“ (EV 62).

Neulich, bei einer internationalen Versammlung, hatte ich die Gelegenheit den neuesten amerikanischen Film über die Abtreibung zu sehen. Alles wurde live aufgenommen. Eine Darstellungen der Kinder, die im Mutterleib sich vor der Zange verkrampfen und machtlos, aber umsonst, kämpfen zum Überleben; eines von ihnen hatte die Händchen gefaltet als wollte es beten; das blutige Massaker, Zerstückeln der Organe und des Kopfes des Kindes - das war so schlimm, dass ich nicht mehr zuschauen konnte. Und das wollen der Vater und die Mutter des Kindes, das machen die Ärzte... Mit welchem Gewissen?! Ich gebe zu, mir sind die Tränen von selbst geflossen. Ich darf nicht daran denken. Ich frage mich: kann das ohne den Teufel passieren? Was für eine „Kultur des Todes“! Zu welchem Zweck nützt heutzutage der Mensch die Fähigkeit der Fortpflanzung? Genuss auf die Kosten von Millionen unschuldiger Leben. Wir sind sehr tief gefallen. Gott kann solchen Menschen, solchen Familien, Völkern nicht seinen Segen geben... Selig derjenige, der das rechtzeitig begreift, es bereut und in der Bekehrung beginnt, diese Werte im Lichte der ewigen Bestimmung und der Rechenschaft Gott, dem Herrn des Lebens, gegenüber zu betrachten.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins:. Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 269-272)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.