Mittsommernachts-Tango

Dieser Dokumentarfilm der deutschen Regisseurin Viviane Blumenschein ist mehr als eine Suche nach dem Ursprung des Tangos. Es ist eine kulturelle Begegnung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Völkern: Argentinier und Finnen

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 347 klicks

In mehreren Spielfilmen des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki spielt Tango-Musik eine Rolle. Mehrfach hat er darauf hingewiesen, dass entgegen der weit verbreiteten Meinung, die den Tango als ureigenen Ausdruck argentinischer Kultur ansieht, diese Musik ihren Ursprung in Finnland habe. In Viviane Blumenscheins Dokumentarfilm „Mittsommernachts-Tango“ erläutert es Kaurismäki selbst ausführlicher: Der Tango sei an der Ostküste Finnlands um 1850 entstanden. Finnische Hirten sangen dort Tango-Lieder, um die Wölfe von ihrem Vieh fernzuhalten und weil die Einsamkeit sie quälte. Von hier sei der Tango an die Westküste gelangt, wo Seeleute ihn über Uruguay nach Argentinien gebracht hätten. Regisseurin Blumenschein konfrontiert Passanten in Buenos Aires mit dieser Behauptung. Deren Reaktion reicht von ungläubigem Staunen über Belustigung bis hin zur Entrüstung über etwas, was sie als Angriff auf den nationalen Stolz ansehen.

In Buenos Aires findet die Regisseurin die drei Protagonisten für ihren Film: Walter „Chino“ Laborde ist Sänger in einer Tango-Band. Er kam als Laie zum Tango und hat nie Musik studiert, weswegen er als Sänger ganz seinem musikalischen Instinkt folgt. Diego „Dipi“ Kvitko ist der jüngste und zugleich temperamentvollste der drei. Dipi spielt Gitarre seit seinem 15. Lebensjahr. Nichts auf der Welt könnte ihn glücklicher machen. Die Musik, die er heute mag, musste er erst selbst für sich entdecken, denn er kommt nicht aus einer Musikerfamilie. Dipis Anspruch an Tango und Musik im Allgemeinen ist enorm, daher findet er die Vorstellung unerhört, der Tango solle nicht aus seiner geliebten Tango-Stadt kommen. Pablo Greco stammt aus einer Familie von Bandoneon-Spielern, die bis heute gemeinsam auftritt. Die Liebe zu seinem Instrument begleitet ihn daher schon sein Leben lang, er schätzt seine Besonderheiten, so viele Stimmen auf einmal spielen zu können. Im Gegensatz zu Dipi kann Pablo sich gut vorstellen, dass der Tango nicht ursprünglich aus Buenos Aires kommt, aber dort ist er seiner Meinung nach erst zu seiner voller Blüte gekommen.

Mit den drei Tango-Musikern aus Buenos Aires reist der Zuschauer nach Finnland auf der Suche nach den Wurzeln des Tangos. Kein leichtes Unterfangen: Bleibt in Argentinien diese Musik als Bestandteil der eigenen Kultur bis heute lebendig, so ist der Tango in Finnland eher einer älteren Generation zuzuordnen und hatte seine Blüte in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts, so dass nur die ältere Generation die wichtigen finnischen Tangomusiker kennt. Das erfahren „Chino“, „Dipi“ und Pablo, als sie etwa eine Tango-Tanzveranstaltung irgendwo in der finnischen Pampa erleben. Sie besuchen den Schriftsteller, Filmemacher und Entertainer M. A. Numminen, der wie kein zweiter die finnische Tango-Szene kennt und eine eigentümliche Erklärung für den finnischen Ursprung des Tangos liefert: „Wir Finnen haben vor der Erfindung des Mobiltelefons so wenig gesprochen, dass die Entstehung des Tangos eine absolute Notwendigkeit war.“ Der gutmütige Kari Lindqvist wird von den argentinischen Besuchern für seine sanfte Art, Akkordeon zu spielen, bewundert. Orchesterdirigent Riku Niemi erklärt den Argentiniern, eine neue Musikform entstehe dann, wenn verschiedene Stile und Menschen zusammenkommen. Die Gesanglehrerin Sanna Pietäinen, die mit Mann und Kindern die südamerikanischen Musiker empfängt, gibt „Chino“ Laborde spontan einen ersten Gesangsunterricht in finnischem Tango. Den Höhepunkt ihrer Reise haben sich „Chino“, „Dipi“ und Pablo freilich für den Schluss aufgespart: Reijo Taipale wurde mit einer Version des berühmtesten finnischen Tangos Satumaa 1962 ein Tango-Superstar. Bei ihm finden die Argentinier die größten Gemeinsamkeiten mit ihrer eigenen Musik.

In diesem „Roadmovie“ der besonderen Art trifft auch die Enge der südamerikanischen Metropole auf die schier unendliche Weite der finnischen Landschaft. Eine ganz besondere Stimmung erleben die argentinischen Musiker etwa im finnischen Mittsommer, wenn die Sonne kaum für ein paar Stunden hinterm Horizont verschwindet. „Mittsommernachts-Tango“ ist nicht nur eine Suche nach dem Ursprung des Tangos oder ein Vergleich zwischen dem argentinischen und dem finnischen Tango. Dazu führt Regisseurin Viviane Blumenschein aus: „Argentinischer und finnischer Tango sind sehr unterschiedlich. Ich bevorzuge keinen der beiden, denn sie sind auf ihre Art einmalig. Mir ging es im Film immer um die Begegnung zweier Kulturen, die auf einer abenteuerlichen Reise ins Ungewisse aufeinandertreffen. Im Film lernt man die grundsätzlichen Unterschiede der beiden Tangos kennen und der Zuschauer kann sich sein Urteil dann selbst bilden.“

Darüber hinaus nimmt sich Blumenscheins Dokumentarfilm als eine kulturelle Begegnung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Völkern aus. Über die sprachlichen Barrieren hinweg kommen sich liebenswürdige Menschen näher, weil sie eine universelle Sprache eint: die Liebe zur Musik. Ob die Reise der drei argentinischen Musiker durch Tango-Finnland auf Aki Kaurismäkis These vom finnischen Ursprung des Tangos endgültiges Licht geworfen hat, stellt sich als nicht so wichtig heraus.  

Filmische Qualität: Vier Sterne
Regie: Viviane Blumenschein
Darsteller: (Mitwirkende): Walter „Chino“ Laborde, Diego „Dipi“ Kvitko, Pablo Greco, Sanna Pietäinen, M. A. Numminen, Riku Niemi, Kari Lindqvist, Reijo Taipale
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 82 Minuten
Genre: Dokumentation
Publikum: ab 6 Jahren
Einschränkungen: -- 

im Kino: 3/2014 

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.