Mittwochsaudienz: Johannes Paul II. über die Kraft des Gebets

Katechese über den Psalm 116

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ROM, 26. Januar 2005 (ZENIT.org).- Auf der heutigen Generalaudienz hat Johannes Paul II. Psalm 116 (114), "Dank für die Rettung in Todesnot", kommentiert. Er wird am Freitag der zweiten Woche des 4 Wochenzyklen umfassenden Breviergebets in der Vesper gebetet.



Im Anschluss an die Katechese und die Verlesung einer Zusammenfassung in verschiedensten Sprachen betete der Heilige Vater mit den Gläubigen aus aller Welt das Vaterunser und erteilte ihnen, zusammen mit den anwesenden Bischöfen, den apostolischen Segen.

* * *



Ich liebe den Herrn;
denn er hat mein lautes Flehen gehört
und sein Ohr mir zugeneigt an dem Tag,
als ich zu ihm rief.

Mich umfingen die Fesseln des Todes,
mich befielen die Ängste der Unterwelt,
mich trafen Bedrängnis und Kummer.
Da rief ich den Namen des Herrn an:
"Ach Herr, rette mein Leben!"

Der Herr ist gnädig und gerecht,
unser Gott ist barmherzig.
Der Herr behütet die schlichten Herzen;
ich war in Not und er brachte mir Hilfe.

Komm wieder zur Ruhe, mein Herz!
Denn der Herr hat dir Gutes getan.
Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen,
meine Tränen (getrocknet), meinen Fuß (bewahrt vor) dem Gleiten.

So gehe ich meinen Weg vor dem Herrn
im Land der Lebenden.



1. Im eben proklamierten Psalm 116 drückt der Psalmist dankbar seine Liebe zum Herrn aus, nachdem dieser sein inständiges Bitten erhört hat: "Ich liebe den Herrn; denn er hat mein lautes Flehen gehört und sein Ohr mir zugeneigt an dem Tag, als ich zu ihm rief" (Verse 1-2). Sofort nach dieser Liebeserklärung wird in lebendigen Farben der tödliche Alptraum beschrieben, der das Leben des Betenden gepackt hat (vgl. Verse 3-6).

Das Drama wird mit den in den Psalmen üblicherweise verwendeten Symbolen dargestellt: Die Fesseln, die die Existenz umfangen, sind die des Todes, die Schlingen, die sie quälen, stehen für die Spirale der Hölle, die die Lebenden in ihr Inneres ziehen will, ohne jemals satt zu werden (vgl. Spr 30,15-16).

2. Es ist das Bild einer Beute, die in die Falle eines unerbittlichen Jägers gegangen ist. Der Tod ist wie ein Biss, der zubeißt (vgl. Ps 116,3). Zusammen mit einer schmerzhaften psychischen Erfahrung trägt der Betende das Risiko des Todes auf seinen Schultern: "Mich trafen Bedrängnis und Kummer" (Vers 3). Aber inmitten dieses tragischen Abgrunds steigt sein Ruf zum Einzigen empor, der die Hände ausstrecken und den beängstigten Betenden aus diesem unentwirrbaren Durcheinander entreißen kann: "Ach Herr, rette mein Leben!" (Vers 4).

Das ist ein kurzes aber starkes Gebet des Menschen, der in ausweglosen Situationen zur einzig möglichen Rettung Zuflucht nimmt. Auf dieselbe Weise riefen im Evangelium die Jünger im Sturm (vgl. Mt 8,25), so schrie Petrus zum Herrn, als er beim Gang über das Wasser unterzugehen begann (vgl. Mt 14,30).

3. Als er gerettet ist, verkündet der Betende, dass der Herr "gnädig und gerecht", ja sogar "barmherzig" ist (Ps 116,5). Dieses letzte Adjektiv verweist im hebräischen Original auf die Zärtlichkeit einer Mutter, wie diese sie "im Innersten" erfährt.

Das wahre Vertrauen erkennt Gott immer als Liebe, auch wenn es in manchen Augenblicken schwierig ist, den Sinn seines Handelns zu erkennen. Stets wird klar: "Der Herr behütet die schlichten Herzen" (Vers 6). Deshalb kann man in der Misere und der Verlassenheit immer mit ihm, dem "Vater der Waisen, ein Anwalt der Witwen" (Ps 68,6), rechnen.

4. Nun beginnt der Psalmist, einen Dialog mit seiner Seele zu führen, der im folgenden Psalm 117 (115) fortgesetzt wird und den man als Bestandteil des Psalms betrachten sollte, den wir jetzt betrachten. Das hat die jüdische Tradition gemacht, aus der gemäß der hebräischen Nummerierung des Psalteriums der einzige Psalm 116 entstanden ist. Der Psalmist lädt seine Seele dazu ein, nach dem tödlichen Alptraum wieder zur Ruhe zu kommen (vgl. Ps 114,7).

Der Herr, der voller Glaube angerufen wurde, hat seine Hand ausgestreckt, hat die Netze, die den Betenden umgaben, zerstört, hat die Tränen von seinen Augen getrocknet und die überstürzte Talfahrt in den Abgrund angehalten (vgl. Vers 8). Der Wandel ist eindeutig, und der Psalm endet mit einer lichtreichen Szene: Der Betende kehrt in das "Land der Lebenden" zurück, das heißt, auf die Pfade der Welt, um seinen Weg "vor dem Herrn" zu gehen. Er vereint sich mit dem gemeinschaftlichen Gebet im Tempel, die Vorwegnahme jener Gemeinschaft mit Gott, die ihm an seinem Lebensende erwarten wird (vgl. Vers 9).

5. Zum Schluss wollen wir die wichtigsten Passagen des Psalms aufgreifen und uns dabei von dem großartigen christlichen Schriftsteller Origines aus dem dritten Jahrhundert leiten lassen, dessen Kommentar zum Psalm 116 (114) uns auf lateinischer Sprache vom heiligen Hieronymus überliefert wurde.

Beim Lesen der Stelle, die besagt, dass der Herr "sein Ohr mir zugeneigt", erklärt er: "Weil wir klein sind und uns nicht aufrichten können, neigt der Herr sein Ohr uns zu und lässt sich herab, uns zuzuhören. Schließlich und endlich, da wir Menschen sind und uns nicht in Götter verwandeln können, ist Gott Mensch geworden und neigte sich, wie geschrieben steht: 'Er neigte den Himmel und fuhr herab' (Ps 18,10)".

Tatsächlich sagt der Psalm ein wenig später: "Der Herr behütet die schlichten Herzen" (Ps 116,6): "Ist einer groß und stolz und erhöht sich, dann behütet ihn der Herr nicht; hält sich einer für groß, dann hat der Herr mit ihm kein Erbarmen; erniedrigt sich einer aber, dann ist der Herr mit ihm barmherzig und behütet ihn – so sehr, dass er sagen kann: 'Seht, ich und die Kinder, die der Herr mir geschenkt hat' (Jes 8,18). Und auch: 'Ich wurde gedemütigt und er hat mich gerettet'."

Auf diese Weise kann jemand, der klein und armselig ist, Frieden und Ruhe wiedererlangen, wie es der Psalm sagt (vgl. Ps 114,7) und Origines selbst kommentiert: "Wenn man sagt: 'Kehre zu deiner Ruhe zurück', ist gemeint, dass es vorher eine Ruhe gab, die verloren gegangen ist (...). Gott hat uns geschaffen und uns zu Schiedsrichtern unserer Entscheidungen gemacht, und er hat uns alle, zusammen mit Adam, in das Paradies gestellt. Aber, weil wir aus freier Entscheidung diese Glückseligkeit verloren haben und in diesem Jammertal gelandet sind, ermutigt der Gerechte seine Seele, dorthin zurückzukehren, wo sie einst gefallen ist (…): 'Komm wieder zur Ruhe, mein Herz! Denn der Herr hat dir Gutes getan'. Wenn du, Seele, ins Paradies zurückkehrst, dann nicht deshalb, weil du würdig bist, sondern weil du ein Werk der Barmherzigkeit Gottes bist. Wenn du das Paradies verlassen hast, dann aus deiner eigenen Schuld; gleichwohl ist die Rückkehr ein Werk der Barmherzigkeit Gottes. Sagen auch wir zu unserer Seele: 'Komm wieder zur Ruhe.' Unsere Ruhe ist Christus, unser Gott" (Origines-Hieronymus, 74 Predigten über das Buch der Psalme -- Omelie sul libro dei Salmi, Mailand 1993, SS. 409.412-413).

[Nach der Katechese wurde folgende Zusammenfassung und Papstgrüße auf Deutsch verlesen:]

Psalm 116 bringt die große Bedeutung des Gebets zum Ausdruck. In Not und Gefahr ruft der gläubige Mensch zum Herrn. Er klammert sich an Gott, sein einziges Heil. Ihm erweist er dankbare Liebe für alle Hilfe, die er erfahren darf.

Wahrer Glaube erkennt Gott als Liebe, auch wenn die tiefsten Gründe der Geschehnisse oftmals schwer zu begreifen sind. Das Gebet ist eine sichere Hilfe, um das liebevolle Antlitz des Herrn neu zu entdecken. Gott verlässt seine Gläubigen nicht. Er bürgt dafür, dass trotz aller Prüfungen und Leiden am Ende das Gute siegen wird.

Von Herzen grüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Gott hört das Rufen der Gläubigen und ist den Seinen nahe. Wendet euch mit Zuversicht an ihn und vertraut auf die Kraft des Gebets! Der Herr zeige euch allezeit seine Güte und Liebe.

[Übersetzung des italienischen Originals durch Zenit]