Modernismus und Rosenkranz: Impuls zum 27. Sonntag im Jahreskreis

Geistloses Geplapper oder friedens- und heilbringende Gebetsmacht?

| 1126 klicks

Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 5. Oktober 2012 (ZENIT.org). - In der Katholischen Theologie gab es und gibt es eine Strömung, den sogenannten Modernismus, der versucht, die wirkliche oder vermeintliche Entfremdung der Kirche von der modernen Welt zu überwinden, was grundsätzlich zu begrüßen ist. Natürlich steht die Lehre Christi in jedem Jahrhundert in gewissem Sinne quer zur Mentalität der Zeit. Insofern ist das Wort des sel. Johannes XXIII. vom „Aggiornamento” immer aktuell. Man muss die Lehre Christi den Menschen unserer Zeit mit den ihnen vertrauten Worten nahe bringen.

Das II. Vatikanische Konzil, das vor nunmehr fünfzig Jahren eröffnet wurde, hat diesen Gedanken aufgegriffen. Viele Menschen haben die „Modernisierung” der Kirche begrüßt. Richtig daran ist, dass die Kirche kein Traditionsverein sein darf. Im engeren theologischen Sinn vertritt allerdings der Modernismus Auffassungen, die dem katholischen Glauben sehr entgegen gesetzt sind. Eine der Thesen dieser theologischen Richtung könnte man so zusammenfassen: „Gott greift nicht in die Geschichte der Menschen ein”. Dem liegt ein gnostischer Gottesbegriff zugrunde, demzufolge Gott so unendlich groß und erhaben über der Welt steht, dass diese mit ihm nichts zu tun hat. Gleichgültig, ob diese Welt von ihm oder von einem anderen, dem Demiurgen, geschaffen wurde, Gott kümmert sich nicht um die Welt der Geschöpfe, zumindest greift er nicht in ihr Leben ein. Alles was wir als Gebetserhörung, Wunder, Heilungen und auch Gottbegeisterung erleben, wäre dann lediglich etwas Subjektives, etwas, das sich nur im Bewusstsein des Menschen abspielt, wäre nicht eine objektive Realität.

In diesem Sinne ist es zu verstehen, dass manch ein Zeitgenosse allenfalls ein nachsichtiges Lächeln aufbringt, wenn fromme Seelen allen Ernstes meinen, dass z.B. in den fünfziger Jahren der politisch unerklärliche Rückzug der Sowjets aus Österreich auf den intensiven „Rosenkranz-Kreuzzug” des Pater Pawlicek zurück zu führen sei. Oder das erstaunliche Scheitern der Machtübernahme durch den kommunistischen Parteiführer Cunhal 1975 in Portugal. Oder gar der Sieg der christlichen Flotte bei der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober des Jahres 1571. Papst Pius V. hatte damals die Christenheit eindringlich zum Rosenkranzgebet aufgefordert.

Die Flotte der „Heiligen Liga” der Christen war an jenem denkwürdigen 7. Oktober 1571, der auch auf einen Sonntag fiel, der osmanischen haushoch unterlegen. Am Abend des gleichen Tages aber war die Schlacht bereits zugunsten der Christen entschieden. Die osmanische Flotte zog sich zurück. Wieder einmal war Europa vor der Überfremdung gerettet. Ein Jahr später hat der Papst für den 7. Oktober das Rosenkranzfest eingesetzt.

Solches Eingreifen Gottes in die Geschichte – wenn es denn ein solches ist: der Mensch ist wie immer frei, das anzunehmen oder nicht – ist sicher jedes Mal eine große Ausnahme. Im Großen und Ganzen läuft die Geschichte der Menschen nach rein diesseitigen Gesetzen ab und ist meistens dem Anschein nach sinnlos und verworren. Nach dem glänzenden Sieg der Christen ging es leider so weiter wie immer: Menschliches allzu Menschliches trat in der Vordergrund. Philipp II., die Venezianer und die anderen beteiligten Mächte folgten wieder ihren egoistischen Zielen, und das Ereignis blieb ein kurzes Aufblitzen der göttlichen Wirklichkeit in der diesseitigen Welt.

Merkwürdig, dass bei solchen Ereignissen, von denen sich wahrscheinlich noch etliche andere aufzählen ließen, der Rosenkranz so eine besondere Rolle spielt. Gleichgültig, ob man nun annimmt, dass das Gebet die äußeren Ereignisse beeinflusst oder ob das nur “Einbildung” der Frommen ist: warum dann ausgerechnet der Rosenkranz, der zwar auch heute von zahlreichen Menschen in aller Welt gebetet wird, der aber bei vielen, auch bei Christen nicht durchweg in großem Ansehen steht. „Immer diese Wiederholungen!” „Geistloses Geplapper”, „Kindisch!” oder was der Kritiken mehr sind.

Im Evangelium des heutigen 27. Sonntags im Jahreskreis gibt uns der Herr einen Hinweis auf das im Umgang mit Gott angesagte Kriterium: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen” (Mk 10,15).  Um es deutlich zu sagen: den Rosenkranz zu schätzen, erfordert ein Mindestmaß an Demut. Wer die aufbringt, wird allerdings reich beschenkt. Wenn man sich die beiden klassischen Gebetsweisen vor Augen führt, nämlich das mündliche Gebet (mit fertigen Worten) und das betrachtende, so stellt man fest, dass der Rosenkranz eine geistreiche Synthese aus beiden Formen darstellt: man spricht immer wieder bestimmte mündliche Gebete – wobei es gar nicht darum geht, jedes Avemaria so auszusprechen, als wäre es das einzige in unserem Leben – und betrachtet gleichzeitig ein Geheimnis unseres Heils. Diese Kombination kann der einzelne noch ergänzen durch Einbringung ganz persönlicher Anliegen.

Betet man den Rosenkranz besser alleine oder in Gemeinschaft? Beides ist richtig. Oft kann man beobachten, dass das gemeinsame Beten des Rosenkranzes eine wunderbare Stimmung des Friedens über die Betenden ausbreitet.

Ich persönlich erinnere mich an das Begräbnis des unvergessenen Kardinals Joseph Höffner in Köln im Oktober 1987. Zu Beginn begaben sich die zahlreich erschienen Priester in Prozession zur Kirche St. Gereon, wo der Leichnam aufgebahrt war, und von wo der Leichenzug dann zum Dom ziehen würde. Auf dem Weg dorthin waren die geistlichen Herren mit den Gedanken noch nicht ganz gesammelt, man ging plaudernd und grüßend nach St. Gereon. Auf dem Rückweg dagegen waren dieselben Personen ins Rosenkranzgebet vertieft, auch die Leute am Straßenrand beteten mit. Und die Atmosphäre war eine völlig andere. So etwas wie ein Glanz lag über der Stadt.

Einbildung? Subjektives Empfinden?

Sicherlich gibt es das auch, dass man die Nähe und die Hilfe Gottes empfindet, weil man sie sich vorstellt. Aber jeder wird auch bestätigen können, dass er manches Mal ein konkretes Eingreifen Gottes in sein persönliches Leben erfahren hat, das nicht auf sein Wunschdenken zurückging. Warum soll es das nicht auch im Leben der Völker geben?  

Bitten wir unsere liebe Frau vom Rosenkranz für alle diejenigen, denen der einfache kindliche Glaube schwer fällt.

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“. Im katholischen Fernsehsender EWTN ist er montags um 17.30 Uhr mit der wöchentlichen Sendereihe „Schöpfung und Erlösung”, die beiden großen Werke Gottes und die Mitwirkung des Menschen, zu sehen.