Möge der Besuch des Papstes die langsame aber schöne Region Molise erwecken

Interview mit Msgr. Giancarlo Bregantini, Erzbischof von Campobasso-Bojano, anlässlich des bevorstehenden Besuchs des Papstes

Rom, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 405 klicks

Im Rahmen der Vorbereitungen auf die Pastoralreise von Papst Franziskus, die ihn am morgigen 5. Juli in die Molise führen wird, führte ZENIT ein Gespräch  mit Giancarlo Bregantini, dem Erzbischof von Campobasso-Bojano

***

Exzellenz, der am 5. Juli stattfindende Besuch des Papstes von Campobasso-Isernia ist sozusagen der Höhepunkt einer Reihe von Veranstaltungen, aufgrund derer der Kirche der Region  Molise in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit zufließt…

Msgr. Bregantini: Das ist richtig. All dies ist auf das Geschenk zurückzuführen, dass Campobasso im Rahmen des Marschs für den Frieden zu Beginn des Jahres zur „Stadt des Friedens“ erklärt wurde. Anschließend wurde ich vom Heiligen Vater zum Autor der Kreuzwegmeditationen für den Karfreitag  erwählt. Diesem Siegel folgten verschiedene Bildungsinitiativen. Schließlich wurde mit der Papstvisite Ende März ein Großereignis angekündigt…

Wie erleben Sie Ihre Stadt in diesen letzten Tagen des Wartens?

Msgr. Bregantini: Mit wachsender Begeisterung. Zunächst empfand ich nur Erstaunen, aus dem dann Bewusstsein wurde und in den letzte Wochen erfüllte mich eine unbeschreibliche Freude… Hier spricht man von nichts anderem mehr. Es herrscht eine leidenschaftliche Unruhe, ein ständiges Grüßen und Fragen. Die Bürger können noch nicht ganz glauben, dass der seit jeher verlassene Sportplatz nun ordnungsgemäß aufgebaut, ansprechend und aufgeräumt ist und gut riecht, und sind fasziniert von diesem Altar in Form einer Hütte zum Gedenken an das Vorbeiziehen der Hirten im Laufe des Jahrtausends mit ihren „tratturi“ und an die Transhumanz… Eine wirklich enorme Freude ist spürbar.

Welchen Realitäten wird der Papst in der Molise begegnen?

Msgr. Bregantini: Einer Realität der Peripherie an der Schnittstelle zwischen Süden und Norden Italiens. Vom Süden existiert die Frömmigkeit des Volkes, das Problem der Arbeitslosigkeit, eine gewisse „Grauzone“ – nicht die Mafia, sondern ein „grauer“ Bereich – die das Bewusstsein etwas verlangsamt und trübt. Vom Süden wurden jedoch ebenso die Herzlichkeit, die Schönheit der Begegnung und die Freude am Zusammensein übernommen… Zugleich handelt es sich um eine dem Norden zugewandte Region: Beispielsweise verzeichnet die Molise italienweit die geringsten Verschmutzungs- und Kriminalitätsraten. Die Region verfügt somit über erhebliches Potenzial.

Das Motto des am Samstag stattfindenden Besuchs lautet: „Gott wird nicht müde, uns Vergebung zu schenken”. Was muss der Molise vergeben werden?

Msgr. Bregantini: Eine gewisse Langsamkeit, der Umstand, dass sie sich nicht immer aussetzt und dazu fähig ist, Stellung zu beziehen und ihren eigenen geschichtlichen, sozialen und kulturellen Reichtum aufzuwerten oder dessen Aufwertung zu koordinieren. Das soll kein Gejammer sein, sondern ein Gebet zum Herrn darum, dass die uns zuteilgewordene Gnade, d.h. die Wahl des Papstes, unsere Region zu besuchen, die Einladung darstelle, diese latente Identität zum Vorschein zu bringen und die Werte in vollem Umfang zu nutzen. Sehr gerne greife ich dafür auf ein Bild zurück: Die Molise ist gleichsam eine Gesamtheit wunderschöner bunter Perlen. Man muss jedoch den sie zusammenhaltenden Faden stärken, damit er sie zur Geltung bringen kann. Auch wenn der Faden nicht sichtbar ist, erfüllt er eine wesentliche Funktion. Daher kommt der Papst, um uns diesen „Faden“ zu bringen: mehr Identität, mehr Einheit, mehr Kraft.

Welche der geplanten Begegnungen wird am meisten erwartet?

Msgr. Bregantini: Alle sieben Begegnungen stehen in enger Verbindung miteinander; in der folgenden Auflistung erscheinen sie als kleine Enzyklika: Arbeit, die Stadt, die Kranken, die Armen der neuen Einrichtung der Caritas, junge Menschen, Häftlinge, Gruß an die Region. Jede Etappe stelle ein Stück dieser Enzyklika dar. Die am meisten erwartete ist vielleicht die Begegnung mit der Arbeitswelt. Sicherlich ist sie am anspruchsvollsten. Zu diesem Anlass haben wir auch Sergio Marchionne (CEO der Fiat, Anm.d.A.) eingeladen, der aufgrund von Verpflichtungen im Ausland jedoch nicht teilnehmen kann. Allerdings hat er die von uns versandte herzliche Einladung sehr geschätzt. Die Fiat verfügt in Termoli über eine Anlage, die 3000 Arbeiter beschäftigt. Seine Anwesenheit wäre daher eine Quelle der Ermutigung für die in diesem Bereich Tätigen. Auf jeden Fall besteht die Arbeitswelt der Molise nicht ausschließlich aus der Fiat: Ebenso sind dort mehrere Industrien angesiedelt, die sich aufgrund der Krise in einer schwierigen Phase befinden. Andere haben mit Führungsproblemen zu kämpfen und kleineren Betrieben gelingt die Schaffung von Arbeitsplätzen nicht oder sie sind ausgelagert oder können den finanziellen Herausforderungen nicht standhalten. Die Industrie der Molise durchlebt einen sehr kritischen Moment.     

Die Visite vom vergangenen 21. Juni einer anderen Realität der Peripherie, Cassano all’Jonio, wird vor allem aufgrund der scharfen Kritik des Papstes an der Mafia erinnert. Gegen welches Übel muss der Papst hingegen in der Molise Abhilfe schaffen?

Msgr. Bregantini: Das Thema Arbeitslosigkeit, die prekäre Lage der jungen Menschen, wird am Samstag bestimmt als Prüfstand fungieren. Im Augenblick handelt es sich dabei um das größte Problem, von dem nicht nur die Molise, sondern die ganze Welt betroffen ist. Das ist jedoch nicht alles: Die Gegenwart des Papstes wird auch positive Momente verstärken und beispielsweise dem ländlichen Bereich Dynamik verleihen durch die Ermahnung zu einer intelligenten Nutzung der Ressourcen, zu einer fairen Preisgestaltung, zur Liebe zum Land. Sehr wichtig ist außerdem das Zusammentreffen in einer Einrichtung wie der Universität Campobasso mit Unternehmern und Arbeitern. Diese Vereinigung zwischen der Arbeitswelt und dem Bildungsbereich halte ich für einen wahrhaft zu verwirklichenden Traum.

In den Jahren des Episkopats in Locri kämpften Sie stets unermüdlich gegen organisierte Kriminalität. Welche Wirkung hatten die Worte des Heiligen Vaters in Zusammenhang mit der Exkommunizierung der Mafiosi auf Sie?

Msgr. Bregantini: Er fand sehr klare und mutige Worte. Als Bischof von Locri verhängte ich selbst im März 2006 eine Exkommunizierung gegen den Urheber der Vergiftung der Pflanzen für das Projekt „Policoro di Pratì“ im Bereich der Locride. Die Exkommunizierung durch einen Bischof ist jedoch eine Sache; eine vom Papst vorgenommene eine ganz andere. Es freut mich, dass der Heilige Vater ein so deutliches Zeichen gesetzt hat. Ich möchte jedoch nicht, dass Kalabrien nur wegen dieser Exkommunizierung in die Geschichte eingeht. Die Ansprache des Papstes war gekennzeichnet durch große Intensität und Tiefe und lässt sich nicht auf nur einen Satz reduzieren… Auch alle Journalisten sind zur Berichterstattung auch über andere Passagen der Predigt aufgefordert.

Exzellenz, welchem abschließenden Wunsch möchten Sie im Hinblick auf das Großereignis Ausdruck verleihen?

Msgr. Bregantini: Ich erhoffe mir ebenso viel Glück, Einheit und Mut in der Zeit nach der Visite wie im Laufe dieser Vorbereitungen. Die Tatsache, dass ich meine Grußworte nicht am Anfang sondern am Ende aussprechen soll ist ein Signal in diese Richtung. Es hilft uns dabei, das Ereignis nicht als ein zum Selbstzweck verkommenes Idol zu betrachten, sondern es zu konkretisieren, proaktiv einzusetzen und fortzuführen; als ob der Papst sagen würde: Sammelt ein, was ich euch gegeben habe. Der Bischof wird dann die Brücke bilden, dank der ihr diese Anweisungen weiterhin befolgen könnt.