Msgr. Dr. Leo-M. Maasburg: „Die Kraft der Liebe bricht durch und berührt alle“

Der Kreuzweg Jesu und das menschliche Leid

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WIEN, 27. Februar 2009 (ZENIT.org).- Die Kraft der Liebe Jesu Christi, die in der Kreuzwegandacht so eindrucksvoll zum Vorschein kommt, „berührt alle, die eine Antwort, Trost oder Sinn in ihren eigenen Leiden dieser Welt suchen".

Msgr. Dr. Leo-M. Maasburg, Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich (missio), weist im vorliegenden ZENIT-Interview über die Bedeutung des Kreuzweges und die 40-tägige Vorbereitungszeit auf Ostern darauf hin, dass sich Jesus nach den Menschen und ihrer Liebe sehne. „Freilich weiß er, dass sein Sehnen immer und immer wieder enttäuscht wird, dass er anstelle des Weines der Liebe allzu oft den Essig des Hasses erntet“. Aber das halte Jesus, der selbst seinen Henkern zu vergeben wusste, nicht zurück.

ZENIT: Seit Jahrhunderten ist es Brauch, dass an jedem Freitag der  Fastenzeit der Kreuzweg gebetet wird. Was ist Ihre persönliche Erfahrung mit diesem besonderen Gebet, das die schmerzhaftesten Stunden des Lebens Jesu neu aufleben lässt?

Msgr. Dr. Leo-M. Maasburg:
Jesus hat in seinem ganzen Leben den Kreuzweg gelebt, nicht erst bei seinem Weg auf Golgotha hinauf. Diese letzten Schritte hinauf zur „Schädelstätte“ haben die Enttäuschungen, Angriffe und Niederlagen in seinem Leben nur sichtbar gemacht.

Die Anziehungskraft und Verehrung des Kreuzweges durch die Jahrhunderte ist mit Sicherheit darin zu suchen, dass Menschen, die ihr Leben geistig überdenken, unweigerlich erleben, dass es im Leben des Herrn erstaunliche Parallelen zu ihrem eigenen Leiden gibt.

ZENIT: Heißt das, dass uns der Kreuzweg etwas über den Sinn des menschlichen Leidens sagen kann?

Msgr. Dr. Leo-M. Maasburg:
Der Sinn des Kreuzweges ist es, die eigenen Leiden in ähnlicher Art zu „bewältigen“ wie Christus selbst. Wenn man sich fragt, wie er seine Qualen denn „bewältigt“ hat, ist die Antwort sehr erstaunlich: Er hat trotz aller Ungerechtigkeit und Folter auch nicht einen Augenblick lang gehasst - weder seine Henker, die Hohen Priester, seine Versager-Apostel, noch die Welt, die ihn nicht angenommen hat.

„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“: Wie aus einem glühenden Vulkan bricht die Kraft der Liebe durch und berührt alle, die eine Antwort, Trost oder Sinn in ihren eigenen Leiden dieser Welt suchen.

ZENIT: Ist die Fastenzeit nicht so etwas wie ein 40-tägiger „Kreuzweg“? Und wenn ja, hieße das dann nicht, dass in dieser Zeit Leiden und Schmerz das Sagen haben sollten? Ist das überhaupt im Sinne Christi?

Msgr. Dr. Leo-M. Maasburg:
Die Fastenzeit verdichtet das Leiden des Herrn zu dem Punkt, dass es sogar für die oftmals blind gewordenen Augen der Herzen sichtbar wird. Die Hoffnung und der sehnlichste Wunsch des Herrn sind aber nicht, dass wir auch leiden, sondern dass wir auch lieben, so wie er geliebt hat. Seine Sehnsucht nach dieser Liebe kommt noch ganz klar und in seiner höchsten Dramatik im letzten Wort Christi zum Ausdruck: „Mich dürstet“ (Joh 19,28).

Nicht nur, dass er den Menschen alle Sünden verzeiht, sondern mehr noch: Er „sehnt sich“, ihn „dürstet“ nach seinen Geschöpfen und ihrer Liebe. Freilich weiß er, dass sein Sehnen immer und immer wieder enttäuscht wird, dass er anstelle des „Weines der Liebe“ allzu oft den „Essig des Hasses“ erntet.

ZENIT: Fasten und Freude - lässt sich das vereinbaren? Wie kann man die Fastenzeit aus echter christlicher Freude heraus leben?

Msgr. Dr. Leo-M. Maasburg:
Das hängt davon ab, welche Freude gemeint ist. Die hedonistische Gesellschaft des Westens kennt ja fast nur noch die Sinnesfreuden. Viele sind schon zufrieden, wenn sie sich „well“-fühlen. Aber der Mensch, der sich einen Sinn für die spirituelle Welt bewahrt, verspürt in einer Freundschaft, in einem liebevollen Familienleben, in einer wohlgeordneten Gesellschaft die wahre und tiefe  Freude, die aus dem Gleichklang dieser Lebensbilder mit ihrem Schöpfer entspringt.

Diese Freude zu erleben ist es immer wert, ohne Zögern Leiden, ja wenn nötig sogar den Tod auf sich zu nehmen – so wie es der Herr uns vorgelebt hat. Das ist eine echte Freude, die bleibt, und es ist Freude „in Fülle“.

Das Interview führte Dominik Hartig