Msgr. Zimowski: Die Kirche war schon immer auf der Seite der Leidenden

Interview mit dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Seelsorge im Krankendienst anlässlich des Welttags der Kranken

Vatikanstadt, (ZENIT.org) José Antonio Varela Vidal | 999 klicks

Am kommenden 11. Februar, dem Fest der Erscheinung Mariens in Lourdes, wird die Kirche den 21. Welttag der Kranken begehen. Er stellt eine Gelegenheit dar, über das Leiden nachzudenken und für die Leidenden, aber auch für Ärzte, Pfleger und Betreuer zu beten. Das Motto, das Papst Benedikt XVI. für den Welttag der Kranken 2013 wählte, ist ein Wort Jesu aus dem Beispiel des barmherzigen Samariters: „Geh und handle genauso!“ (Lk 10,37).

Um dieses Motto, aber auch andere Themen, die mit dem Welttag der Kranken verbunden sind, zu vertiefen und über die Veranstaltungen zum 11. Februar und die körperlichen und geistigen Übel unserer Zeit zu sprechen, führte ZENIT ein Interview mit Erzbischof Zygmunt Zimowski, dem Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Seelsorge im Krankendienst.

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ZENIT: Warum hat die Kirche einen Gedenktag eingeführt, der den Kranken der Welt gewidmet ist?

Msgr. Zimowski: Der Welttag der Kranken entspringt dem Bewusstsein, dass die Kirche, „dem Vorbild Christi folgend, es durch die Jahrhunderte immer schon als ihre Pflicht empfunden hat, als Teil ihrer Mission einen Dienst an den Kranken und Leidenden zu leisten“, wie der selige Johannes Paul II. in seinem Brief vom 13. Mai 1992 schrieb, mit dem er diesen Gedenktag einführte (Dolentium Hominum, 1). Gerade in der selbstlosen Pflege und Unterstützung für die leidenden Menschen „erlebt die Kirche heute einen grundlegenden Teil ihrer Mission“ (Christifideles Laici, 38). Das alles, ohne jemals „den heilbringenden Wert des Angebots der eigenen Leiden“ aus den Augen zu verlieren, „die, wenn sie in Gemeinschaft mit Christus erlebt werden, teilhaben am tiefsten Wesen der Erlösung selbst“ (vgl. Redemptoris Missio, 78).

ZENIT: Und warum hat man dieses Datum gewählt?

Msgr. Zimowski: Auch das geht auf denselben Brief von Papst Johannes Paul II. zurück. Es ist das Datum des liturgischen Gedenktags der Erscheinung Mariens in Lourdes am 11. Februar 1858. Tatsächlich fanden auch die Veranstaltungen zum ersten Welttag der Kranken im Jahr 1993 im Land der heiligen Bernadette Soubirous statt.

ZENIT: Welche Ziele setzt sich diese Veranstaltung?

Msgr. Zimowski: Der Welttag der Kranken soll den Gläubigen als Anregung dienen, kranken Menschen zu helfen und den Wert des Leidens zu erkennen. Er soll auch die Arbeit von Freiwilligen ermutigen und unterstützen. Ein wichtiges Ziel ist es, die geistige und ethische Weiterbildung von Ärzten, Pflegern und Betreuern zu fördern und ein Verständnis dafür zu wecken, wie wichtig religiöse Unterstützung für kranke Menschen ist.

ZENIT: Der Welttag der Kranken soll also nicht nur Kranke ansprechen?

Msgr. Zimowski: Wie unser Heiliger Vater Benedikt XVI. in seiner diesjährigen Botschaft zu dieser Veranstaltung betont hat, ist der Welttag der Kranken allen leidenden Menschen gewidmet, aber auch all denen, die mit den Kranken und für die Kranken arbeiten, sowie allen Christen und überhaupt allen Menschen, die bereit sind, ihren leidenden Brüdern und Schwestern zu helfen. Dieser Tag ist „eine wichtige Gelegenheit zum Gebet, zur Gemeinsamkeit und zum Angebot des Leidens für das Wohl der Kirche; er ist eine Aufforderung, im Gesicht der leidenden Brüder das heilige Antlitz Christi zu erkennen, der durch sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung die Rettung der Menschheit bewirkt hat“, so der Papst.

ZENIT: Eine Frage zur Papstbotschaft: Jedes Jahr richtet der Papst anlässlich des Welttags der Kranken einen Brief an alle, die mit einer Krankheit leben müssen, sowie an die, die mit kranken Menschen zusammenarbeiten. Kann man diese alljährlichen Botschaften schon als eine Tradition betrachten?

Msgr. Zimowski: Ja. Die „Tradition“ der jährlichen Botschaft des Heiligen Vaters zum Welttag der Kranken geht auf den seligen Johannes Paul II. zurück, der von Anfang an dieser Veranstaltung eine besondere Bedeutung und Kontinuität verleihen wollte. Jede Botschaft ist Licht und Inspirationsquelle für die Kranken, die die wahren „Hauptakteure“ dieses Tages sind, aber auch für alle Menschen, die sie Pflegen und sich um sie kümmern, angefangen von den Seelsorgern, den freiwilligen Pflegern und den Familienangehörigen.

ZENIT: In diesem Jahr wird diese Veranstaltung im Kloster Altötting stattfinden. Was wird dort geschehen?

Msgr. Zimowski: Wie üblich wird auch an diesem 21. Welttag der Kranken eine feierliche Eucharistiefeier am 11. Februar stattfinden, diesmal im Kloster Altötting. Eine andere wichtige Veranstaltung ist die für den 7. und 8. Februar vorgesehene Tagung an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, deren Thema lautet: „Dem Gutes tun, der leidet“ (Salvifici Doloris, Nr. 30). Es wird auch verschiedene Krankenbesuche in den Kliniken und Krankenhäusern der Gegend geben, außerdem Gebetstreffen in den wichtigsten Kirchen in und um München und Gespräche mit den führenden Politikern Bayerns.

ZENIT: In seiner Botschaft zum Welttag der Kranken 2013 hat Benedikt XVI. den barmherzigen Samariter als Vorbild für alle Sanitäter genannt. Was können wir heute von dieser Gestalt lernen?

Msgr. Zimowski: Der barmherzige Samariter verkörpert das Ideal der wahrhaft selbstlosen Hilfeleistung für den Nächsten, wie die Evangelien sie fordern. Insofern bleibt diese Gestalt immer aktuell, ganz gleich wie viel Zeit verstreicht und wie sehr sich die Kultur verändert. Es ist heute in vielen der reicheren Länder, die durch eine zunehmende Säkularisierung, durch hektische Lebensrhythmen und einen gewissen Vorrang der Äußerlichkeit und der persönlichen Interessen vor den inneren Werten und der Solidarität geprägt sind, schwer geworden, das Evangelium zu lesen, zu beten und sich zu besinnen. Und doch ist es wichtig, dass in uns allen das Bewusstsein zunimmt, dass „in der liebevollen und großzügigen Annahme jedes menschlichen Lebens, besonders wenn es schwach und krank ist, heute ein wichtiger Teil der Mission der Kirche liegt“, wie der Heilige Vater in seiner Botschaft sagte.

ZENIT: Man hört oft, der moderne Mensch sei nicht nur körperlich krank, sondern auch in seiner Seele. Worunter glauben Sie, dass die Menschen heute am meisten leiden?

Msgr. Zimowski: Das Leiden ist nicht an die Zeit gebunden; jeder Mensch ist davon betroffen, in allen Ländern der Welt und allen Epochen der Geschichte. Trotzdem stimmt es, dass wir heute neben den Krankheiten des Körpers zunehmend mehr „seelisches“ Leid beobachten, das die Sphäre unserer Emotionen betrifft. Das deutlichste Beispiel sind die Depressionen, die in Zeiten finanzieller Krise, wie die, die ein Großteil der westlichen Welt heute erlebt, verstärkt um sich greifen. Auch degenerative Krankheiten wie zum Beispiel Alzheimer und Altersdemenz haben deutlich zugenommen. Hinzu kommen Abhängigkeiten von Medikamenten, vom Alkohol, vom Tabak oder andere zwanghaften Obsessionen wie etwa Spielsucht, die unter der Jugend vieler höher entwickelter Länder stark zugenommen hat.

ZENIT: Der Heilige Vater hat eigens betont, wie wichtig das Gebet für die Menschen ist, die beruflich mit Kranken zu tun haben. Können Sie dazu etwas sagen?

Msgr. Zimowski: Es ist nicht das erste Mal, dass Benedikt XVI. darauf hingewiesen hat, dass man durch das Gebet, durch „eine tiefe Beziehung zu Gott, aus seiner unendlichen Liebe die Kraft schöpfen kann, um wie der barmherzige Samariter im Alltag ein konkretes Interesse an denen wach zu halten, die an Leib oder Seele leiden und unsere Hilfe brauchen, auch wenn sie mittellos sind und wir sie nicht kennen.“ Wer für die Seelsorge im Krankendienst arbeitet, wird nicht selten mit schwierigen ethischen Fragen konfrontiert und trifft Kranke, deren Heilung unwahrscheinlich ist, oder die gar das Ende ihrer irdischen Laufbahn erreicht haben. In vielen ärmeren Ländern der Welt kann es vorkommen, dass ein Arzt oder Pfleger zusehen muss, wie ein Patient an Krankheiten stirbt, die durchaus heilbar wären, wenn es nicht an Medikamenten und an der elementarsten Infrastruktur mangeln würde. Wenn man versucht, sich in all diese Situationen hineinzuversetzen, dann wird einem klar, wie wichtig Glaube und Gebet als Stütze für jene Menschen sind, die sich um Kranke kümmern sollen; denn aus ihnen kann man die Kraft schöpfen, um mit Hingabe und gewissenhaft diese Mission zu erfüllen.