Muslime und Christen, Erfahrung aus der Geschichte für eine friedliche Zukunft

Neues Buch von Samir Khalil Samir mit Michaela Koller

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Von Tanja Schultz

ROM, 5. Dezember 2011 (ZENIT.org).- Islamisierung und Islamfeindlichkeit sind nur die Eckpunkte in einem weiten Diskussionsfeld, das sich durch das Erstarken der muslimischen Religion und Kultur in Europa eröffnet hat. Auf der einen Seite steht eine multikulturelle und laizistische Gesellschaft, in der christlicher Glaube und Brauchtum immer mehr an Kontur verlieren, auf der anderen Seite eine starke islamische Identität, die teils radikale Züge annimmt und die Kultur des Okzidents kategorisch ablehnt. Viele Christen schauen mit Besorgnis auf dieses Panorama der verhärteten Fronten, das sich vor allem seit den gewaltsamen Übergriffen auf Christen in Ägypten und anderen Teilen des Nahen Ostens abzeichnet. Sie fragen sich, was aus der eigenen Religion in Europa werden wird und wie sie den Muslimen begegnen sollen.

Zu diesem komplexen Thema hat die deutsche Journalistin Michaela Koller eingehend den bekannten Islamexperten des Heiligen Stuhls, den Jesuitenpater Professor Samir Khalil Samir, in dem jetzt beim Sankt Ulrich Verlag erschienenen Buch „Muslime und Christen – Geschichte und Perspektiven einer Nachbarschaft“ befragt. Der polyglotte ägyptische Gelehrte ist vielfacher Autor von Büchern, Monografien und Medienbeiträgen zu dem Religions- und Kulturkonflikt zwischen Islam und Christentum.

Pater Samir liefert keine schnellen Patentrezepte für eine Annäherung. Vielmehr blickt er weit in die Geschichte zurück, um ein zentrales Prinzip herauszustellen, das in der Konfrontation, aber auch in der Blütezeit der beiden Weltreligionen entscheidend war: der „Dialog“ als Dreh- und Angelpunkt für eine friedliche Nachbarschaft. Der wahrhaftige Dialog sei kein Überzeugungskampf mit Worten, sondern beruhet auf der Bereitschaft der Gesprächspartner, einander zuzuhören und die jeweiligen Standpunkte erst einmal kennen zu lernen. Mit diesem ersten Schritt können oft schon viele Vorurteile beseitigt werden.

Im Anschluss sollten die Unterschiede, aber auch die Gemeinsamkeiten in den beiden Glaubenssystemen erörtert werden. Mit dieser Form des geistigen Austauschs sind faule Kompromisse unvereinbar. Jeder darf an seinen Wurzeln festhalten, muss seine Identität für eine Annäherung an den Gesprächspartner nicht aufgeben. Das Andersartige, die Unterschiede müssen akzeptiert werden; sie sollten jedoch zum Nachsinnen anregen. Natürlich stößt der Dialog bei bestimmten theologischen und ethischen Fragen unweigerlich an seine Grenzen. Dazu gehören Fragen nach dem Menschenbild, dem Naturrecht oder der Glaubensfreiheit, die in den christlichen Gesellschaften als Grundrecht verbürgt ist, im Islam aber erst nach dem Koran kommt.

Aus dem Dialog kann sich Samirs Überzeugung zufolge ein fruchtbarer Austausch entwickeln, der für beide Kulturen eine Bereicherung darstellt. Für den Jesuiten ist Kultur kein starres Gebilde, sondern ein lebendiger Prozess, bei dem „alles geprüft und das Gute behalten werden soll“, wie schon der Apostel Paulus empfahl (1 Thess 5,21). „Es geht darum, allogene Elemente nach eingehender Prüfung in meine eigene Kultur zu integrieren, um eine neue Kultur zu schaffen, die meine Kultur fortführt und bereichert“ (S. 107). Die Vergangenheit lehret, dass dieses Prinzip dem ersten goldenen Zeitalter der arabischen Kultur im 9. und 10. Jahrhunderts zugrunde gelegen habe, als sich griechisches, christliches, arabisches und muslimisches Erbe zu einer Symbiose fügten.

Vor dem Hintergrund der momentanen religiösen und politischen Spannungen zwischen christlichen Minderheiten und den Muslimen im Nahen Osten darf die Aufforderung Pater Samirs, sich stets dem Dialog zu stellen und sich dem Fremden gegenüber nicht zu verschließen, als außerordentlich mutig bezeichnet werden, ja, als ein Zeichen uneingeschränkter christlicher Nächstenliebe.

Tanja Schultz hat mit der Autorin und Journalistin Michaela Koller über ihr jüngstes Buch gesprochen.

Schultz: Frau Koller, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Drama verfolgter Christen in islamischen Ländern. Das Buch handelt jedoch vom möglichen Dialog und friedlichen Koexistenz zwischen den beiden Weltreligionen. Was hat Sie zu diesem Buch motiviert?

Koller: Der Dialog der Religionen fasziniert mich als Thema, weil ich ihm durch meine Reisen und Begegnungen häufig sehr konkret ausgesetzt bin. Der Dialog als moralischer Imperativ begleitet mich, seit ich im Jahr 2003 die Gemeinschaft Sant'Egidio kennen gelernt habe. Ich habe seither viele Beispiele gesehen, wie der Dialog gelingen kann, aber auch seine Grenzen erkannt. Dass nun daraus ein ganzes Buch wird, war die Entscheidung des Verlags, der eine Art „Best of Samir Khalil Samir“ zusammengestellt haben wollte. Mein Co-Autor ist international dafür bekannt, sowohl besonders realistisch wie auch besonders authentisch das Thema zu behandeln. So konnte er auch meinen Blick auf die Christen des Orients erweitern. Ich habe viel über ihre herausragenden Beiträge zur Kultur der Region gelernt. „Betrachten Sie sich nicht einfach nur als bemitleidenswerte Opfer. Ihre Herkunftsgesellschaften brauchen sie.“ Das ist es, was Pater Samir im Kern sagt. Diese Symbiose ist der Dialog.

Schultz: Als Interviewpartner zu dem Thema wählten Sie einen ägyptischen Jesuiten, der von sich sagt, dass er zwar vom Glauben Christ sei, aber sich kulturell der arabischen Welt zugehörig fühle. Wirkt sich diese doppelte Natur als Nach- oder Vorteil bei seiner Rolle als Vermittler zwischen Islam und Christentum aus?

Koller: Wenn ich ihn als authentisch bezeichne, so sehe ich eben genau in dieser doppelten Natur, wie Sie es nennen, ein Grund für seine Authentizität. Ein anderer Grund ist sein Leben zwischen Orient und Okzident, auf das ich im ersten Teil des Buchs ausführlich eingehe. Als Professor für arabische christliche Literatur pendelt er seit Jahrzehnten zwischen dem Pontificio Istituto Orientale in Rom und dem CEDRAC, dem Forschungs- und Dokumentationszentrum für arabisches Christentum in Beirut, hin und her. Selbst während des Bürgerkriegs im Libanon, der bis 1990 andauerte, reiste er dort ein und aus. Pater Samir erlebt beide Blickwinkel, den des Westens und den des Ostens, fortlaufend hautnah. Und nach all den Berichten über die Gewaltbereitschaft und den Chauvinismus in islamischen Gesellschaften, die sich in den letzten Jahren häufen, ist bei ihm keine Bitterkeit herauszuhören. Er bleibt immer sachlich, wie er als Wissenschaftler halt so veranlagt ist.

Schultz: Reduziert sich der Dialog mit einem katholischen Geistlichen nicht zu sehr auf einen rein theologischen Vergleich der Religionen und vernachlässigt ethische, soziale und politische Aspekte und Zusammenhänge?

Koller: Zu der Befürchtung besteht bei Pater Samir Khalil Samir kein Anlass. Er wird regelmäßig zu Begegnungen zwischen Christen und Muslimen eingeladen, sogar von islamischen Medien. Und er sagt, dass die fruchtbarsten Gespräche, die er mit den Muslimen geführt hat, diejenigen über interdisziplinäre und interkulturelle Fragen waren. So kam er zu der Überzeugung, dass zwischen diesen Religionen primär die Frage der Koexistenz in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Geschichte, Kultur und Sitten zu beantworten sei.

Schultz: Die Situation der christlichen Minderheiten in islamischen Ländern sehen viele alles andere als zuversichtlich. Der Gewaltausbruch gegen Christen fördert nicht gerade die Bereitschaft im Westen, die Religionsausübung von muslimischen Einwanderern in direkter Nachbarschaft zu tolerieren. Pater Samir schreibt jedoch gerade den orientalischen Christen eine Vorreiterrolle im Dialog mit den Muslimen zu. Wie ist das zu verstehen?

Koller: Da gibt es einmal die historische Erfahrung, die sie als Brückenbauer ausweist: Als der Anteil der orientalischen Christen noch stärker war, hatten sie beträchtlichen Einfluss auf die islamischen Gelehrten. Yahya ibn Adi (893-974) war ein Christ und Kopf der aristotelischen Schule in Bagdad und somit der größte Philosoph der islamischen Welt seiner Zeit. Über ihn hat Pater Samir sehr viel geforscht. Gut ein Vierteljahrhundert lang nahm der jakobitische Christ Einfluss auf ihr Denken und ihr Ansehen.

Und heute zeigt sich noch, dass die Christen in der eigenen arabischen Kultur eng verwurzelt sind, aber zugleich anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen sind. In Deutschland zum Beispiel können wir dies an der guten Integration der Kopten sehen, die für uns einen Gewinn und für Ägypten einen Verlust darstellen, weil sie dort ihren eigenen Beitrag leisten und der muslimischen Mehrheit Toleranzübungen abringen.

Schultz: Auf diese historische Rolle der orientalischen Christen weist das umfangreiche Kapitel über die Geschichte des Nahen Ostens hin, dass Pater Samir verfasst hat. Bevor der Islam den Siegeszug antrat, war das Christentum dort vorherrschende Religion. Es waren Christen, die die antike griechische Philosophie, Technologie, Mathematik und Medizin an die Araber tradierten. Die arabische Sprache, Wissenschaft und Kultur wurde von den Christen entscheidend mitgeprägt. Ist das heute in Vergessenheit geraten?

Koller: Ja. Es gibt breite Kreise in Deutschland, die glauben, Arabisch zu lernen lohne sich allein dann, wenn man einen Job beim Verfassungsschutz sucht. Das ist doch erschreckend. Umso lobenswerter, dass Zenit auch in einer arabischen Ausgabe erscheint. Gerade der zivilisatorischen Leistung der orientalischen Christen, die mehrere Sprachen beherrschten, haben wir viel zu verdanken. Die Muslime damals waren ihren geistigen Errungenschaften gegenüber aufgeschlossen. Und so profitierten beide Seiten des Mare Nostrum. Wie habe ich mir denn Thomas von Aquin ohne Ibn Rushd (Averroës) vorzustellen? Schauen Sie, in dieser Situation, in der die Christen so bedrängt sind, stärkt Samir Khalil Samir auch das Selbstbewusstsein der christlichen Minderheiten, indem er die alten christlichen Schriften der Vergessenheit entreißt. Er ist der Doktorvater mehrerer arabischer Bischöfe; Louis Sako, der chaldäisch-katholische Erzbischof von Kirkuk im Irak, ist einer seiner Schüler.

Schultz: Wenn es doch einst in diesen Ländern einen fruchtbaren geistigen Austausch, eine erste Renaissance der griechischen Kultur und ein friedliches Zusammenleben gegeben hat, warum scheint das heute im modernen Zeitalter immer weniger möglich?

Koller: Die Menschen im Orient sind generell spiritueller, sowohl Muslime als auch Christen. In ihren Augen ist unsere Kultur areligiös. Und umgekehrt betrachtet eine Mehrheit der Menschen im Westen die orientalische Kultur als unterlegen oder beängstigend. Eher nehmen die Europäer schon fernöstliche Lehren ernst und in sich auf. Diese Asymmetrie stört den Austausch. Christliche Philosophen im Westen, die die Moderne kritisch begleiten, kennt kaum jemand in den arabischen Ländern. Sie sind ja nur eine leise Stimme im Chor. Und im Moment ist in den Ländern des arabischen Frühlings die anti-moderne Welle ganz stark, samt all ihrer Pathologien, weil es keine klaren Vorstellungen etwa vom Begriff „Säkularismus“ gibt.

Schultz: Gibt es denn eine Möglichkeit, dass ein geistiger Austausch dennoch stattfindet und zu einer „neuen Renaissance“ christlich-islamischer Kultur führen könnte?

Koller: Es ist theoretisch möglich, dass die derzeitigen Umwälzungen in der arabischen Welt am Ende so eine Entwicklung herbeiführen können. Im Moment zeichnet sich eher eine Abschottung und Radikalisierung in einigen Ländern wie Ägypten ab, die zum Scheitern verurteilt ist. Pater Samir hat vorgeschlagen, dass Muslime und Christen gemeinsam eine Liste über menschliche Prinzipien erstellen müssten, für die sie in ihren Schriften eine starke Grundlage finden. Gemeinsame philosophische Wurzeln bieten auch einen Ansatz dafür. Ein neuralgischer Punkt dabei ist das Thema Glaubens- und Gewissensfreiheit, die es nach gängiger Koranauslegung nicht gibt. Wir müssen nun diejenigen unterstützen, die für wahre Freiheit in ihren Ländern einstehen. Dazu zählen die orientalischen Christen, die im gleichen Maße Araber sind wie ihre muslimischen Landsleute.

Schultz: Welche konkreten Vorschläge macht Pater Samir, um einen Dialog mit dem Islam aufzunehmen?

Koller: In der Frage der Menschenrechte kennt er keinen Kompromiss, und ich denke auch, ihre Universalität kann nicht bestritten werden, wenn wir uns in die Geschichte hinein vertiefen. Das Gegenüber muss zudem an einem echten Dialog interessiert sein. Und dies bedeutet, gegenseitig anzuerkennen, dass der Gesprächspartner das Recht hat, anders zu sein. Samir betont in dem Interview, er müsse nicht seine Meinung annehmen, um sein Freund zu sein. Er sollte aber auch nicht indifferent, also gleichgültig gegenüber den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen sein, sondern muss schon Position beziehen. Samir Khalil Samir warnt zudem davor, Überzeugung mit Fanatismus und Fundamentalismus zu verwechseln.

Schultz: In dem Interview befragen Sie den Islamexperten ausführlich zu dem Hintergrund und den Folgen der Regensburger Rede. Nach seiner Auffassung gab die allgemein heftige Reaktion der islamischen Welt letztlich einen erfreulichen Impuls zu einem ersten wirklichen Dialog auf höchster Ebene.

Koller: Mit der Regensburger Rede kam der Dialog erst wieder richtig in Schwung. Für die gewaltsamen Reaktionen auf die Ansprache gab es keine Rechtfertigung, da sie von den meisten Kritikern gar nicht genau gelesen worden war. Der Papst hat aber selbst die Wogen geglättet, als er noch im selben Monat nach der Rede alle islamischen Botschafter beim Heiligen Stuhl einlud. Bei der Gelegenheit erklärte er noch einmal die Kernaussagen seiner Ansprache. Nur einen Monat später reagierten 38 Islamgelehrte auf den Inhalt. Ein Jahr später haben 138 islamische Theologen aus 43 Nationen einen 29 seitigen offenen Brief publiziert, in dem sie zum Dialog über Gemeinsamkeiten der beiden Religionen aufforderten.

Schultz: Inwiefern erschwert der Umstand, dass der Islam kein geistliches Oberhaupt und somit auch keine einheitliche Dogmatik kennt, den Dialog in Glaubensfragen?

Koller: Das wirkt sich nicht nur in theologischen Fragen erheblich aus, sondern auch in Bezug auf die Frage der naturgegebenen Rechte des Menschen. Es gibt zu so vielen Fragen unglaublich viele Interpretationen islamischer Rechtsgelehrter. Allein im Internet finden Sie eine Fülle von Fatwas (islamische Rechtsgutachten) zu abwegigsten Fragen. Dennoch gibt es doch einige sehr bekannte Vertreter des Islam, die erheblichen Einfluss haben. Wenn sie zu einem Konsens kommen, hat dies schon ein gewisses Gewicht, was wohl auch auf das Schreiben der 138 zutrifft. Sie können sich also nicht mit dem Verweis auf das Fehlen eines zentralen Lehramtes aus der Verantwortung stehlen. Es wäre wünschenswert, wenn sie sich Koranauslegungen öffneten, die einer echten Religionsfreiheit das Wort reden.

Schultz: Zu guter Letzt: An welche Leserschaft wendet sich Ihr Buch?

Koller: Ich denke, dass alle Menschen, die plumpe Islamschelte ebenso ablehnen wie verlogene Beschwichtigungen, an dem im Buch vorgeschlagenen dritten Weg des wahrhaftigen Dialogs viel Freude haben werden.