Mut und Beharrlichkeit: Papst Benedikt XVI. dankt den Christen im Irak

„Beredtes Zeichen für die Lebendigkeit ihres Glaubens und für die Kraft ihrer Hoffnung“

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ROM, . Februar 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 29. Januar beim Empfang der Bischöfe der chaldäisch-katholischen Kirche gehalten hat.

„Das Gebet und die Unterstützung eurer Brüder im Glauben und zahlreicher Menschen guten Willens in der ganzen Welt mögen euch begleiten, damit das Antlitz der Liebe Gottes auch weiterhin über dem irakischen Volk leuchten möge, das so viel Leid erfahren hat. In den Augen des Gläubigen wird das Leiden, vereint mit dem Opfer Christi, zu einem Element der Einheit und der Hoffnung. Ebenso ist das Blut der Märtyrer dieser Erde eine beredte Fürbitte vor Gott. Überbringt den Mitgliedern eurer Diözesen den Gruß und die liebevolle Ermutigung des Nachfolgers Petri.“

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Eure Seligkeit,
liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Zum Abschluß eures »Ad-limina«-Besuches heiße ich euch, die Hirten der chaldäischen Kirche, mit eurem Patriarchen, Seiner Seligkeit Kardinal Emmanuel III. Delly, mit großer Freude willkommen; ihm danke ich für die freundlichen Worte, die er in eurem Namen an mich gerichtet hat. Dieser Besuch ist ein wichtiger Augenblick, denn er ermöglicht, die Bande des Glaubens und der Gemeinschaft mit der Kirche von Rom und dem Nachfolger Petri zu festigen. Er bietet mir auch Gelegenheit, euch und durch euch alle Gläubigen eurer ehrwürdigen Patriarchalkirche sehr herzlich zu grüßen und euch in diesen schwierigen Momenten, die eure Region und besonders der Irak immer noch erleben, meines inständigen Gebetes und meiner geistlichen Nähe zu versichern.

Erlaubt mir, an dieser Stelle mit innerer Anteilnahme der Opfer der Gewalt der letzten Jahre im Irak zu gedenken. Ich denke dabei an den Erzbischof von Mossul, Paul Faraj Rahho, an den Priester Ragheed Aziz Ganni sowie an viele andere Priester und Gläubige eurer Patriarchalkirche. Ihr Opfer ist das Zeichen ihrer Liebe zur Kirche und zu ihrem Land. Ich bitte Gott, daß die friedliebenden Männer und Frauen in dieser geliebten Region ihre Kräfte vereinen, um der Gewalt Einhalt zu gebieten, damit alle in Sicherheit und Eintracht leben können! In diesem Zusammenhang nehme ich tief bewegt die Albe, die Erzbischof Faraj Rahho während der täglichen Meßfeier benutzte, als Geschenk entgegen, ebenso wie die Stola, die der Priester Ragheed Aziz Ganni benutzte. Dieses Geschenk spricht von ihrer großen Liebe zu Christus und zur Kirche.

Die chaldäische Kirche, deren Anfänge bis in die ersten Jahrhunderte der christlichen Zeit zurückreichen, hat eine lange und ehrwürdige Tradition. Diese bringt ihre Verwurzelung in den Regionen des Orients, in denen sie von ihren Anfängen an stets anwesend war, ebenso zum Ausdruck wie ihren unersetzlichen Beitrag für die Universalkirche, besonders durch ihre Theologen und geistlichen Lehrer. Ihre Geschichte zeigt auch, wie sehr sie sich stets aktiv und fruchtbar am Leben eurer Nationen beteiligt hat.

Heute muß die chaldäische Kirche, die unter den verschiedenen Komponenten eurer Länder einen wichtigen Platz einnimmt, diese Sendung im Dienst ihrer menschlichen und geistlichen Entwicklung fortsetzen. Daher ist es notwendig, ein hohes kulturelles Niveau der Gläubigen, besonders der Jugendlichen, zu fördern. Eine gute Ausbildung in den verschiedenen – sowohl religiösen als auch profanen – Wissensgebieten ist eine wertvolle Investition für die Zukunft.

Indem sie herzliche Beziehungen zu den Mitgliedern anderer Gemeinschaften unterhält, ist die chaldäische Kirche aufgerufen, eine wesentliche Rolle der Moderation im Hinblick auf den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu spielen, in der alle in Eintracht und gegenseitiger Achtung leben können. Ich weiß, daß das Zusammenleben zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der christlichen Gemeinschaft seit jeher Momente der Unsicherheit kennt. Die Christen, die seit alters her im Irak leben, sind dort vollberechtigte Bürger und teilen die Rechte und Pflichten aller, ohne Unterscheidung der Religion. Es ist mein Wunsch, eure Bemühungen um Verständigung und gute Beziehungen zu unterstützen, die ihr als gemeinsamen Weg gewählt habt, um in ein und demselben Land zu leben, das allen heilig ist.

Um ihre Sendung zu erfüllen, muß die Kirche ihre Bande der Gemeinschaft mit ihrem Herrn festigen, der sie versammelt und sie zu den Menschen sendet. Diese Gemeinschaft muß vor allem innerhalb der Kirche gelebt werden, damit ihr Zeugnis glaubhaft ist, wie Jesus selbst gesagt hat: »Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast« (Joh 17,21). Daher möge das Wort Gottes stets im Mittelpunkt eurer Pläne und eurer Seelsorgetätigkeit stehen! Auf der Treue zu diesem Wort wird die Einheit unter allen Gläubigen aufgebaut, in Gemeinschaft mit ihren Hirten. Aus dieser Perspektive heraus geben die Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Liturgie auch allen die Möglichkeit, die Gaben, die der Herr seiner Kirche in der Liturgie und in den Sakramenten macht, immer fruchtbringender anzunehmen.

Im übrigen ist in eurer Patriarchalkirche die Synodenversammlung ein unleugbarer Reichtum. Sie muß ein vorrangiges Mittel sein, um dazu beizutragen, die Bande der Gemeinschaft fester und wirksamer zu machen und die gegenseitige Liebe unter den Bischöfen zu leben. Sie ist der Ort, an dem die Mitverantwortung tatsächlich durch eine echte Zusammenarbeit ihrer Mitglieder sowie durch regelmäßige, gut vorbereitete Begegnungen verwirklicht wird, die es gestatten, gemeinsame pastorale Leitlinien zu erarbeiten. Ich bitte den Heiligen Geist, die Einheit und das gegenseitige Vertrauen unter euch immer mehr wachsen zu lassen, damit der Hirtendienst, mit dem ihr betraut seid, zum größeren Wohl der Kirche und ihrer Glieder vollkommen verwirklicht wird. Andererseits trägt – vor allem im Irak – die chaldäische Kirche, der die Mehrheit der Gläubigen angehört, eine besondere Verantwortung, die Gemeinschaft und die Einheit des mystischen Leibes Christi zu fördern. Ich ermutige euch, eure Begegnungen mit den Hirten der verschiedenen Kirchen »sui iuris« wie auch mit den Verantwortlichen der anderen christlichen Kirchen fortzusetzen, um dem Ökumenismus Impulse zu verleihen.

In jeder Eparchie sind die verschiedenen pastoralen, verwaltungstechnischen und wirtschaftlichen Strukturen, die das Recht vorsieht, auch für euch wertvolle Hilfen, um die Gemeinschaft innerhalb der Gemeinden tatsächlich zu verwirklichen und die Zusammenarbeit zu fördern.

Unter den Notständen, denen ihr abhelfen müßt, befindet sich auch die Situation der Gläubigen, die täglich der Gewalt gegenüberstehen. Ich verneige mich vor ihrem Mut und ihrer Beharrlichkeit angesichts der Prüfungen und der Bedrohungen, denen sie ausgesetzt sind, besonders im Irak. Das Zeugnis, das sie vom Evangelium geben, ist ein beredtes Zeichen für die Lebendigkeit ihres Glaubens und für die Kraft ihrer Hoffnung. Ich ermutige euch nachdrücklich, die Gläubigen dabei zu unterstützen, die gegenwärtigen Schwierigkeiten zu überwinden und ihre Präsenz zu stärken, indem ihr besonders von den verantwortlichen Obrigkeiten die Anerkennung ihrer Menschen- und Bürgerrechte fordert und sie anspornt, das Land ihrer Vorfahren zu lieben, dem sie sich tief verbunden fühlen.

Die Zahl der Gläubigen der Diaspora steigt ständig an, besonders infolge der Ereignisse der letzten Zeit. Ich danke allen, die in verschiedenen Ländern an der brüderlichen Aufnahme von Personen beteiligt sind, die den Irak leider vorübergehend verlassen mußten. Es wäre gut, wenn die chaldäischen Gläubigen, die außerhalb der Landesgrenzen leben, ihre Bindung an ihr Patriarchat erhalten und vertiefen, damit sie nicht vom Mittelpunkt ihrer Einheit getrennt werden. Die Gläubigen müssen unbedingt ihre kulturelle und religiöse Identität wahren, und die jüngeren unter ihnen müssen den Reichtum des Erbes ihrer Patriarchalkirche entdecken und wertschätzen. Unter diesem Gesichtspunkt müssen die Hirten dem geistlichen und moralischen Beistand, dessen die in alle Welt verstreuten Gläubigen bedürfen, sorgfältige Beachtung schenken, in brüderlichem Verhältnis zu den Bischöfen der Ortskirchen, in denen sie sich aufhalten. Sie sollen auch darauf achten, daß die zukünftigen Priester, die auch in der Diaspora ausgebildet werden, die Bindung an ihre Patriarchalkirche wertschätzen und festigen.

Zum Abschluß möchte ich die Priester, die Diakone, die Seminaristen, die Ordensmänner und Ordensfrauen sowie alle Menschen herzlich grüßen, die mit euch darum bemüht sind, das Evangelium zu verkünden. Unter eurer väterlichen Leitung mögen alle ein lebendiges Zeugnis von ihrer Einheit und von der Brüderlichkeit geben, die sie zusammenführt!

Ich weiß um ihre Liebe zur Kirche und um ihren apostolischen Eifer. Ich lade sie ein, ihre Liebe zu Christus immer mehr zu entfalten und ihren Einsatz im Dienst der Kirche und ihrer Sendung mutig fortzusetzen. Seid euren Priestern Väter, Brüder und Freunde. Tragt besondere Sorge dafür, ihnen eine solide anfängliche Ausbildung und ständige Weiterbildung zu geben, und fordert sie durch euer Wort und euer Vorbild auch auf, den Menschen in Not und Schwierigkeiten, den Kranken und den Leidenden stets nahe zu sein.

Das Zeugnis der uneigennützigen Liebe der Kirche zu allen Notleidenden, ohne Unterscheidung von Herkunft oder Religion, muß alle Menschen guten Willens anspornen, Solidarität zu zeigen. Daher ist es wichtig, die Werke der Nächstenliebe auszubauen, damit sich die größtmögliche Zahl der Gläubigen konkret im Dienst an den Ärmsten einsetzen kann. Ich weiß, daß im Irak, trotz der schrecklichen Augenblicke, die ihr durchgemacht habt und die ihr noch immer erlebt, kleine Werke einer außerordentlichen Nächstenliebe entstanden sind, die Gott, der Kirche und dem irakischen Volk Ehre machen. Eure Seligkeit, liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst, ich wünsche euch, daß ihr mit Mut und Hoffnung eure Sendung im Dienst des euch anvertrauten Gottesvolkes fortsetzt. Das Gebet und die Unterstützung eurer Brüder im Glauben und zahlreicher Menschen guten Willens in der ganzen Welt mögen euch begleiten, damit das Antlitz der Liebe Gottes auch weiterhin über dem irakischen Volk leuchten möge, das so viel Leid erfahren hat. In den Augen des Gläubigen wird das Leiden, vereint mit dem Opfer Christi, zu einem Element der Einheit und der Hoffnung. Ebenso ist das Blut der Märtyrer dieser Erde eine beredte Fürbitte vor Gott. Überbringt den Mitgliedern eurer Diözesen den Gruß und die liebevolle Ermutigung des Nachfolgers Petri. Ich empfehle jeden von euch der mütterlichen Fürsprache der Jungfrau Maria, Mutter der Hoffnung, und erteile euch und euren Priestern und Diakonen sowie den geweihten Personen und allen Gläubigen der chaldäischen Kirche von ganzem Herzen einen besonderen Apostolischen Segen.

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