Mut und Glaube der Schweizergarde

Ein Interview mit dem Kaplan der Päpstlichen Schweizergarde am Tag der Eidablegung von 26 Rekruten

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Von Sergio Mora

VATIKANSTADT, 7. Mai 2012 (ZENIT.org).- In der Aula Pauls VI. im Vatikan wurde am Sonntagvormittag die Eidablegung von 26 Rekruten der Päpstlichen Schweizergarde begangen.

Vor den Kardinälen, Bischöfen, Exponenten des Diplomatenkorps des Heiligen Stuhls und der Vertretung des Papstes, dem Stellvertretenden Staatssekretär Msgr. Giovanni Angelo Becciu, legten die neuen Gardisten feierlich den Eid auf die Fahne der Schweizergarde ab.

Vor der Eidablegung feierte Staatssekretär Kardinal Tarcisio Bertone vor dem Altar Cathedra Petri eine Messe für das Korps der Schweizergarde. Er erklärte, dass die Bezeugung des Evangeliums Mut erfordere. Mit diesen Worten spreche er direkt zu ihnen, den Mitgliedern der Schweizergarde, und rufe sie dazu auf, dies stets mit Freuden zu tun; nicht nur im Dienst, sondern in jedem Augenblick und in jeder Situation ihres Lebens.

Papst Benedikt XVI. richtete am Ende des Regina Caeli-Gebets auf dem Petersplatz einen „besonderen Gruß an die neuen Schweizergardisten und ihre Familienangehörigen, an jenem Festtag für diesen traditionsreichen Korps“.

In einem Interview mit ZENIT betonte Msgr. Alain de Raemy, Kaplan der Päpstlichen Schweizergarde, dass das herausragende Merkmal der Spiritualität der Garde die Treue zum Papst sei und die Bereitschaft, ihn zu verteidigen und dabei das eigene Leben zu riskieren.

ZENIT: Wodurch zeichnet sich die Spiritualität der Schweizergarde aus?

Msgr. Alain de Raemy: Ich würde nicht von einer ganz bestimmten Spiritualität, einer einzigen Form der Spiritualität, sprechen, denn die Mitglieder der Schweizergarde stammen aus unterschiedlichen Familiensituationen und Pfarren. Sie sind zwar getaufte und gefirmte Katholiken, die von ihrem Priester eine Empfehlung erhielten. Dennoch sind ihre spirituellen Erfahrungen unterschiedlich.

Manche von ihnen besuchten sonntags nie die Heiligen Messe. Sie hatten das Sakrament der Taufe, der Erstkommunion und der Firmung empfangen, doch die Familie praktizierte den Glauben nicht. Dann erkannten sie für sich die Möglichkeit, der Schweizergarde beizutreten, und vertieften aus diesem Grund ihren Glauben.

ZENIT: Das bedeutet, nicht alle Mitglieder praktizieren ihren Glauben?

Msgr. Alain de Raemy: Es ist ihnen bewusst, dass sie an einen Ort gelangen, an dem der katholische Glaube normalerweise praktiziert werden sollte. Der Papst wünscht sich für diesen Dienst überzeugte Katholiken. Allerdings war es immer schon so, dass die Entscheidung zum Beitritt der Schweizergarde in vielen Fällen nicht unbedingt religiös motiviert war. 

ZENIT: Wie verhält es sich mit dem Praktizieren der Sakramente?

Msgr. Alain de Raemy: Die Sonntagsmesse ist verpflichtend, und die Anwesenheit wird militärisch kontrolliert. Das wissen die Kandidaten bereits, wenn sie sich bewerben. Sie erfahren von einem Kaplan, der ihnen während der Ausbildung Religionsunterricht erteilen wird. Während dieser Zeit absolvieren sie eine Katechese über den Dienst Petri, die Geschichte der Päpste und der Kirche. Es handelt sich um eine intensive Katechese von einem Monat.

ZENIT: Welche Aufgaben erfüllt der Kaplan der Schweizergarde?

Msgr. Alain de Raemy: In den Zuständigkeitsbereich des Kaplans fallen die Messfeiern in der Kapelle der Garde und die Leitung jährlicher Exerzitien. Gemeinsam  mit dem Kommandanten und weiteren Amtsträgern ist er für die kulturellen Aktivitäten des Korps und die Rekrutierung neuer Gardisten zuständig. Er übernimmt auch die Verantwortung für die Bibliothek.

ZENIT: Übernehmen Sie weitere Funktionen?

Msgr. Alain de Raemy: Ja, es ist auch meine Aufgabe, den Gardisten nahe zu sein. Ich besuche sie, wenn sie viel Zeit alleine verbringen. Ich halte das für eine gute Gelegenheit, einen persönlichen Dialog aufzubauen.

ZENIT: Haben Sie gelegentlich Beichten abgenommen?

Msgr. Alain de Raemy: Ja, das ist vorgekommen. Die Gardisten absolvieren während der Fastenzeit Exerzitien. Da der Papst und die Kurie sich während dieser Zeit aus ihren Tätigkeiten zurückziehen, ist  der Dienst für die Gardisten weniger intensiv.

ZENIT: Wie lange dauern die Exerzitien?

Msgr. Alain de Raemy: Sie dauern vier Tage lang und finden unter der Leitung eines von mir gewählten Predigers statt. Während dieser Periode ist die Anzahl der Beichten besonders groß. Gerade weil in vielen Teilen der Schweiz kollektive oder ähnliche Formen der Beichte eine große Verbreitung finden, haben die Gläubigen oft nicht mehr den Zugang zur persönlichen Beichte. Deshalb kann es vorkommen, dass Gardisten während der Fastenzeit zum ersten Mal eine Beichte ablegen.

ZENIT: Die Gardisten sind Laienmitglieder und Soldaten. Welchen Einfluss hat dies auf ihre spirituelle Zukunft?

Msgr. Alain de Raemy: Das Korps der Schweizergarde ist der fruchtbarste Boden für ein geweihtes Leben. Der Durchschnitt liegt bei zwei Berufungen pro Jahr. Menschen, die sich das zuvor niemals vorgestellt hätten, werden oft zu Priestern oder Diözesanpriestern.

ZENIT: Sind diese Priester auch gut?

Msgr. Alain de Raemy: Ja, denn sie haben die Botschaft des Papstes aus erster Hand empfangen; nicht in einer von den Medien verzerrten Form. Sie erwiesen dem Papst ihre Treue und hatten die Gelegenheit, die spirituelle Richtung des Papstes und der Kirche wahrzunehmen und ihr zu folgen.

ZENIT: Welcher Aspekt gestaltet sich am schwierigsten?

Msgr. Alain de Raemy: Vielleicht ist es die Tatsache, dass ihr Verhalten durch einen formalen Gehorsam geprägt ist, der sie manchmal daran hindert, weiter in die Tiefe vorzudringen. Ihr Gehorsam ist aber auch positiv zu bewerten, denn sie vertrauen ihren Vorgesetzten und den Folgen ihres auf den Glauben ausgerichteten Verhaltens.

ZENIT: Ist es wahr, dass die Schweizergarde zur Verteidigung des Papstes ihr Leben aufs Spiel setzen würde?

Msgr. Alain de Raemy: Diese Spiritualität ist die einende Kraft des Korps; jene Aufgabe, die alle Schweizergardisten trotz ihrer unterschiedlichen religiösen Praxis teilen. Diese unzerstörbare Treue zum Papst lässt sich schon an der Vereidigung erahnen. Auch wenn sie von Glaubenszweifeln erfüllt sind und nach dem Dienst vielleicht nicht so regelmäßig die Heilige Messe besuchen, so spüren sie doch stets die Einheit mit dem Papst. Dieses Gefühl werden sie für immer in sich bewahren. 

[Übersetzung des italienischen Originals von Sarah Fleissner]