Mut zur Weite der Vernunft entspricht der Würde des Menschen – zur Relativismus-Kritik von Joseph Ratzinger

Von Bischof Gerhard Ludwig Müller

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WÜRZBURG, 20. April 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- In seiner in Regensburg gehaltenen Vorlesung – einer Sternstunde der deutschen Universitätsgeschichte – hat Papst Benedikt XVI. erneut die Synthese von Glaube und Vernunft und von Freiheit und Liebe herausgestellt. Vier Begriffe, die heute eine säkulare Welt für sich beanspruchen möchte und zugleich der Kirche abspricht, als tragendes Fundament oder Quelle eines sinnvollen Lebens der Gesellschaft in Erscheinung treten zu dürfen. Wer nicht glaubt, dass Christus der einzige und unüberbietbare Mittler des Heils ist, rühmt sich seiner Aufgeschlossenheit und seiner Fähigkeit zu Toleranz, während er zugleich der Kirche Gewissenszwang und geistigen Imperialismus vorwirft. Mit der so verabsolutierten Toleranz in einem pluralistischen Weltbild ist es scheinbar nicht weit her, wenn es um den Christen mit seiner grundsätzlichen Glaubensentscheidung geht.



Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass der Mensch nur eindimensional, rein innerweltlich zu einer tiefergreifenden Erkenntnis gelangen könne. Das Nicht-Sichtbare wird in den Raum der Psychologie oder der Mythenbildung, als subjektiv geprägtes Bewältigungsmuster für eine nicht zu ertragende Realität abgedrängt – ihm also keine tatsächliche Existenz zugeschrieben. So gibt es keinen Wahrheitsanspruch, kein letztes Maß, keinen Gott. Aber wie kann man ein solch apodiktisches Urteil mit einer agnostischen Haltung sprechen?

„Niemand hat sich autoritärer gezeigt als der relativistische Liberalismus des 19. Jahrhunderts mit seinem antikirchlichen Furor.“

So entsteht die Diktatur des Relativismus, von der Kardinal Ratzinger bei der Eröffnung des Konklaves gesprochen hat, aus dem er als Benedikt XVI. hervorgegangen ist. In der Verneinung der Transzendenz liegen Gefahren, die sich mit den Ereignissen und Tendenzen aus der Geschichte dokumentieren lassen: Eine Vergötzung des Menschen führte und führt zu Totalitarismus und Diktatur, und vernichtet das christliche Menschenbild durch die Macht des Stärkeren. Niemand hat sich autoritärer gezeigt als der relativistische Liberalismus des 19. Jahrhunderts mit seinem antikirchlichen Furor. Keine andere Bewegung war menschenfeindlicher als der Atheismus des 20. Jahrhunderts mit dem pseudoreligiösen Habitus des „neuen Menschen“. Die Nomenklatur des „Übermenschen“ brachte millionenfachen Mord sowie Tod und Verwüstung über die ganze Welt. Im Namen der Freiheit wurde die Kirche und der Glaube bekämpft.

Relativismus in Bezug auf die Wahrheit ist nicht nur ein philosophischer Gedankengang, sondern führt unausweichlich in die Intoleranz gegenüber Gott. Die zentralen Aussagen zu Gott–Jesus, Christus–Kirche werden höchstens noch als Subkultur einer religiös motivierten Gruppierung betrachtet. Aus Gott wird ein „Ideal“, das zur Erbauung oder Pädagogisierung der Menschen eingesetzt wird. Aus Jesus Christus wird ein besonderer „Fall“, der exemplarisch für die Moral der Gesellschaft als Vorbild dienen könnte und die Kirche ist ein freier Zusammenschluss – wie ein Verein – von Menschen mit den gleichen religiösen subjektiven Anschauungen.

Hier sind die Gründe zu suchen für die Tabuisierung religiöser Themen in der Öffentlichkeit. Aber auch die Verdrängung der christlichen Botschaft und der Kirche aus dem politischen Diskurs. Die Kirche, so sagt man, repräsentiert religiös motivierte Menschen, die aber keinerlei Anrecht auf Mitsprache und Mitgestaltung der Welt hätten. Sie sind einem begrenzten kulturellen Paradigma verbunden, das aber nicht allgemein verbindlich sei und an sich in den Bereich der individuellen und kollektiven Subjektivität gehöre.

Auch für das Selbstverständnis der Theologie bleibt diese Einschätzung des Glaubens nicht ohne Folgen. Ist sie noch eine echte Beschäftigung mit Gott unter den Vorzeichen der Vernunft oder nur noch ein Programm, dem sich einige Anhänger verschreiben?

Liberalismus als handelnde Form des Pluralismus kann es nicht ertragen, wenn Gott sich dem Menschen tatsächlich geoffenbart hat, weil man dann zugeben müsste, dass nicht der Mensch das Maß aller Dinge ist, sondern er sich der Freiheit schenkenden Liebe Gottes verdankt. Der Liberalismus, der Genuss und Gewinn verabsolutiert, steht gegen den eucharistischen Menschen, der sich Gott verdankt und der zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes erlöst ist.

Kann eine Welt ohne Gott gelingen? Diese Frage stellt sich nicht rein theoretisch. Sie muss unter die Prämisse gestellt werden, dass es Gott gibt und wir ihn aus seinem Eigentum verdrängen. Es geht also nicht um die Frage, ob Gott existiert, sondern um die blanke Ablehnung seiner Gegenwart. Wer Gott als Dreh- und Angelpunkt des eigenen Lebens erkennt, wird nicht deshalb oftmals belächelt, weil es keinen Gott gäbe, an den man sich wenden könnte, sondern weil man ihn bewusst aus der Realität verbannen möchte. Eine aufklärerische Vernunft erklärt sich selbst zu Gott und suggeriert, dass der Mensch sich selbst allein genüge.

Aber in unserem Glaubensbekenntnis liegt bereits der Keim für eine an der menschlichen Vernunft orientierten Begegnung mit Gott. Vernunft, Vernünftigkeit sind keine Begriffe, die mit dem Glauben nicht vereinbar wären, auch wenn dies immer wieder der Vorwurf ist, den die pluralistische und relativistische Moderne anbringt. Als Wesen des Verstandes sind wir so konzipiert, dass wir Gott nicht vor der Vernunft verstecken. Er hat sie geschaffen, er ist der alles umgreifende LOGOS, der uns überhaupt erst zur Erfahrung und Erkenntnis führen kann. Der Mensch denkt sich selbst und die Welt und damit ihren alles entspringen lassenden transzendentalen Grund. Er gebraucht seine Vernunft. Wie kann sich Vernunft ohne Bezug auf Gott überhaupt selbst denken?

Pluralismus und Säkularismus bedienen den Menschen, der ohne Gott leben möchte, damit ihm keine Regeln auferlegt sind, Regeln, die aber aus dem Mensch-Sein selbst erwachsen. Eine Diskussion ohne diesen Bezugspunkt hebt den Menschen aus den Angeln. Weil keine Basis mehr da ist, die ihm zeigen kann, wer er eigentlich ist. Ohne die freimachende Herrschaft Jesu Christi wird das, was den Menschen ausmacht, zur Farce. Es hat keinen Bestand und wird zum Schrecken für die, die sich nicht wehren können. Die Beispiele lassen sich aufzählen: Die millionenfache Abtreibung, die verbrauchende Embryonenforschung und die Euthanasie.

Gerade deshalb braucht die Welt eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber nicht taub ist. Der göttliche Logos hat in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen. Das ist der Glaube, den die Vernunft zu verstehen lehrt und die Vernunft, die zum Glauben kommt und die Freiheit, die gewissenhaft handelt.

[© Die Tagespost vom 7. April 2007]