Mutter Giuseppina Biviglia "Gerechte unter den Völkern"

Äbtissin des Klosters San Quirico in Assisi während des Zweiten Weltkriegs

Rom, (ZENIT.org) | 391 klicks

„Mit Freude geben wir euch die Nachricht weiter, dass das Holocaustmuseum Yad Vashem in Jerusalem Mutter Giuseppina Biviglia, Äbtissin unserer Gemeinschaft während des zweiten Weltkriegs, aufgrund ihrer Rettung zahlreicher Juden unter Lebensgefahr den bedeutenden Ehrentitel ‚Gerechte unter den Völkern‘ verliehen hat. Die feierliche Übergabe wird in den kommenden Monaten vermutlich im Gedenkmuseum in Assisi stattfinden.“

Mutter Giuseppina (geboren am 31. März 1897 in Serrone di Foligno, Perugia; gestorben am 31. März 1991 im Alter von 94 Jahren) trat am 13. März 1922 als Lehrerin für maschinelle Stoffverarbeitung in das Kloster ein. Dank dieser Tätigkeit konnte sich die Gemeinschaft halten. Am 8. September 1922 begann ihre Probezeit; am 18. März 1923 wurde sie als Sr. Maria Giuseppina di Gesù Nazareno eingekleidet, und am 19. März, dem Hochfest des hl. Joseph, legte sie 1924 bzw. 1927 das vorläufige bzw. feierliche Gelübde ab. Mutter Giuseppina leitete die Gemeinschaft als Äbtissin von 1942-1945, von 1945 bis 1948, von 1964 bis 1967 und von 1967 bis 1970.

Am Ende der zweiten Dreijahresperiode ihres Dienstes als Äbtissin hinterließ sie den Memoiren des Klosters ihre Erinnerungen an die Kriegszeit:

„ …Ab September des Jahres 1943 verstärkten sich die anglo-amerikanischen Luftangriffe auf Italien zur allgemeinen großen Überraschung. Als sich in der Heimat die politischen Verfolgungen, persönlichen Racheakte und Hassbefehle gegen Juden und die dem Geist der Friedfertigkeit treuen Soldaten zu häufen begannen, wurden unsere Institute zu einem Zufluchtsort für die Ausgestoßenen, politisch Verfolgten, Flüchtlinge, Juden, den Konzentrationslagern Entkommenen. Unser Kloster war daran beteiligt. Es erübrigt sich zu sagen, dass wir in diesen Wirren nicht wirklich begriffen, was geschah, und nur einem hin und wieder spontan aufkommenden Gefühl gehorchten, das von der Begegnung mit diesen Unglücklichen stammte: Im Angesicht des Schmerzes eines jeden von ihnen wäre jegliche Eitelkeit des Urteils versiegt, wären wir dazu fähig gewesen: Das Mitleid hätte in jedem Fall überhandgenommen. Und es hat aus Liebe zu Gott und zu den Nächsten tatsächlich gesiegt: Ersterer gab den Impuls, dem Schwachen zu helfen; Letztere waren fast immer unschuldig und lebten in jenen Tagen in der Todesangst vor der Verhaftung, den Konzentrationslagern und der Erschießung und noch Schlimmerem! Dennoch muss ich sagen, dass ich zuweilen gegen eine Aufnahme dieser Menschen etwas Widerstand leistete, denn ich spürte die gesamte Verantwortung meiner Position gegenüber der Gemeinschaft und befürchtete Folgen für dieselbe. In jenen Momenten wurde ich jedoch stets von unserem verehrten Oberen, den anderen Priestern und meinen Mitschwestern dazu ermutigt, zugunsten dieser Armen zu handeln.

Die bei uns untergetauchten Menschen waren uns gegenüber Gott sei Dank immer aufrichtig, rechtschaffen, gut und auch religiös. Das gilt sowohl für die Christen als auch für die Juden. Unter der Herrschaft Badoglios und nach dem Einmarsch der Amerikaner kamen ein paar Faschisten; in manchen Gefahrenzeiten während der Sozialrepublik waren einige Sozialisten darunter. Unmittelbar nach dem 8. September hatten wir Offiziere und einige verfassungstreue Soldaten des königlichen Heeres. Kurze Zeit später erreichte uns eine große Schar von Juden (unser Kloster war gleichsam eine Arche Noah).“

Mutter Benedetta OSC und Schwester von S. Quirico

Assisi, 10. Oktober 2013