Mutter Maria Gratia OCSO: Wenn schon Kloster, dann richtig

Dahlemer Binz: Von einer gottlosen NS-Ordensburg zu einem Kloster des zweitstrengsten Ordens der katholischen Kirche

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Von Jan Bentz

ROM, 7. September 2012 (ZENIT.org). – Schweigen, um Gott Raum zu geben: In unserer Zeit der geschwätzigen Redseligkeit trifft ein Mensch, der freiwillig -außer zum Gotteslob- schweigt, eher auf Unverständnis und Kopfschütteln. Ohne Gespräche, ohne dauernden Kontakt untereinander, notfalls mithilfe der Technik, komme der Mensch nicht aus, scheint die einhellige Meinung zu sein. Aber: Auch eine Trappistin schweigt durchaus nicht, sie spricht vielleicht sogar mehr als manch anderer. Mindestens sieben Mal, mehrere Stunden eines jeden Tages nämlich, erhebt sie ihre Stimme  zu Gott – hier im Kloster Maria Frieden ab vier Uhr morgens. Schweigend arbeiten, singend und betend ins Zwiegespräch mit Gott eintreten, so könnte man den Tagesablauf einer Zisterzienserin der strengeren Observanz (OCSO) auf dieser idyllischen Anhöhe in der reinen, klaren Luft der Hocheifel beschreiben. Trappistinnen leisten „der göttlichen Majestät einen demütig-hohen Dienst in Einsamkeit und Schweigen, anhaltendem Gebet und hochherziger Buße“, heißt es in den Statuten. ZENIT hatte Gelegenheit, mit der neu gewählten Äbtissin, Maria Gratia Adler OCSO*, die seit 28. Mai 2012 im Amt ist, zu sprechen.

ZENIT: Mutter Gratia, Sie sind seit Mai dieses Jahres neu gewählte Äbtissin des Trappistinnenklosters Maria Frieden in der Eifel. Ihr Lebensstil erscheint in der heutigen Zeit geradezu als Provokation. Warum sind Sie im Alter von 26 Jahren Trappistin geworden und nicht einem anderen kontemplativen Orden beigetreten?

M. Gratia: Das hat sehr einfache Gründe: Zum einen kannte ich kaum andere Klöster und Orden, nur der Karmel hätte mich noch interessiert. Aber dort gab es Rekreation, und der ganze Stil sprach mich einfach nicht stark genug an. Zum anderen suchte ich mir auch nicht selbst aus, wohin Gott mich berufen wollte, folgte aber doch einem inneren Gespür und einer grundeigenen Sehnsucht. Hier in Maria Frieden fühlte ich mich von Anfang an gewissermaßen angezogen und wie zu Hause. Mein Ursprungsgedanke war: wenn schon Kloster, dann richtig, d.h. möglichst streng.

ZENIT: Bete und arbeite: Diese Regel gilt im Besonderen für das monastische Leben. Wie viel Zeit widmen Sie dem Gebet und wo liegen Ihre Betätigungsfelder, d.h. woraus besteht Ihre Arbeit, und wodurch bestreitet die Gemeinschaft heute ihren Lebensunterhalt?

M. Gratia: Wenn man es ein wenig zusammenrechnet, sind es täglich ungefähr 4 Stunden, die wir gemeinsam in der Kirche verbringen, sowohl zum Gottesdienst im umfassenden Sinn als auch zum stillen, betrachtenden Gebet. Jeder kann natürlich noch länger und öfter dort beten. Unsere Betätigungsfelder liegen in der Handarbeit und was es im Haus zu tun gibt, also auch Sakristei, Wäscherei, Gästehaus, Garten, Pforte, Hausmeisterei. Unter Handarbeit ist jetzt die Arbeit in den Betrieben zu verstehen, die vor allem die Herstellung von Paramenten und Kräuterlikör mitsamt Hautöl und Kastanienextrakt umfasst. Für die Paramente haben wir eine eigene Handweberei angeschlossen mit sechs großen Webstühlen. Zusätzlich bringen wir auch Seidenmalerei in das Nähen von liturgischen Gewändern mit ein. Zusammen mit dem Gästehaus und dem Verkauf von Karten, Kerzen und Büchern bestreiten wir einen guten Teil unseres Lebensunterhaltes. Ohne Spenden und Renten würde das aber nicht reichen, denn der Unterhalt der Gebäude erfordert Einiges, auch wenn wir persönlich relativ arm und sparsam leben.

ZENIT: Papst Benedikt XVI. hat die kontemplativen Orden als das Herz der Kirche, des mystischen Leibes Christi, bezeichnet und damit deren unersetzliche Funktion gewürdigt. Ein Leib ist ohne das Herz nicht lebensfähig. Das bedeutet, Sie und Ihr Orden erfüllen in der Kirche eine lebenswichtige Aufgabe. Was kann getan werden, gerade junge Menschen für eine mögliche Berufung zu dieser Lebensform zu sensibilisieren? Wie steht es mit der Zukunft, besonders Ihrer Kommunität, aber auch der Trappisten in anderen Teilen der Welt?

M. Gratia: Wie man junge Menschen für das Ordensleben sensibilisieren könnte, weiß ich auch nicht. Die Hauptarbeit leistet sicher der Heilige Geist. Charismatische Führungsgestalten sind gewiss auch notwendig. Von Taizé beispielsweise geht eine große und weitreichende Kraft aus. Auch gibt es ja so manche Klöster, die großen Zulauf haben, auch wenn sie die Ausnahme sind. Die Filme „Die große Stille“ und „Von Menschen und Göttern“ haben sicher einen globalen Beitrag geleistet, um diese andere Welt der Klöster jüngeren Menschen nahezubringen. Was auch sehr hilfreich ist: gute Ministrantenarbeit, Jugendarbeit, christliche Pfadfinder, Alternativprogramme in die Natur und in Entwicklungsländer. Wie authentisch wir selbst unser Leben führen, egal ob es bemerkt wird oder nicht, spielt sicher auch eine Rolle. Die Zukunft unserer Klöster liegt in Gottes Hand. Wir können darauf vertrauen, dass wir in unserem verborgenen Leben viel im Untergrund mitwirken dürfen, ohne dass die Welt davon erfährt. In unserem Orden sind die Männer- und Frauenklöster in Europa und Nordamerika einschließlich Kanada eher am Aussterben, während in Südamerika, Afrika, Asien, Ozeanien und in den östlichen Ländern ein echter Boom zu verzeichnen ist. In Tschechien z.B. wurden jetzt ein Trappistinnenkloster und vor einigen Jahren ein Trappistenkloster gegründet, die rasant anwachsen. In Australien gibt es auch ein großes Trappistenkloster, das keinen Nachwuchsmangel leidet.

Jeder hätte gern ein Geheimrezept, wie das eigene Kloster wieder zum Blühen und Wachsen kommt, aber wir haben es nicht in der Hand. Tag für Tag treu die Berufung leben, froh und zuversichtlich auf das Kommen des Herrn warten und den Mitmenschen dienen, das ist ein riesengroßes Geschenk und birgt seinen Sinn in sich selbst.

*Am 16. März 2012 wurde Schwester Maria Gratia Adler OCSO zur Äbtissin für eine Amtszeit von sechs Jahren gewählt. Mutter Maria Gratia ist 1960 geboren und trat 1986 in die Gemeinschaft ein. Ihre feierliche Profess legte sie 1992 ab. Zur Zeit ihrer Wahl war sie Subpriorin, Novizenmeisterin und Kantorin.

Die Dahlemer Binz in der Hocheifel (550 bis 580 Meter über NN) war zunächst Weideland der Dahlemer Landwirte. Im „Dritten Reich“ wurden hier die Gebäude für eine Musterschäferei und ein Erholungsheim errichtet. Dann richtete man eine „NS-Ordensburg“ für Jugendfreizeiten und Ferienlager der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädchen zur Indoktrination im nationalsozialistischen Geist ein.

Nach dem Krieg kam das Gelände unter britische Militärverwaltung und wenig später erhielt das Bistum Aachen die Erlaubnis, es für die Neugründung der katholischen Pfadfinderbewegung zu nutzen. Schließlich erwarb die Trappistenabtei Maria Wald die Gebäude und Grundstücke und bereitete die Gründung eines Frauenklosters vor. 16 Gründerinnen aus den Niederlanden wurden am 8. Dezember 1953 feierlich in die Klausur eingeführt. 1956-1958 wurden die Kirche und die daran anschließende Krankenabteilung errichtet und am 8. Dezember 1958 eingeweiht.

Als Einnahmequelle diente zunächst die Landwirtschaft mit Geflügel, Ochsenmast und einer Milchviehherde. Weiterhin die Herstellung des Klosterelixiers aus 26 Kräutern und eine Handweberei. Heute sind weitere Kräuterprodukte hinzugekommen sowie die Gewinnung von Solarstrom. Die inzwischen unrentabel gewordene Landwirtschaft wurde weitgehend abgegeben. Ein großer Garten versorgt aber auch heute noch mit Obst und weiteren Ernteprodukten. Gäste werden mit aller Herzlichkeit aufgenommen und liebevoll versorgt. In der Gästekapelle, wohin auch die Gläubigen und Besucher von außerhalb kommen, können sie an allen Chorgebeten sowie an der Eucharistiefeier teilnehmen.

Die Schwestern in der Abtei Maria Frieden leben in Klausur. Die Eucharistiefeier und die traditionellen sieben Gebetszeiten Vigilien, Laudes, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet bilden das Herz ihres geistlichen Lebens.

Die Messgesänge der täglichen Eucharistiefeier werden lateinisch nach dem Zisterzienserchoral gesungen, ebenso die gregorianischen Antiphonen des Zisterzienserbreviers, alles andere, wie die Psalmen beim Chorgebet, in deutscher Sprache.

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http://www.mariafrieden-ocso.de/