"Mutter, schenke uns deinen Blick!"

Predigt und Angelus-Gebet des Heiligen Vaters heute in Cagliari

Rom, (ZENIT.org) | 317 klicks

Im Rahmen seines Besuches des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Bonaria in Cagliari (Sardinien) zelebrierte Papst Franziskus um 10.45 Uhr auf dem Vorplatz des Heiligtums eine hl. Messe. Im Folgenden veröffentlichen wir den Text der Predigt und des am Ende der Feier gesprochenen Angelus-Gebetes in einer eigenen Übersetzung.

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Predigt

Sa paghe ‘e Nostru Segnore siat sempre chin bois

Mit dem Besuch des Heiligtums Unserer Lieben Frau von Bonaria geht heute jener Wunsch in Erfüllung, den ich vor dem Sommer auf dem Petersplatz zum Ausdruck brachte.

1. Ich bin gekommen, um die Freuden und Hoffnungen, Mühen und Aufgaben, Ideale und Ziele dieser Insel mit euch zu teilen und euch im Glauben zu bestätigen. Wie ganz Sardinien ist auch Cagliari von Schwierigkeiten – ihrer gibt es viele   , Problemen und Sorgen betroffen: Ich denke ganz besonders an den Mangel und die Prekarität der Arbeit und die daraus resultierenden Unsicherheiten im Hinblick auf die Zukunft. In eurer schönen Region Sardinien existieren seit geraumer Zeit zahlreiche Formen der Armut, die durch die Insellage noch verstärkt werden. Für die Sicherstellung der Grundrechte der Personen und Familien und das Wachstum einer durch mehr Brüderlichkeit und Solidarität gekennzeichneten Gesellschaft sind die aufrichtige Zusammenarbeit aller und der Einsatz der verantwortlichen Institutionen und auch der Kirche vonnöten. Es bedarf eines Schutzes des Rechtes auf Arbeit; des Rechtes darauf, in den Genuss des durch die eigene Arbeit verdienten Brotes zu kommen! Ich bin euch nahe! Ich erinnere euch im Gebet daran und ermutige euch dazu, beständige Zeugen der so tief im Glauben und in der Geschichte dieses Gebietes und seiner Bevölkerung verwurzelten menschlichen und christlichen Werte zu sein. Lasst stets das Licht der Hoffnung leuchten!

2. Ich kam in eure Mitte, um mich gemeinsam mit euch der Gottesmutter, die uns ihren Sohn schenkt, zu Füßen zu legen. Ich bin mir der Gegenwart unserer Mutter Maria in eurem Herzen gewiss. Der Inbegriff dieser Gegenwart ist dieses Heiligtum, das so viele Generationen von Sarden besuchten – und noch besuchen werden! – um den Schutz der Gottesmutter von Bonaria, der höchsten Patronin der Insel, zu erflehen! Ihr seid Träger der Freuden und Leiden dieses Gebietes, dessen Familien und in der Ferne lebenden Kindern, die auf der Suche nach Arbeit und einer Zukunft für sich selbst und ihre Lieben oft mit großem Schmerz und großer Sehnsucht aufgebrochen sind. Heute wollen wir alle, die wir hier versammelt sind, Maria für ihre beständige Nähe danken und unser Vertrauen und unsere Liebe zu ihr erneuern.

Die erste Lesung führte uns die gemeinsam mit den Aposteln im Abendmahlssaal betende Maria vor Augen. Maria betet gemeinsam mit der Gemeinschaft der Jünger und lehrt uns, in ihrer Barmherzigkeit vollkommen auf Gott zu vertrauen. Dies zeigt uns die Kraft des Gebetes! Werden wir nicht müde, an die Tür Gottes zu klopfen. Lasst uns jeden Tag durch Maria unser gesamtes Leben zum Herzen Gottes tragen! Klopfen wir an die Tür zum Herzen Gottes!

Das Evangelium hingegen legt den Schwerpunkt auf den letzten Blick Jesu auf seine Mutter (vgl. Joh 19,25-27). Vom Kreuz herab blickt Jesus auf seine Mutter und vertraut ihr mit den Worten: „Das ist dein Sohn“ den Apostel Johannes an. Dieser Apostel ist der Inbegriff für uns alle, und durch den liebenden Blick Jesu werden wir dem mütterlichen Schutz der Gottesmutter anvertraut. Maria wird sich dabei an jenen Blick der Liebe erinnert haben, den Gott der Vater ihr als junge Frau in Betrachtung ihrer Demut und Kleinheit zuwandte. Von Maria lernen wir, dass Gott uns nicht verlässt. Er kann auch mit unserer Schwäche Großes vollbringen. Lasst uns auf ihn vertrauen! Klopfen wir an die Tür zu seinem Herzen!

3. Ich möchte nun zum dritten Gedanken übergehen: Ich bin heute in eure Mitte gekommen, oder vielmehr haben wir uns alle hier versammelt, um dem Blick Mariens zu begegnen, denn er ist gleichsam ein Spiegelbild des Blickes des Vaters, der sie zur Mutter Gottes machte, und des Blickes des Sohnes von Kreuz, der sie zu unserer Mutter machte. Mit diesem Blick sieht Maria uns heute an. Wir brauchen den zärtlichen und mütterlichen Blick Mariens, der die tiefste Kenntnis von uns erlangt, sowie ihren mitleids- und sorgenvollen Blick. Maria, wir möchten dir heute Folgendes sagen: Schenke uns deinen Blick! Dein Blick führt uns zu Gott, dein Blick ist ein Geschenk des guten Vaters, der an jeder Gabelung unseres Weges auf uns wartet, er ist ein Geschenk Jesu Christi, der mit dem Kreuz unser Leiden, unsere Mühen und unsere Sünden auf sich geladen hat. Um heute diesem liebevollen Vater begegnen zu können, sage wir zu ihr: Maria, schenke uns deinen Blick! Sagen wir es alle gemeinsam: „Maria, schenke uns deinen Blick!“. „Maria, schenke uns deinen Blick!“

Auf unserem oft schwierigen Weg sind wir nicht alleine, sondern viele, ein Volk, und der Blick der Gottesmutter hilft uns dabei, einander einen brüderlichen Blick zuzuwenden. Sehen wir einander im Zeichen der Brüderlichkeit an! Maria lehrt uns, diesen annehmenden, begleitenden, schützenden Blick zu haben. Lernen wir, einander unter dem mütterlichen Blick Mariens anzusehen! Es gibt Menschen, die wir instinktiv weniger wertschätzen und die jedoch ein größeres Bedürfnis danach haben: die am meisten Vernachlässigten, die Kranken, Mittellosen, jene, die Jesus nicht kennen, junge Menschen in Schwierigkeiten, junge Menschen ohne Arbeit. Haben wir keine Angst davor, hinauszugehen und unsere Brüder und Schwestern mit dem Blick der Gottesmutter zu betrachten. Sie lädt uns dazu ein, wahre Brüder zu sein. Lassen wir nicht zu, dass etwas oder jemand sich zwischen uns und den Blick der Gottesmutter stellt. Mutter, schenke uns deinen Blick! Möge er uns von niemandem verstellt werden! Möge unser kindliches Herz ihn vor den vielen Schwätzern schützen, die uns Hoffnungen machen, vor den nach einem einfachen Leben und nach unerfüllbaren Hoffnungen Trachtenden. Mögen sie uns nicht des zärtlichen, Kraft spendenden und Solidarität unter uns verbreitenden Blickes Mariens berauben. Mutter, schenke uns deinen Blick! Mutter, schenke uns deinen Blick! Mutter, schenke uns deinen Blick!

Nostra Segnora ‘e Bonaria bos acumpanzet sempre in sa vida.

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Angelus

Liebe Brüder und Schwestern,

vor dem Ende dieser Feier begrüße ich euch voller Zuneigung; mein besonderer Dank gilt meinen Mitbrüdern, den Bischöfen von Sardinien. Der Gottesmutter zu Füßen liegend, möchte ich jedem Einzelnen von euch, ihr lieben Gläubigen, Priester, Ordensmänner und -frauen, den Obrigkeiten und vor allem den an der Organisation Beteiligten, meinen Dank aussprechen. Vor allen Dingen möchte ich euch Maria, Unserer Lieben Frau von Bonaria, anvertrauen. In diesem Augenblick denke ich an die zahlreichen Marienheiligtümer Sardiniens: Zwischen eurer Heimat und Maria besteht eine starke Verbindung, die in eurer Verehrung und eurer Kultur zum Ausdruck kommt. Seid stets wahre Kinder Mariens und der Kirche, und bezeugt dies nach dem Beispiel der Heiligen mit eurem Leben!

In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass gestern in Bergamo die Seligsprechung des Kapuzinerpaters Tommaso Acerbis da Olera stattfand. Das Leben und Wirken des Seligen fällt in die Zeit zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert. Danken wir für diesen Zeugen der Demut und der Barmherzigkeit Christi!

Lasst uns nun gemeinsam den Angelus beten.

Angelus

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag und ein gesegnetes Mittagessen!