Muttertag, weltlicher Tag mit religiösem Vorläufer

Zumutung oder Chance?

Köln, (ZENIT.org) Nicki Schaepen | 520 klicks

Diesen Tag nicht zu begehen, können wir uns kaum vorstellen; wir wagen es nicht, den Tag zu ignorieren. Und dennoch graut es vielen davor: den Müttern, den Vätern und den — meist älteren — Kindern. Der „Muttertag” ist zu einer konsumierbaren Pflichtveranstaltung mit standardisierten Ritualen und Geschenken verkommen, ein Festtag für Kaufleute, ein oft peinlicher Tag für die Familien. Was soll man tun, was darf man erwarten — für sich als Mutter und vor den Verwandten und Nachbarn. Nolens volens geraten vielerorts Mütter und Väter, Töchter und Söhne in eine ausweglose Position, die kein Entkommen zulässt. Die unechte, gekünstelte Situation wabbert unglaubwürdig vor sich hin, vielleicht noch angereichert durch den Vortrag eines schwülstigen Gedichts der Marke „Reim’ dich oder ich fress’ dich” irgendeines Grundschulpoeten.„Same procedure as every year” — das Ritual spult ab wie immer, Frust und Enttäuschung oft inklusive.

Dabei hatte dieses Fest so gut angefangen: Erfunden wurde es 1907 durch Miß Anna Jarvis aus Philadelphia, USA. 1908 wurde der Festtag offiziell in Philadelphia gefeiert, das sich dessen bis heute rühmt. Die Idee traf den Zeitgeschmack. Am 9. Mai 1914 verkündete der amerikanische Präsident Wilson, den zweiten Sonntag im Mai künftig in den USA „als öffentlichen Ausdruck für die Liebe und die Dankbarkeit zu feiern, die wir den Müttern unseres Landes entgegenbringen.“ Der Muttertag fand schnell Akzeptanz in Europa, aber auch in Mexiko, wo er sogar zwei Tage lang gefeiert wird. Während in Amerika die Töchter (!) ihre Mütter in kirchlichen Einrichtungen und anderen Organisationen zu Banketten laden, wird in Deutschland die Mutter (oft leider nur an diesem Tag allein) in den Mittelpunkt gestellt.

In Deutschland hat der Muttertag einen braunfaden Beigeschmack bekommen, weil ihn die Nationalsozialisten in ihr rassistisches Gedankensystem eingebaut hatten. Die ideologische Wertschätzung der - natürlich nur „arischen“ — Mutter entsprang der ihr zugedachten Rolle als Heldenmutter, Garantin des Fortbestandes der Rasse und Gebärmaschine der so dringend benötigten Kriegshelden. Ein eigener Orden, das „Mutterkreuz“, ehrte kinderreiche Mütter — ein Ehrenzeichen, das volkstümlich und sarkastisch „Karnickelorden” hieß. Volksmund tut — manchmal — die Wahrheit kund.

Was zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei der „Erfindung“ des säkularen Muttertages keiner mehr wusste: Der weltliche Muttertag hat einen religiösen Vorläufer. Der Sonntag Laetare wurde in England zu Zeiten von Heinrich III. (1216-1239) als Mothering Sunday begangen, ein Tag, an dem der „Mutter Kirche“ für ihre Mutterschaft gedankt wurde. Zu diesem Feiertag der Kirche gehörte es schon damals, dass auch gegenüber der leiblichen Mutter an diesem Tag Dank ausgedrückt wurde. Auch diejenigen Kinder, die ihr Elternhaus bereits verlassen hatten, trafen sich mit der ganzen Familie im Elternhaus. Der Dank der Kinder gegenüber den Eltern wurde durch den „simmel cake“, den Semmelbrösel-Kuchen, ausgedrückt, dessen reichhaltige Zutaten schon auf Ostern verwiesen.

Für den guten Willen der meisten Menschen spricht, daß der junge, alte Muttertag nach dem „Tausendjährigen Reich“ wie der Phönix aus der Asche wieder auferstand. Und je besser es den Menschen ging, desto deutlicher zeigten sie ihre Mutterliebe oder das, was sie dafür hielten: Symbolträchtige Muttertagsgeschenke wie langstielige rote Rosen, Parfum, Pralinen der Sorte „Mon Chérie“ oder ersatzweise für ältere Damen ein Vitaminstoß des Produktes „Doppelherz“ wurden neben der herzförmigen roten Bonbonnière mit kitschig-knatschroter Plastikrose en vogue. Als es wirtschaftlich noch besser ging, das Satt-essen durch das Mehr- und Besser-Essen übertrumpft war, ließ sich der Festtag nur noch durch ein gestyltes neues Ambiente überbieten: Ein festliches Mittagessen im besten Haus am Platz, Kaffee und Kuchen, aber bitte mit Sahne, an ungewöhnlichem Orte oder ein feierliches Diner am Abend.

Der Muttertag hat sich zu einer perfekten Mütter- und Familienfalle entwickelt: Wer kann es sich leisten, die klischeehaften Formen zu negieren? Will man sich den als schaurig-kitschig erkannten Festritualen nicht unterwerfen, dann fehlt etwas, was andere vermeintlich haben. Unterwirft man sich den Festformen, hat man etwas, was man nicht haben wollte. Gibt es keinen Ausweg?

Um es mit Erich Fromm zu sagen: Wer den Muttertag im „Haben-Modus“ begeht, wird seinen Schrecken nicht entkommen: Ein oft wenig erfreulicher Festtag als Alibi für das Restjahr. Wer den Muttertag im „Sein-Modus“ begeht, ihn verinnerlicht und alltäglich macht, braucht sich nicht mehr für das Restjahr freizukaufen. Er — oder besser: diese Mutter — hat ganzjährig Muttertag, auch wenn der eine Tag ihr besonders gehört. Hier gerät das „feste feiern“ wieder zum richtigen „Feste feiern“, indem eines Problems wenigstens einmal im Jahr gedacht wird, das sich sonst aber im Verhalten ausdrückt. Das Gleichgewicht von „der-Mutter-ganzjährig-gewogen-sein“ zu dem „einmal-im-Jahr-bedenken“ ist hergestellt.

Übrigens gilt diese Einstellung zum Muttertag nicht für den Vatertag, der kein Pendant ist. Der Vatertag ist kein Ehrentag der Väter, sondern ursprünglich Anlass zu einer „Herrenpartie“ für meist jüngere und unverheiratete Männer, die manchmal leider zu einem solchen Besäufnis entartet, dass keiner der Herren mehr wie ein Herr wirkt.

Und ganz nebenbei kann das Sinnbild der Mutter, wenn es auch wieder am Muttertag gilt, übertragen werden: auf die Mutter Gottes, die Gottesmutter Maria, und auch auf die Mutter Kirche. Oder umgekehrt: Vielleicht ist die vermisste Wertschätzung für die Mutter Maria und die Kirche ein Anzeichen dafür, dass die Bildhaftigkeit der Mutter in unserer Gesellschaft nicht mehr ausreichend verstanden wird.

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