Mysterium Rosarii Beatae Mariae Virginis

H.I.F. v. Bibers Rosenkranzsonaten

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Von Daniel Kretschmar

SALZBURG, 15. Oktober 2012 (ZENIT.org). ‑ Dass die Malerei Themen der Religion abbildet und geistliche Inhalte auf die Leinwand bringt, ist mehr als bekannt, staunt man doch über die unterschiedlichsten Meisterwerke, die in Ausdruck und Detailverliebtheit im Betrachter eine Stimmung erzeugen, die ihn auf den Gegenstand hinter dem Sichtbaren lenkt. Aber dass es auch im musikalischen Bereich eine Malerei, eine Tonmalerei, gibt, wird häufig übersehen. Gerade die kirchliche Musik hat zur Aufgabe, die Transzendenz Gottes in der Immanenz erfahrbar zu machen und mittels ihrer Klänge den Menschen aus dem Weltgeschehen in Gottes Ewigkeit zu erheben. Insbesondere der Gregorianische Choral schafft eine unübertroffene Synthese zwischen Gebet und musikalischem Ausdruck, so dass er selbst zum gesungenen Gebet wird.

Im Laufe der Musikgeschichte versuchten die verschiedensten Komponisten auf ihre je eigene Weise, diesem Ideal zu folgen. So auch Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644-1704). Als Musiker des Salzburger Fürsterzbischofs und späterer Hofkapellmeister hatte er für Musiken unterschiedlichster Art zu sorgen. Sein Dienstherr, Fürsterzbischof Max Gandolph von Kuenburg (1622-1687), war ein großer Förderer der Rosenkranzandachten, und so gilt es als gesichert, dass Biber etwa Mitte der 1670er Jahre eine Sammlung verfasste, die die Mysterien des Lebens Jesu und Mariens betrachtete. Die Bezeichnung „Rosenkranzsonaten“ ist nicht original; man nennt sie „Mysterien“, da Biber in seiner Widmung an den Fürsterzbischof schreibt: „Ich habe das ganze Werk der Ehre der XV Heiligen Mysterien gewidmet, die Ihr so ausgesprochen fördert.“

Möglicherweise wurden sie für die bestehende Rosenkranzbruderschaft aufgeführt, die beispielsweise in einer Kirche von einem Bild oder einer Skulptur zur anderen ging und vor diesen szenischen Darstellungen die Geheimnisse des Rosenkranzes betend betrachtete. Daneben erklang die Musik, die ihrerseits eine Betrachtung ist. Musikalisch greift Biber die einzelnen Gesätze auf und meditiert sie. Dazu nutzt er das Mittel der Skordatur, einer Verstimmung der Violine, die dem Instrument ganz neue und ungewöhnliche Farben und Stimmungen entlockt. Der gesamte Klangcharakter ändert sich und verleiht der jeweiligen Meditatio ihre besondere Schattierung. So stehen den dissonanten Skordaturen des Leidens, die den Klang der Violine dämpfen, verbunden mit den jeweiligen Tonarten, die hohen der freudenreichen Geheimnisse von der Geburt Christi und dem Besuch Mariens bei Elisabeth gegenüber.

Einige Stücke sind auch in anderen Fassungen und Titeln überliefert, so dass davon auszugehen ist, dass Biber sie anderen Suiten entnommen oder für wieder andere verwendet hat.

Eines wird beim Hören deutlich: Diese Kompositionen versagen ihre Wirkung nicht. Insbesondere dem gläubigen Ohr öffnen sie den Blick hinein in das Mysterium Gottes und Sein Heilshandeln. Der Christ weiß sich gerade an der Hand Mariens geführt, denn Maria führt direkt zu Christus, sie verweist auf ihn. Und so ist auch der Rosenkranz ein Christusgebet. Maria hilft uns, ihren Sohn zu betrachten, wie sie es im Stall von Bethlehem und bis unter das Kreuz hin zur Himmelfahrt und ihrer eigenen Krönung im Himmel getan hat und tut. Sie lehrt den Menschen, die Geheimnisse Gottes in dem ihm möglichen Maß zu erfassen. Wenn nun zu dem gewöhnlichen Rosenkranzgebet die jeweilige Musik Bibers erklingt, so wird der Beter in seinen verschiedenen Sinnen angesprochen. Wie das Gebet geistgewirkt ist, so ist es auch die Musik. Sie kommt aus der Ewigkeit, und sie geht zu ihr zurück.

Kein Ton kann aus sich heraus gehalten werden. Es bedarf des Erzeugens. Im Nachhall eines Raumes hört man das Echo der Ewigkeit. „Maria bewahrte all diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen‟ (Lk 2,51). Maria war eine Meisterin des inneren Gebets, der Betrachtung. Unter ihrem Herzen ruhte der Erlöser. So wie die Musik im Herzens des Einzelnen einen Widerhall findet, so damit auch das Geheimnis Gottes, der im Herzen des Menschen wohnen will. Das Gebet und die Musik helfen somit, das Herz zu öffnen, damit Er einziehen kann.

*Daniel Kretschmar, 1980 in Offenbach am Main geboren, studierte Katholische Kirchenmusik A an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, im Rahmen dessen er eine rege Konzerttätigkeit als Organist entfaltete. Mit dem Eintritt ins Priesterseminar nahm er das Studium der Katholischen Theologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz auf, das einen längeren Studienaufenthalt in Rom beinhaltete und das er 2010 mit dem Diplom und einer Arbeit über die Trinitätslehre Thomas von Aquins abschloss. Im Juni 2011 empfing er in Rom die Priesterweihe und wirkt derzeit in Salzburg.