Nach der verheerenden Katastrophe bekommt Haiti jetzt seine Chance

"Die Hoffnungsträger eines neuen Haiti in der Stunde Null"

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Angela Reddemann

ROM, 26. Januar 2010 (ZENIT.org).-Die Nachbeben halten in Haiti an, die Unsicherheit bleibt, die Angst regiert noch in vielen Herzen. Zwei Wochen nach dem unvorstellbaren Erdbeben in der Karibik, das mindestens 160.000 Menschen das Leben gekostet hat, wagen internationale Beobachter, auch von einer Chance für Haiti zu sprechen. Die Frage ist nur, wer "in dieser Stunde Null die Hoffnungsträger eines neuen Haiti" sind.

Die global vernetzte Internationale Gemeinschaft hat bewiesen, dass sie nicht in der Zuschauerrolle bleiben wollte. Zudem sind kirchliche und karitative Einrichtungen schon seit Jahren auf Haiti präsent und verfügen über eine gute Infrastruktur und Sachkenntnis, die jetzt bei der Soforthilfe der ganzen Bevölkerung zugute kommt.

Über das deutsche bischöfliche Hilfswerk Adveniat, das Haiti in den Mittelpunkt seiner Weihnachtsspendenaktion 2009 gerückt hatte, hatten verschiedene Kirchengemeinden, Schulen und soziale Einrichtungen direkten Kontakt zu haitianischen Kirchenführern. Erst im November war der haitianische Bischof Pierre-André Dumas zu Besuch im Ruhrgebiet.

Als Präsident von Caritas Haiti rief er jetzt zu einem Wiederaufbau auf, "bei dem ein besseres Haiti entsteht". Nächstenliebe und die Art und Weise, wie mit der Krise umgegangen werde, könnten einen Beitrag zu mehr Großherzigkeit und Offenheit untereinander leisten, erklärte Dumas in einem von der Französischen Bischofskonferenz im Internet veröffentlichten Dokument. Dumas, Bischof der Diözese Anse-à-Veau, verlor nach eigenen Angaben bei dem Erdbeben eine Nichte und einen Schwager.

"Es gibt zwar derzeit keine Regierung", so Oliver Müller von Caritas International, "aber es gibt Kirchengemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen. Das müssen tragende Säulen des Wiederaufbaus werden, damit es zu keiner zweiten Kolonialisierung Haitis kommt. Für jede deutsche Hilfsorganisation sollte der Aufbau von haitianischen Partnerorganisationen deshalb Priorität haben. Denn das sind in dieser Stunde Null die Hoffnungsträger eines neuen Haiti."

Es sind viele sehr konkrete Initiativen, die nicht wie ein Tropfen auf den heißen Stein blieben, sondern zusammen eine wirksame Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst haben. Bisher gibt es nach offiziellen Angaben des haitianischen Innenministeriums 111.499 Tote und 193.891 Verletzte. Insgesamt sind 55.000 Familien betroffen, und in 500 provisorischen Aufnahmelagern sind 609.621 Menschen untergebracht. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist der Hafen in Port-au-Prince wieder "teilweise operativ“, dies gelte auch für etwa 30 Prozent der Tankstellen.

Eine Equipe des römischen Kinderkrankenhauses „Bambino Gesù“, zu der auch Narkoseärzte und Krankenpfleger gehören, wird nach Haiti gehen. Das Krankenhaus des Heiligen Stuhls leistet nicht zum ersten Mal Nothilfe. „Wir haben Hilfsaktionen im Auftrag des italienischen Außenministeriums mit Unterstützung der Stadt Rom bereits vor einem Jahr in Gaza durchgeführt, wo wir Nothilfe unter Kindern und jugendlichen Opfern der Nahostkrise geleistet haben“, so der Präsident des Krankenhauses, Giuseppe Profiti. Das römische Kinderkrankenhaus hilft haitianischen Kindern seit mehreren Jahren bereits im Rahmen eines Programms mit dem Namen „Delegation der fünf Kontinente“.

Kardinal Maradiaga, Präsident von Caritas International schlug während des "ersten mexikanischen Priesterkongresses" in Acapulco die Aufnahme von Waisenkindern aus Haiti und Seminaristen, die keine Ausbildungseinrichtung mehr hätten, vor.

Die Venezolanische Bischofskonferenz brachte unterdessen eine Spendenkollekte für Haiti auf den Weg und fordert in diesem Sinn alle auf, eigene Spenden zur Verfügung zu stellen, die an Caritas Haiti weitergeleitet werden sollen. Vor Ort habe man bereits einen Aktionsplan entwickelt, in dessen Rahmen Hilfsmaßnahmen umgesetzt werden.

Der Präses der Kongregation der Benediktiner von St. Ottilien, Erzabt Jeremias Schröder OSB, versicherte gestern, das die Kongregation der Benediktiner von St. Ottilien (Missionsbenediktiner) 20.000 Euro aus dem Katastrophenfonds der Kongregation bereitgestellt habe und dem Priorat Morne Saint-Benoit, ca. 65 Kilometer nördlich von Port-au-Prince zur Verfügung gestellt habe.

"Das Kloster ist dadurch selbst in der Lage, den Erdbebenopfern zu helfen. Erste Flüchtlinge aus der zerstörten Hauptstadt wurden bereits aufgenommen, darunter 15 Waisenkinder. Jeden Tag treffen mehr Menschen aus Port-au-Prince in dieser Region ein.“ Das Priorat Morne Saint-Benoît wurde 1981 vom bretonischen Kloster St Guenole in Landévennec gegründet. Der Abt des Mutterklosters, Jean-Michel Grimaud, hält sich derzeit zu einer Visitation in Haiti auf und hat das Beben miterlebt.

Die Mitarbeiter von Malteser International arbeiten im Krankenhaus "Francois de Sales“ im Zentrum von Port-au-Prince. In Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation COTEDO mit Sitz in der Dominikanischen Republik verteilen die Malteser auch Lebensmittel und Medikamenten in fünf Aufnahmecamps und Notaufnahmestellen in der Umgebung von Port-au-Prince.

Wie der Beauftragte des Malteserordens in Rom berichtet, ist das Krankenhaus des Malteserordens "Sacre Coeur“ im Norden des Landes an die Grenzen der Aufnahmekapazität gelangt: Schwerverletzte werden im Helikoptern in das Krankenhaus gebracht. Auch die Malteser bestätigen die tragische Situation, die bereits andere internationale Hilfswerke in den vergangenen Tagen beklagten: Ärzte sehen sich mangels medizinischer Geräte oft gezwungen auch bei einfachen Brüchen Gliedmaße zu amputieren. Insgesamt arbeiten 10 Ärzte der Malteser auf Haiti.

Internationale Hilfswerke, die bei den Nothilfeprogrammen auf Haiti mitwirken, berichten heute vom ersten Auftreten ansteckender Krankheiten unter den Überlebenden des verheerenden Erdbebens.

Gemeldet werden Durchfallerkrankungen infolge des Mangels an sauberem Trinkwasser, Atemwegsinfektionen, vor allem unter Kindern, Hautkrankheiten, Tetanus und sogar erste Fälle von Hirnhautentzündung. Zehn Tage nach dem Erdbeben sind Knochenbrüche und Amputationen und deren Behandlung weniger häufig, dafür steigt wie vorhergesehen die Zahl der Patienten mit Infektionskrankheiten. "In dieser Situation ist eine solche Entwicklung ganz normal“, so die Mitarbeiterin des Rotenkreuzes auf Haiti, Beatrix Karottki in einer Mitteilung, in der sie auch erläutert, dass oft unsachgemäß behandelte Wunden zu nachfolgenden Komplikationen führen.

Caritas international, das Hilfswerk der deutschen Caritas, warnt unterdessen vor einem Wiederaufbau, der an den Menschen Haitis vorbeigeht. Oliver Müller mahnt: "Eine Lehre der Tsunami-Hilfe war, dass ein langfristig erfolgreicher Wiederaufbau nur gemeinsam mit den betroffenen Menschen gelingt. Die große Chance zum Neuanfang, die für das Land im Wiederaufbau liegt, müssen wir in enger Partnerschaft mit den Haitianern nutzen." Die Hilfe, die derzeit beispielsweise vom US-Militär geleistet werde, sei in der jetzigen Phase der Nothilfe wichtig und richtig, dürfe aber nicht zur Dauerlösung werden.

Die haitianischen Partner, seien es kirchliche oder zivilgesellschaftliche Akteure, mit ihren guten Kenntnissen des regionalen Kontextes müssten in allen Phasen der Hilfe von der Koordination über die Planung bis hin zur Umsetzung so schnell und so eng wie möglich einbezogen werden.

Untergang und Neuanfang: Die Beerdigung des Erzbischofs von Haiti, Joseph Serge Miot, in der Hauptstadt Port-au-Prince war zugleich eine Trauerfeier für die inzwischen mehr als 112.000 registrierten Toten der Erdbeben-Katastrophe. Er starb zusammen mit Dutzenden von Priestern, über hundert Ordensleuten, darunter auch Charles Benoit, Generalvikar der Erzdiözese Port-au-Prince, der in einer Haltung des Gebetes, geklammert an eine Anbetungsmonstranz aus dem Schutt gezogen wurde.

Gestern fand ein ökumenisches Gebet für die Opfer des Erdbebens auf Haiti in Hongkong statt. Wie es in einer gemeinsamen Verlautbarung der christlichen Glaubensgemeinschaften heißt, sind „alle Christen zum Gebet für die Haitianer eingeladen“ und zwar im Zeichen der Solidarität und des gemeinsamen christlichen Zeugnisses.

Mit dem Requiem von Mozart als Benefizkonzert sammelte die deutsche Provinz der Jesuiten in München nicht nur 35.000 Euro für Haiti, sondern bot auch die Gelegenheit, sich auf diese eindrucksvolle Weise mit den Opfern zutiefst zu verbinden, erklärte Kirchenrektor P. Breulmann SJ gestern.