"Nachfolge, Gemeinschaft, Teilen"

Heilige Messe und eucharistische Prozession am Fest des Heiligsten Leibes und Blutes Christi

Rom, (ZENIT.org) | 629 klicks

Am Fest des Heiligsten Leibes und Blutes Christi feierte der Heilige Vater Franziskus gestern Abend um 19.00 Uhr eine hl. Messe auf dem Vorplatz der Basilika St. Johannes im Lateran.

Anschließend leitete er der eucharistischen Prozession über Via Merulana bis hin zur Basilika St. Maria Maggiore.

Im Folgenden veröffentlichen wir in einer eigenen Übersetzung die vom Papst für die Gläubigen während der Eucharistiefeier gehaltene Predigt:

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Liebe Brüder und Schwestern!

Im heutigen Evangelium ist ein Satz Jesu enthalten, der mich stets aufs Neue berührt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Lk 9,13). Ausgehend von diesen Worten werde ich folgende drei Gedanken in den Mittelpunkt meiner Betrachtungen stellen: Nachfolge, Gemeinschaft, Teilen.

Wenden wir uns zunächst folgender Frage zu: Wem soll zu essen gegeben werden? Die Antwort steht am Beginn des Textes im Evangelium: der großen Schar, der Menge. Jesus befindet sich unter den Menschen; er nimmt sie auf, spricht zu ihnen, kümmert sich um sie und zeigt ihnen das Erbarmen Gottes; unter ihnen wählt er zwölf Apostel als seine Gefährten aus, die ebenso wie er in die real auftretenden Situationen der Welt eintreten. Die Menschen folgen Jesus, sie hören auf ihn, da Jesus auf neue Weise spricht und handelt, mit der Autorität eines Menschen, der echt und überzeugend lebt, der mit Wahrheit spricht und handelt, der die Hoffnung schenkt, die von Gott kommt, der das Antlitz eines Gottes offenbart, der Liebe ist. Die Menschen loben Gott voller Freude.

Heute Abend sind wir die Menschenmenge aus dem Evangelium. Auch wir versuchen, Jesus nachzufolgen, um auf ihn zu hören, in der Eucharistie in die Gemeinschaft mit ihm einzutreten, um ihn zu begleiten und damit er uns begleitet. Fragen wir uns Folgendes: Wie folge ich Jesus nach? Jesus spricht in der Stille des Geheimnisses der Eucharistie und ruft jedes Mal in Erinnerung, dass Nachfolge bedeutet, aus sich selbst herauszugehen und aus seinem Leben nicht einen Besitz zu machen, sondern ein Geschenk an ihn und an die anderen.

Begeben wir uns nun einen Schritt nach vorne: Woher kommt die Einladung Jesu an die Jünger, der Menge zu essen zu geben? Dazu sei auf zwei Elemente hingewiesen. Diese Aufforderung entsteht zuerst aus der Menge selbst, die Jesus nachgefolgt ist und sich fern von bewohnten Orten befindet, während es Abend wird. Ferner entspringt sie der Sorge der Jünger, die Jesus bitten, die Menschen wegzuschicken, damit sie „in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen“ (vgl. Lk 9,12). Für die Not der Menge haben die Jünger folgende Lösung bereit: Jeder denke an sich selbst! Die Menge solle verabschiedet werden. Wie oft stehen wir Christen in dieser Versuchung, uns nicht der Bedürfnisse der anderen anzunehmen und sie mit den mitleidigen Worten: ‚Gott möge dir helfen!’ wegzuschicken. Die Lösung Jesu geht jedoch in eine andere Richtung, die die Jünger überrascht: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ „Doch wie können wir einer Menschenmenge zu essen geben? Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für all diese Leute Essen kaufen.“ Jesus verliert dennoch nicht den Mut und fordert die Jünger dazu auf, die Menschen in Gruppen von ungefähr 50 Menschen zusammensitzen zu lassen. Daraufhin erhebt er den Blick zum Himmel, spricht das Segensgebet, bricht das Brot und gibt es den Jüngern, damit diese es verteilten. Dies ist ein Moment tiefer Gemeinschaft: Die Menge, die ihren Durst mit dem Wort Gottes stillte, wird nun von seinem Brot des Lebens genährt. Und alle wurden satt, wie der Evangelist anmerkt.

Heute Abend sind auch wir um den Tisch des Herrn versammelt, am Tisch des eucharistischen Opfers, an dem er uns erneut seinen Leib schenkt, das einzige Opfer des Kreuzes vergegenwärtigt. Indem wir sein Wort hören und uns von seinem Leib und Blut nähren, werden wir von der Menge zur Gemeinde und gehen von der Anonymität zur Gemeinschaft über. Die Eucharistie ist das Sakrament der Gemeinschaft, das uns aus dem Individualismus austreten lässt, um gemeinsam die Nachfolge und den Glauben an ihn zu leben. In diesem Zusammenhang sollten wir uns alle vor dem Herrn folgende Frage stellen: Wie lebe ich die Eucharistie? Lebe ich sie anonym oder als einen Moment wahrer Gemeinschaft mit dem Herrn und mit den vielen Brüdern und Schwestern, die diesen Tisch teilen? Wie sind unsere Eucharistiefeiern?

Lasst uns nun auf den letzten Punkt eingehen: Woher kommt die Brotvermehrung? Die Antwort liegt in der Aufforderung Jesu an die Jünger: „Gebt ihr ihnen …“, d.h., der Aufforderung zu „teilen“. Was teilen die Jünger? Sie teilen das Wenige, das sie hatten: die fünf Brote und die zwei Fische. Gerade diese Brote und Fische sind es, die in den Händen des Herrn die gesamte Menge sättigen, und gerade die angesichts der Armut und der Begrenztheit der ihnen zur Verfügung stehenden Mittel verlorenen Jünger sind es, die im Vertrauen auf den Herrn die Menge sättigen. Dies sagt uns, dass sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft ein Schlüsselwort existiert, vor dem wir keine Angst haben dürfen: „Solidarität“; d.h., Gott das, was wir haben, unsere bescheidenen Fähigkeiten, zur Verfügung stellen können, denn nur im Teilen, im Geschenk, wird unser Leben fruchtbar. Solidarität. Dieses Wort wird vom Geist der Welt nicht gerne gesehen!

Am heutigen Abend verteilt der Herr erneut das Brot, das sein Leib ist, an uns und schenkt sich auf diese Weise. Auch wir erfahren die Solidarität Gottes mit dem Menschen, eine Solidarität, die niemals endet und uns immer wieder erstaunt: Gott kommt uns nahe; im Opfer des Kreuzes erniedrigt er sich und tritt in die Finsternis des Todes, um uns sein Leben zu geben, das das Böse, den Egoismus und den Tod besiegt. Auch an diesem Abend schenkt sich Jesus uns in der Eucharistie; er teilt unseren Weg und wird sogar zu unserer Speise, der wahren Speise, die unser Leben auch in jenen Momenten trägt, in denen die Straße hart ist und die Hindernisse unseren Schritt verlangsamen. In der Eucharistie lässt der Herr uns seinen Weg einschlagen; den Weg des Dienstes, des Teilens, des Geschenkes, und das Wenige, das wir haben und sind, wird, wenn es geteilt wird, zu einem Reichtum, da die Macht Gottes, die Macht der Liebe, in unsere Armut herabkommt, um sie zu verwandeln.

Fragen wir uns daher heute Abend, während wir den wirklich in der Eucharistie gegenwärtigen Christus verehren: Lasse ich mich von ihm verwandeln? Lasse ich zu, dass der Herr, der sich mir schenkt, mich immer mehr aus meinem kleinen Gehege hinausführt, sodass ich keine Angst habe, zu schenken, zu teilen und ihn und andere zu lieben?

Nachfolge, Gemeinschaft, Teilen. Lasst uns darum beten, dass die Teilnahme an der Eucharistie uns stets provoziere: jeden Tag dem Herrn zu folgen, Werkzeuge der Gemeinschaft zu sein, mit ihm und mit unseren Nächsten zu teilen, was wir sind. So wird unser Dasein wahrhaft fruchtbar sein. Amen.