Natürliches Fruchtbarkeitsbewusstsein zur Förderung von Mann und Frau

Interview mit Edmund Adamus von der Erzdiözese Westminster

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LONDON, 20. APRIL 2007 (ZENIT.org).- „Natürliches Fruchtbarkeitsbewusstsein“ sei nicht lediglich eine Methode der Schwangerschaftsverhütung, sondern vermittle ein neues Verständnis der Fähigkeit zur Prokreativität, erklärt Edmund Adamus, Leiter für pastorale Angelegenheiten der Erzdiözese Westminster.



Adamus arbeitete an der Vorbereitung von neuem pädagogischen Material mit, das vor kurzem unter dem Titel „Natürliches Fruchtbarkeitsbewusstsein: die Freude am Plan Gottes“ veröffentlicht wurde. Es beinhaltet eine DVD und ein Heft und wurde von der Catholic Truth Society in Zusammenarbeit mit dem Luton Good Counsel herausgegeben, einem Beratungsdienst, der sich für den Lebensschutz einsetzt.

In diesem Interview mit ZENIT sprach Adamus über das neue Informationsmaterial und die Kernpunkte des natürlichen Fruchtbarkeitsbewusstseins.

ZENIT: In Ihrem neuen Informationsmaterial heißt es, es sei ein Führer zum natürlichen Fruchtbarkeitsbewusstsein. Handelt es sich denn dabei nicht einfach um natürliche Familienplanung (NFP)?

-- Adamus: Beim natürlichen Fruchtbarkeitsbewusstsein geht es nicht lediglich um NFP, sondern darum, in den Menschen und besonders in den Paaren eine tiefere Wertschätzung für die Gabe der Fruchtbarkeit reifen zu lassen. Und wie das so mit allen Gaben Gottes ist, sind wir dazu berufen, sie klug zu gebrauchen und sie in Ehren zu halten, so wie wir während der Trauung unserem Ehegatten versprechen, ihn zu ehren.

Fruchtbarkeitsbewusstsein bedeutet somit viel mehr als das bloße Wissen, wie man eine Schwangerschaft in Übereinstimmung mit der Lehre der Kirche zu Verhütung verhindern kann; es geht hierbei darum, Paaren – und besonders den Frauen – das gottgegebene Wissen um ihren Körper in die Hand zu geben, so dass es ihnen möglich wird, eine Schwangerschaft als Mitschöpfer Gottes zu erleben.

Wenn heutzutage eins von fünf Paaren an ernsthaften Subfertitilitäts- oder chronischen Infertilitätsproblemen leidet, dann muss die Hilfe, eine Schwangerschaft auf natürliche Weise zu erzielen, und so die Ungerechtigkeit einer In-Vitro-Fertilisation zu vermeiden, als eine pastorale Priorität gewertet werden.

ZENIT: Warum ist das neue Informationsmaterial notwendig? Gibt es nicht bereits unzählige Ressourcen, die katholischen Ehepaaren zur Verfügung stehen, die danach trachten, ihre Elternschaft verantwortlich zu leben?

-- Adamus: Es mag sein, das „unzählige Ressourcen“ zur Verfügung stehen. Aber Paare, die die verantwortliche Elternschaft leben wollen, berichten fast immer über Schwierigkeiten, entsprechende Anweisungen, Übungen und Unterstützung vor Ort zu finden.

Das bedeutet nicht, dass es keine unglaublich begabten Trainer gäben würde, die bestrebt sind, ihre Gegenwart spürbar zu machen und ihre Dienste vielen Menschen anzubieten. Dennoch wird diese Botschaft ohne geeignete Unterstützung im besten Fall ein Lippenbekenntnis bleiben – in den allermeisten Fällen wird sie jedoch schlichtweg ignoriert.

Unser Informationsmaterial möchte dieses Problem des Zugriffs überwinden. Es ist darauf ausgelegt, die Lehre der Kirche zu Ehe und Sexualität und die zugrunde liegende Weisheit in einfachen und klaren Termini darzulegen. Es stellt keine Forderungen an die örtlichen Seelsorger, sondern macht ihnen eine Ressource zugänglich, die es ihnen ermöglicht, eine Lehre, mit deren Weitergabe sie andernfalls womöglich Schwierigkeiten gehabt hätten, objektiv und lückenlos zu vermitteln.

ZENIT: Innerhalb der natürlichen Familienplanung gibt es verschiedene Schulen, wie beispielsweise jene, die die Billings-Methode, oder jene, die die Creighton-Methode anpreisen. Stellt Ihr Informationsmaterial eine neue Methode vor? Stimmen nicht alle Methoden mehr oder weniger miteinander überein?

-- Adamus: Unser Informationsmaterial verkündet, wirbt oder verteidigt keine bestimmte Methode des Fruchtbarkeitsbewusstseins. Es geht in erster Linie darum, in den Leuten – und das schließt auch die Priester ein – den Sinn für die Gefahren einer kontrazeptiven Mentalität zu schärfen, wie es so häufig von Papst Johannes Paul II. verkündet worden ist.

Das Informationsmaterial weist auf das Fruchtbarkeitsbewusstsein als ein Konzept hin, und obwohl die unterschiedlichen Methoden veranschaulicht werden, liegt es letztendlich am jeweiligen Paar zu entscheiden, welches für sie die geeignetste Methode ist.

Johannes Paul II. ermahnte die in diesem Bereich tätigen Experten, „ihre jeweilige Arbeit zu schätzen, Erfahrungen und Ergebnisse auszutauschen und beständig Spannungen und Meinungsverschiedenheiten zu vermeiden, die diese wichtige und schwierige Arbeit bedrohen könnten.“

ZENIT: Natürliches Fruchtbarkeitsbewusstsein oder auch verantwortliche Prokreativität ist einmal als das am besten verschwiegene Geheimnis der katholischen Kirche bezeichnet worden. Warum ist dem bislang von Seiten der Katholiken – und der Gesellschaft überhaupt –so wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden?

-- Adamus: Im Grunde genommen sind Unwissen und der Mangel an Verpflichtung gegenüber dem natürlichen Fruchtbarkeitsbewusstsein und der verantwortlichen Elternschaft das Problem der kontrazeptiven Kultur und Mentalität.

Kommentatoren – besonders unter den Katholiken –, die nicht mit der Kirchenlehre über Verhütung übereinstimmen, meinen, dass die Probleme mit der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ im Jahr 1968 zusammenhängen.

Das ist ganz eindeutig nicht der Fall. Man müsste moralisch blind sein, um die Auswirkungen der weit verbreiteten Verhütung, die Papst Paul VI. vorausgesagt hat, nicht zu sehen – darunter sogar solche jene, die er niemals hätte prophezeien können, wie Embryonenforschung, Klonen und künstliche Befruchtung.

Die seitdem entstandenen theologischen und pastoralen Spaltungen innerhalb der Kirche stellen eine Quelle enormer übernatürlicher Schäden für die Evangelisation dar. Ferner ist es aufgrund des kulturellen Klimas selbst für überzeugte Katholiken schwierig, gegenüber dem Einfluss der „Kultur des Todes“, um ein Wort von Johannes Paul II. zu gebrauchen, immun zu sein.

Die Konsequenzen des „Rauchs“, den wir einatmen, verursachen selbst an jenen, die niemals daran denken würden zu verhüten, aber besonders eben an jenen, die verhüten, moralische Schäden. Ohne die notwendige Pflege wird unser Gewissen stumpf und schläfrig gegenüber den toxischen, narkotischen Auswirkungen dieser Mentalität.

ZENIT: Sollten Ihrer Meinung nach die Pfarrer und die Verantwortlichen für Katechese und Ehevorbereitung größere Bereitschaft an den Tag legen, über das natürliche Fruchtbarkeitsbewusstsein und die Lehre der Kirche in diesem Bereich zu sprechen? Warum haben sich so viele Priester bislang doch sehr zurückhaltend gezeigt?

-- Adamus: Ja, ich denke schon, dass sich Ehevorbereitungskurs am besten dazu eignen – selbst für Paare in außerordentlichen Lebensumständen, wie zum Beispiel dem außerehelichen Zusammenleben – , um eine tiefere Wertschätzung des Fruchtbarkeitsbewusstseins zu vermitteln, auch wenn es da natürlich noch eine Vielzahl anderer Gelegenheiten gibt.

Wir dürfen die Verlobten niemals um das bringen, was ihnen rechtmäßig zusteht: eine volle, freie und informierende katechetische Erfahrung der gesamten kirchlichen Lehre zu Ehe und Familie. Nur dann können wir diesen Paaren Hoffnung bieten, so dass sie dann ihrem Hochzeitstag entgegengehen können im Vertrauen darauf, dass die Kirche sie liebt, ihre Träume teilt und weiterhin für ihre Berufung betet und diese ehrt, genauso wie sie auch für die Berufungen zum Priester- und Ordensleben betet.

Aufgrund dessen, was ich bereits über die Auswirkungen der kontrazeptiven Mentalität gesagt habe, verblüfft es wohl, aber überrascht mich nicht im Geringsten, dass die Priester wahrhaft begreifen, dass es ihnen möglich ist, den Verlobten etwas Bedeutendes zu sagen, und dennoch gibt es unter den beiden Berufungen mehr Gemeinsamkeiten, als diese bereit sind sich einzugestehen.

Die aufopfernden Aspekte des priesterlichen Lebens haben viel zu einer neuen Wertschätzung des Sakraments der Ehe beizutragen. Und Ehepaare, die mit ihrer Fruchtbarkeit Selbstbeherrschung üben, können ihrerseits viel zu einem neuen Verständnis des Charismas des Zölibats beitragen.

ZENIT: Wie bekannt ist das natürliche Fruchtbarkeitsbewusstsein in Großbritannien? Wird das neue Informationsmaterial auch außerhalb der Pfarrgemeinden im säkularen Umfeld Verwendung finden?

-- Adamus: Es ist leider wahr, dass die natürlichen Methoden der Familienplanung sicherlich weniger in Großbritannien bekannt sind als Verhütung und künstliche Befruchtung. Dafür könnten viele Gründe angeführt werden. Ich möchte aber einen Kommentar eines Paares auf unserer DVD erwähnen: Bei den natürlichen Methoden der Familienplanung fließt kein Geld, wohingegen viele Leute mit Verhütung und künstlicher Befruchtung Geld machen!

Könnte dieses Informationsmaterial auch in säkularem Umfeld gebraucht werden? Ich bin überzeugt, dass das moralische Klima und die geistige Empfänglichkeit niemals zuvor besser vorbereitet waren, um die Vorzüge der natürlichen Familienplanung von den Dächern zu verkünden. Es gibt unzählige Frauen, die verzweifelt auf diese Botschaft warten, und eine Unmenge von Männern, die sie erlernen sollten.

Wie Johannes Paul II. in der Theologie des Leibes erklärt hat, liegt aufgrund des Sündenfalls die Verantwortung, Initiative zu zeigen und Verwalter der Schöpfung zu sein, bei den Männern, denn dazu waren sie von Beginn an berufen. Das beinhaltet vor allen Dingen, als Mann auf die Berufung zum Hüter, Schutzherren und Liebenden der Fruchtbarkeit zu antworten.