Nebenwege - Pilgern auf Bayrisch

Neuer Film von Michael Ammann erzählt die (unfreiwillige) Pilgerreise eines krisengeschüttelten Architekten, dessen14-jährigen Tochter und seiner alzheimerkranken Mutter

Berlin, (ZENIT.org) Dr. José García | 323 klicks

Wieder einmal kommt Richard Beller (Roeland Wiesnekker) zu spät, um seine 14-jährige Tochter Marie (Lola Dockhorn), die seit der Scheidung der Eltern bei ihrer Mutter lebt, fürs Wochenende abzuholen. Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter ist ohnehin ziemlich gespannt, weil Marie ihm die Schuld an der Trennung gibt, an der das Mädchen offenbar leidet. Richard hat aber nicht nur Probleme in der Familie. Auch im Beruf läuft für den Architekten nicht alles glatt. Kaum unterwegs mit Marie kommt schon der erste Anruf eines Partners: Ein ganz wichtiger Auftrag droht verloren zu gehen, Richard müsse unbedingt zu einer Sitzung kommen. Das verspricht er auch, aber vorher muss er noch seine 78-jährige Mutter Hilde (Christine Ostermayer) in ein Altersheim bringen, weil sie deutliche Anzeichen einer Demenzerkrankung zeigt.

Die Mutter weigert sich aber, ihr Haus zu verlassen. Sie möchte wenigstens vor dem Umzug die Schwarze Muttergottes in Altötting aufsuchen. In einem Augenblick, als sich Peter mit dem Kofferpacken beschäftigt und Marie sich hinter Smartphone und Kopfhörern verbarrikadiert, weil ihr Vater ihren Geburtstag vergessen hat, macht sich die alte Dame in Kittelschürze und Hausschuhen auf den Weg zum Wallfahrtsort. Als Richard den Weggang seiner Mutter bemerkt, nimmt er zusammen mit seiner schmollenden Tochter die Suche nach Hilde auf. Erst nach Einbruch der Dunkelheit finden Richard und Marie die alte Dame in einem Wald. Richard kann seine Mutter dazu überreden, im Transporter zu übernachten. Das Versprechen, dass er auf gar keinen Fall wegfahren will, hat er nicht vor einzuhalten: Kaum ist sie eingeschlafen, startet er den Wagen. Marie ist empört, weil ihr Vater wieder einmal sein Wort gebrochen hat. Kurzentschlossen wirft sie den Autoschlüssel ins Gebüsch. Als Richard den Schlüssel wieder findet, ist es bereits hell. So setzen sie ihren Weg fort: Hilde zu Fuß, Richard im Schritttempo neben seiner Mutter her – bis er vom Telefonieren abgelenkt wird und den Wagen in eine Brache steuert. Weil der Transporter dort liegen bleibt, müssen alle drei den langen Weg nach Altötting zu Fuß zurücklegen.

Drehbuchautor und Regisseur Michael Ammann folgt zunächst einer nicht sonderlich originellen Dramaturgie: Ein geschiedener Vater nimmt sich endlich einmal Zeit für seine Tochter. Dann geht jedoch irgendetwas schief, so dass er sich gezwungen sieht, diese Zeit abzubrechen. Dass sich ältere Menschen weigern, die gewohnte Umgebung aufzugeben, und nicht ins Altersheim „abgeschoben“ werden wollen, wird auch in unzähligen (deutschen) Filmen thematisiert. Im Laufe der abenteuerlichen Fußreise durch Oberbayern kommen aber andere Konflikte zum Vorschein. So erzählt Richard seiner Tochter während eines Streits von seinem Bruder Stefan, der vor 23 Jahren starb. Offenbar leidet Richard darunter, dass ihre Mutter Stefan immer bevorzugte. Er ist sogar der Meinung, Hilde wäre es lieber gewesen, wenn statt Stefan er gestorben wäre. Dadurch beginnt nach offenbar langer Zeit der Entfremdung eine langsame Annährung zwischen ihnen. Das Vater-Tochter-Verhältnis bleibt dennoch getrübt: Noch steht zwischen ihnen die Frage, wie es zu Richards Trennung von Maries Mutter kam.

Die Kamera fängt die oberbayerische Landschaft so ein, dass sie beinahe wie ein weiterer Protagonist erscheint. „Diese spröde und karge Landschaft prägt den Film. Die Schönheit dieser Gegend zeigt sich erst auf den zweiten Blick, dann aber umso intensiver“, führt dazu Autor und Regisseur Ammann aus. Die schier endlose Weite unterstützt den Eindruck einer langen Reise durch eine Landschaft, die dem Regisseur vertraut ist. Kameramann Fabian Rösler bleibt zunächst auf Distanz zu den Charakteren, nährt sich ihnen mit Fortschreiten der Handlung immer mehr an. Auch dem Zuschauer werden sie immer vertrauter. Lola Dockhorn gestaltet Marie mit herrlich-pubertierender Nichtachtung ihres Vaters. Roeland Wiesnekker verkörpert einen Mann, der erst auf den zweiten Blick beim Zuschauer Verständnis, ja Zuneigung findet. Hilde, die Christine Ostermayer mit entwaffnender Glaubwürdigkeit spielt, steht im Mittelpunkt von Ammanns „Nebenwege“. Dazu erklärt der Drehbuchautor und Regisseur: „Hilde Bellers Krankheit ist nicht der Gegenstand des Films. Sie ist der Auslöser für die Veränderung der familiären Beziehungen. Hier findet eine Heilung statt und auf dieser Ebene gibt es sogar ein Happy End, wenn auch kein klassisches. Eher eines, das einen neuen gemeinsamen Weg andeutet und den Respekt und die Liebe aufblitzen lässt, die dafür nötig sind.“

Hildes Krankheit und vor allem die gemeinsame Reise in verlangsamtem Tempo erweisen sich als Triebfeder für die Überwindung jahrelanger Sprachlosigkeit. Endlich werden wichtige, offenbar jahrzehntelang unausgesprochene Fragen thematisiert. Regisseur Michael Ammann gelingt es darüber hinaus, ernsthafte Fragen mit subtil-lakonischem Humor zu verbinden, wobei trotz vereinzelter ironischer Blicke auf die Volksreligiosität die Verehrung der Schwarzen Madonna in ein positives Licht gerückt wird. Bezeichnend nehmen sich etwa in diesem Zusammenhang die Abschiedsworte eines Festzelt-Wirtes aus: „Betet für mich in Altötting“. Mit sichtbarer Zuneigung für seine Figuren plädiert Michael Amann in seinem Spielfilm „Nebenwege“ für Entschleunigung als Antwort auf den von der Leistungsgesellschaft verursachten Stress und für die damit verbundene Konzentration auf das Wesentliche.

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Filmische Qualität: Vier Sterne
Regie: Michael Ammann
Darsteller: Roeland Wiesnekker, Christine Ostermayer, Lola Dockhorn, Tilo Prückner, Stephan Zinner, Peter Rappenglück, Klaus Haderer
Land, Jahr: Deutschland 2014
Laufzeit: 90 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: --

im Kino: 7/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.